Alternative Fakten

Brosmete

Peter Abegglen
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Es war einmal mehr einer jener Kalenderbildtage: Schneelandschaft, stahlblauer Himmel ohne ein Wölklein und strahlender Sonnenschein. Beim Skaten auf einer Loipe, die infolge der doch etwas mageren Schneedecke sehr ruppig war – ein Italienisch sprechendes Paar benutzte den Ausdruck «pista brutta» – blieb ich kurz stehen, um die herrliche Bergwelt zu geniessen, und schon kam der Sturz, unvermittelt und deshalb überraschend. Der Schmerz im linken Daumen war stechend und liess nichts Gutes erahnen. Da waren offenbar Kräfte am Werk, die stärker waren als Bänder und Knochen des Daumengelenks. «Kräfteparallelogramm!», schoss es mir durch den Kopf, und ich erinnerte mich vage an Physikstunden, in denen vom Zusammenhang zwischen Kraftgrösse, Kraftrichtung und resultierender Kraft die Rede war. Die physikalische Kurzanalyse der Selbstdiagnose «Skidaumen» sah damit folgendermassen aus: Beim Sturz wirkt die Schwerkraft des Oberkörpers auf Unterarm, Hand und schliesslich Daumengelenk. Wirkt die Kraft genau senkrecht auf das den harten Skistockgriff umklammernde Daumengelenk, ist sie am grössten. Wenn ich mich schräg abzustützen versucht hätte oder wenn der Sturz während der Fahrt erfolgt wäre, hätte nicht mehr die volle Gewichtskraft, sondern, des Winkels wegen, eine geringere Kraft gewirkt. Super! Endlich einmal hatten Physikstunden einen Bezug zu einem tatsächlichen Ereignis! Mit dieser Erkenntnis fiel es mir nur noch halb so schwer, den Rückweg über den gefrorenen See in der Ein-Stock-Technik zu bewältigen.

Die Liebste hatte dann allerdings eine Erklärung, die meines Erachtens wenig mit physikalischen Fakten zu tun hat: «Dumm gelaufen!»

Peter Abegglen

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