Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

ALT ST. JOHANN: «Frivolité hat etwas Meditatives»

Handarbeiten hat Rosmarie Huser seit ihrer Kindheit begleitet. Von einer Bäuerin erlernte sie das alte Handwerk der filigranen Knüpftechnik.
Adi Lippuner
Stolz präsentiert Rosmarie Huser aus Alt St. Johann eines ihrer filigranen kunsthandwerklichen Produkte. (Bilder: Benjamin Manser)

Stolz präsentiert Rosmarie Huser aus Alt St. Johann eines ihrer filigranen kunsthandwerklichen Produkte. (Bilder: Benjamin Manser)

Adi Lippuner

redaktion@toggenburgmedien.ch

Stricken, Kunststricken oder Häkeln – die 1938 geborene Rosmarie Huser ist von allem begeistert. «Eigentlich hätte ich gerne einen Beruf in diese Richtung gelernt, aber das war seinerzeit nicht möglich.» Die Mutter habe als Witwe die Familie durchbringen müssen und deshalb sei eine Hauswirtschaftslehre und anschliessend noch eine Ausbildung als Verkäuferin schon ein grosses Privileg gewesen.

Auch wenn Rosmarie Huser schon seit Anfang der Sechzigerjahre im Toggenburg lebt, ihr Zürcher Dialekt ist auch heute noch unverkennbar. «Ich fühle mich hier sehr wohl, das Haus, welches mein Mann Hans seinerzeit für die Familie gebaut hat, ist mein Daheim. Und dank lieber und hilfsbereiter Nachbarn habe ich auch die schwierige Zeit während der langjährigen Krankheit meines Mannes gut überstanden», blickt sie zurück.

Leben direkt am Ufer der Thur

Wer im schmucken Einfamilienhaus auf den Balkon tritt, befindet sich direkt am Ufer der Thur. «Das Murmeln des Baches, die Natur, welche zu jeder Jahreszeit hautnah spürbar ist und die Ruhe, welche der Bach ausstrahlt, ­geben mir auch heute, nach dem Tod meines Mannes, ein Gefühl des Behütetseins», so Rosmarie Huser. Dass sie ihren Mann während mehr als zwei Jahrzehnten durch schwierige Zeiten mit viel Hoffnung und zahlreichen ­gesundheitlichen Rückschlägen begleitet hat, ist sozusagen am Rande zu erfahren.

Doch wie kam eine Zürcher Unterländerin ins Toggenburg? Die Antwort liegt auf der Hand, «schuld daran war Hans Huser». Doch der Reihe nach. «Ich bin in jungen Jahren Vespa gefahren und meine Mutter wünschte sich sehnlichst einen Ausflug auf die Sellamatt», so der Blick zurück. Dort sei dann ein freundlicher Angestellter der Bahn bereit gewesen, die beiden Frauen zu fotografieren. Und wie es dann so kam: «Wir haben uns wieder getroffen und sind uns nähergekommen.» Zudem habe ihr Hans viel später einmal gesagt: «Ich war mir schon bei der ersten Begegnung sicher, dass wir beide heiraten werden.»

Nach der Heirat machten die Kinder das Glück der Familie perfekt. Zwei Töchter, Renate geboren 1961, und Irene, Jahrgang 1965, pflegen, genau wie die fünf Enkel und der erste Urenkel, regen Kontakt zur Grossmutter in Alt St. Johann. Doch das Schicksal hatte auch eine harte Prüfung für die junge Familie bereit: «Der einzige Sohn starb bei der Geburt, das war eine schlimme Zeit für uns alle», so Rosmarie Huser.Doch von Schwierigkeiten lässt sich die vitale Rentnerin nicht von der Lebensfreude abbringen. «Auch nachdem mein Mann krank wurde und ich vieles aufgeben musste, um Zeit für ihn zu haben, bewahrte ich mir kleine Freuden.» So hat sie während Jahrzehnten an ihrer geliebten Handarbeit festgehalten. «Frivolité hat so etwas Meditatives, ich kann einfach an einem Stück dranbleiben und mich über den Fortschritt freuen. Unter Druck setzen lasse ich mich nicht, denn es wird nicht auf Bestellung gearbeitet, sondern einfach so viel, wie es Spass macht.»

Zwei geschickte Hände und einen klaren Kopf

Für die Handwerkskunst Frivolité braucht es fast nichts. Ein Faden, ein Schiffchen, zwei geschickte Hände und ein klarer Kopf genügen. Wer das Handwerk so beherrscht wie Rosmarie Huser, zaubert mit diesen einfachen Mitteln kunstvolle Spitzen und Verzierungen. Woher der Name Frivolité stammt, ist nicht ganz sicher belegt. Fest steht, er stammt aus dem Französischen. Doch selbst die Fachleute im Freilichtmuseum Ballenberg, wo zahlreiche alte Handwerke gepflegt werden, sind sich über die Herkunft nicht ganz einig.

«Möglich, dass sich der Begriff auf die Unterwäsche bezieht oder auch auf die vertraulichen Gespräche zwischen den Frauen, während sie am Knüpfen waren.» Fest stehe, dass die Handarbeit an den französischen Königshöfen verbreitet war. «Die Damen knüpften zum Zeitvertreib, allerdings mit edlen Schiffchen aus Gold, Silber oder Elfenbein, während die Schweizer Bäuerinnen vorwiegend aus Knochen geschnitzte Schiffchen benutzten», ist auf der «Ballenberg»-Website zu lesen. Und noch etwas fällt auf: Weil die Muster an Ohren erinnern, wird die Knüpfkunst auch Occhi genannt oder in Anlehnung an die verwendeten Schiffchen «Schiffchenarbeit».

Wissen im Kunststricken weitergegeben

Bis vor knapp 30 Jahren hat Rosmarie Huser regelmässig Kurse gegeben, «allerdings nie in Frivolité, dafür im Kunststricken und vielem anderem mehr», blickt sie auf die Jahre während ihrer aktiven Familienphase ­zurück. «Ich konnte mir kaum vorstellen, dass jemand nicht weiss, wie Kniesocken zur Tracht oder Armstulpen gestrickt werden, aber die Schulzimmer waren jeweils voll mit Interessentinnen.» Auch heute gebe es noch die eine oder andere Kursteilnehmerin von früher, die sich mit Fragen zu Handarbeiten an sie wende. «Das zeigt mir, dass ich den Frauen einiges mit auf den Weg geben konnte und das erfüllt mich auch Jahre später noch mit grosser Freude.»

Und während Rosmarie Huser erzählt, hat ein Sturmtief das Toggenburg fest im Griff. Der Wind rüttelt am Gebäude und ein hilfsbereiter Nachbar befreit den Vorplatz von den Schneeverwehungen. «Von solchen Menschen umgeben zu sein, ist ein Geschenk», so Rosmarie Huser.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.