Alt werden: ja – alt sein: nein

Die Kirchgemeinden und Pfarreien von Wattwil und Umgebung sowie Pro Senectute luden zur Weiterbildung «Altern zwischen Anti-Aging und Langlebigkeit» für Interessierte, Engagierte und freiwillige Helfer der Kirchen und Organisationen, in Lichtensteig ein.

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Die Kirchgemeinden und Pfarreien von Wattwil und Umgebung sowie Pro Senectute luden zur Weiterbildung «Altern zwischen Anti-Aging und Langlebigkeit» für Interessierte, Engagierte und freiwillige Helfer der Kirchen und Organisationen, in Lichtensteig ein.

Weil wir mehrheitlich noch immer ein negatives Bild vom Altern in uns tragen, schieben wir die Gedanken an die eigene Endlichkeit bewusst oder unbewusst bei Seite. Aber gerade in unserer industrialisierten Anti-Aging-Zeit und Forever-Young-Gesellschaft bleiben viele Fragen offen.

Altern als lebenswerte Kunst

Alter ist ein Wort, das unterschiedliche Assoziationen hervorruft. Sich damit auseinanderzusetzen, ist eine herausfordernde, intensive, aber auch hoffnungsvolle Aufgabe. Und wenn wir das Altern als lebensbejahende Kunst erleben, entsteht eine Pro-Aging-Bewegung, die neue Perspektiven und Chancen aufzeichnet. Denn jede Altersphase sollte sich so in die Gesellschaft einbringen dürfen, als dass sie von uns respektiert und wahrgenommen wird.

Zum Alter stehen

Referent Heinz Rüegger, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut Neumünster, Zollikerberg, Theologe, Gerontologe und Buchautor, führte durch einen nachdenklichen, aber auch lebensbejahenden Nachmittag. Er machte Mut zum Älterwerden, zum Alt sein, und dass wir nicht dem Idealbild von Werbeplakaten entsprechen müssen. Dass wir uns der Falten und Runzeln nicht zu schämen brauchen, sondern sie als Privileg betrachten dürfen, weil sich die Altersphase in einem Jahrhundert verdoppelt hat. Voraussetzung ist eine tolerante Gesellschaft, die dem Alter Würde und Respekt verschafft. Wir müssen begreifen, dass das Altern ein steter Entwicklungs- und Reifungsprozess ist, mit Gewinnen und Verlusten.

Aber wir dürfen nicht vergessen, dass nicht alle Menschen mit dem Altern zurechtkommen. Nicht alle sind mutig und kräftig genug, sich dem oft erschwerten Lebensabschnitt zu stellen oder ihn ohne Hilfe zu bewältigen. Nicht alle können dem Altern eine positive Seite abgewinnen.

Da braucht es Verständnis und Zuspruch. Da braucht es jene freiwilligen Helfer, eben jene stillen und leisen Engel, die den alten und ältesten Mitmenschen unter uns, Wärme und Mitgefühl zukommen lassen. Es braucht Helfer, die keine Berührungsängste kennen und auch faltenreiche, runzlige Hände streicheln, gebückte und gedrungene Körper umarmen und so für einen kurzen Moment die Sonne aufgehen lassen. Denn es ist unser aller Sonne, die uns bis hin ins hohe Alter scheint.

Brigitte Simonyi