Altersheim der Nation – und jetzt?

Heute ist der internationale Tag des Alters. In 15 Jahren wird Appenzell Ausserrhoden das Altersheim der Nation sein. Ein Altersleitbild aber hat der Kanton nicht. Im Rahmen von «50+» ein Gespräch mit dem Leiter der Pro Senectute AR.

Monika Egli
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Bild: MONIKA EGLI

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AUSSERRHODEN. In der Schweiz gibt es nur vier Kantone, die kein Altersleitbild, keine Strategie für den Umgang mit der älteren Bevölkerung haben. Einer davon ist Appenzell Ausserrhoden. Das erstaunt umso mehr, als die Voraussagen des Bundesamtes für Statistik deutlich sind: Schon in 15 Jahren liegt der Anteil der Personen ab 65 Jahren in allen Kantonen über 20 Prozent; Appenzell Ausserrhoden ist dannzumal Spitzenreiter mit gut 29 Prozent.

Auch höchster Altersquotient

Markus Gmür, Geschäftsleiter der Pro Senectute AR, ergänzt, dass Ausserrhoden nicht nur der Kanton mit dem höchsten Anteil an Rentnern, sondern auch mit dem höchsten Altersquotienten der ganzen Schweiz sein wird. Das heisst, in Ausserrhoden werden dann 55 Personen im Rentenalter auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter fallen. In Genf beispielsweise werden es nur 34 Rentner auf 100 Berufstätige sein. «Eine besondere Herausforderung für alle wird sein», sagt Markus Gmür, «dass diese Zahlen wieder stark sinken werden, sobald die Babyboomers durch die Pensionierung gegangen sind; dies wird in ungefähr 30 bis 40 Jahren der Fall sein.» Die Kurve zeigt momentan also steil nach oben, um anschliessend wieder erheblich einzubrechen.

Vieles sollte geklärt werden

«Alt sein in Ausserrhoden»: Zahlreiche Fragen sind offen und bedürfen laut Markus Gmür dringend einer Gesamtplanung. «Es genügt keinesfalls, sich nur um ausreichend Plätze in Alters- und Pflegeheimen zu kümmern.» Nötig sei ein breit abgestütztes Altersleitbild, dessen wichtigste Vorgaben in einem Gesetz festgehalten werden, denn «bisher fehlt oft eine gesetzliche Grundlage». Um eine Altersstrategie zu erarbeiten, seien alle, auch die ältere Bevölkerungsgruppe, einzubeziehen: «Wir sind zu klein für Konkurrenz.» Geklärt werden muss laut Markus Gmür beispielsweise, wie diese vielen älteren Personen falls nötig gepflegt und betreut werden; ob «ambulant vor stationär» nur während Bürozeiten oder rund um die Uhr gilt; ob man alternative Wohnformen wie Pflegewohnungen oder Generationenhäuser fördern will; wie bezahlbare Alterswohnungen auch ausserhalb von Herisau errichtet werden können; wie man die verschiedenen Anbieter von Altersarbeit unter einen Hut und in eine «Behandlungskette» bringt; ob man eine Beschwerdestelle für Altersthemen oder eine offizielle Informationsstelle für Altersfragen schaffen will; wie die pflegenden Angehörigen zu entlasten sind. Und schliesslich, sagt Markus Gmür, sei die heutige ältere Generation ab dem Zeitpunkt der Rente je nach Gesundheitszustand noch 15 oder mehr Jahre gut «zwäg». «Hier liegen die Ressourcen einer ganzen Generation einfach brach.»

Wichtiger Wirtschaftsfaktor

«Die Betreuung der alten Menschen wird künftig mehr kosten als heute», sagt der Geschäftsleiter der Pro Senectute AR. Umso wichtiger sei es gerade in Zeiten von Sparprogrammen, die Angebote aufeinander abzustimmen. «Wo eine ganzheitliche Planung fehlt, ist die Gefahr von Fehlinvestitionen gross.» Für Markus Gmür ist klar: «Das sind politische Fragen. Der Kanton muss vorausgehen.» «Alt sein in Ausserrhoden» wäre seiner Ansicht nach durchaus ein Thema für ein nächstes Regierungsprogramm. «Bei uns gibt es eine Raumplanung, Verkehrsplanung, Finanzplanung und viele Planungen mehr. Wieso gibt es keine Altersplanung? Dass Ausserrhoden von der demographischen Entwicklung speziell betroffen ist, weiss man nicht erst seit heute.» Und ganz nebenbei, sagt Markus Gmür, seien die Pflege, die Heime, ja die ganze Betreuung von Älteren ein wichtiger Wirtschaftsfaktor mit grosser Wertschöpfung. Er verweist darauf, dass Heime das lokale Gewerbe unterstützen, Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen, dass sie Steuern generieren, die im Kanton bleiben. Mit geeigneten Massnahmen könnte auch das Problem der Personalknappheit entschärft werden; er denkt an attraktive Teilzeitarbeitsmodelle, Kinderbetreuung und angemessene Löhne. «Und schliesslich fördern innovative Altersangebote das Image eines Kantons.» Markus Gmür sagt abschliessend: «Die Altersversorgung soll nicht vom politischen Wind in einzelnen Gemeinden abhängen, sondern im Kanton einen vergleichbaren Standard haben.»