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Vom Befürworter zum Gegner der Teufner Doppelspur: Ein alt Regierungsrat im Unruhestand

Als Ausserrhoder Baudirektor hat sich Jakob Brunnschweiler für die Teufner Doppelspur eingesetzt, nun bekämpft er sie. Ein Problem sieht der 69-Jährige darin aber nicht.
David Scarano
Jakob Brunnschweiler zeigt in seiner Teufner Wohnung in Richtung des angrenzenden Bahnhofs, der derzeit umgebaut wird. (Bild: David Scarano)

Jakob Brunnschweiler zeigt in seiner Teufner Wohnung in Richtung des angrenzenden Bahnhofs, der derzeit umgebaut wird. (Bild: David Scarano)

In seinem Wohnzimmer mit Blick auf den Teufner Bahnhof beugt sich Jakob Brunnschweiler konzentriert über die fast schon historisch anmutenden Strassenpläne, als ein schriller Pfiff ertönt. Der 69-Jährige blickt kurz zum Fenster hoch und sagt, «das ist nur eine Zugkomposition, die einfährt.»

Energisch wie man den ehemaligen Ausserrhoder Baudirektor kennt, setzt er seine Erklärungen fort. Mit dem Zeigfinger streicht er der Strecke entlang, wo vor fast 30 Jahren im Dorfzentrum ein Tunnel vorgesehen war. Von einem solchen träumen auch heute wieder viele Teufner. Sie ziehen ihn der geplanten Doppelspur vor.

Einer der engagiertesten und prominentesten Gegner der Doppelspur ist Jakob Brunnschweiler. Er war Sympathisant des Petitionskomitees «Marschhalt Ortsdurchfahrt» und sitzt nun im Vorstand der daraus entstandenen Interessensgemeinschaft «Tüüfner Engpass». Wegen der rasant steigenden Kosten des Projekts – in diesem Frühjahr wurden mehr als 55 Millionen Franken angetönt statt der 2015 vorgesehenen 26 Millionen Franken – fordert diese eine erneute Überprüfung der Varianten trotz mittlerweile einer Befragung und zweier Abstimmungen.

Kantonale Verwaltung hat wenig Freude

Dass sich ein Pensionär mit Elan gegen ein Grossprojekt stemmt, ist nicht ungewöhnlich. Nicht alltäglich ist allerdings, dass dies ein alt Regierungsrat tut. Und vor allem, wenn er in seiner Regierungszeit noch für die Doppelspur eingetreten ist. Sein Engagement und sein Frontenwechsel lassen denn auch aufhorchen, nicht nur in der Mittelländer Gemeinde. Wer sich in der kantonalen Verwaltung in Herisau umhört, weiss, Brunnschweiler hat sich an seinem ehemaligen Wirkungsort keine Freunde gemacht. Sein Kampf komme schlecht an, er sei wohl nie mit ganzem Herzen für die Doppelspur gewesen, heisst es dort. Wenig Verständnis hat man auch dafür, dass er mit einer Gepflogenheit bricht: Gemäss einem ungeschriebenen Gesetz haben sich ehemalige Regierungsräte politisch zurückzuhalten.

Brunnschweiler sieht sich nicht als Tabubrecher

Jakob Brunnschweiler ist sich bewusst, dass er mit seinem Engagement mancherorts aneckt. Allerdings erhalte er deutlich mehr Zuspruch, sagt er. Dennoch reagiert der Teufner gleich mit einer Reihe rhetorischer Fragen auf die Kritik:

«Darf ein ehemaliger Regierungsrat sich zu nichts mehr äussern? Ist er ein politischer Eunuch? Ist es nicht legitim, sich wieder zu engagieren? Bin ich nicht auch ein einfacher Bürger Teufens, der sich für ein Anliegen einsetzen darf?»

Brunnschweiler sieht sich nicht als Ausnahme oder gar Tabubrecher. Er steht vom Tisch auf und kehrt mit einem Schreiben in der Hand zurück – ein aktueller Parteibrief der FDP, auf dem ehemalige Regierungsräte für die Nationalratskandidatin Jennifer Abderhalden werben. «Dass ehemalige Amtsträger sich einsetzen, ist alltäglich», sagte er. Einen Unterschied zwischen Sach- und Parteipolitik will er nicht machen.

Der alt Regierungsrat und Ur-Teufner betont, es gehe nicht um ihn, er sei ein «Auslaufmodell», es gehe um Wichtigeres, nämlich darum, «was für die Ortsdurchfahrt, das Dorfzentrum, für ganz Teufen am besten ist.» Dank seiner langjährigen Erfahrung glaubt er zu wissen, dass sich die Appenzeller Bahnen, der Kanton und die Gemeinde mit der Doppelspur auf dem falschen Weg befinden. «Ein Tunnel ist auf lange Sicht die beste Lösung. Mit der Doppelspur beheben wir das Sicherheitsproblem im Zentrum weiterhin nicht», sagt er.

Doppelspur stammt aus der Bundesküche

Doch warum hat er als Ausserrhoder Baudirektor bei der Doppelspur mitgemacht? Warum hat er sich für diese in der Öffentlichkeit eingesetzt? Für die Beantwortung dieser Fragen holt Brunnschweiler aus. Er zaubert eine dicke Mappe hervor, in der er alle wichtigen Berichte, Artikel oder Edikte über das Teufner Dauerthema gesammelt hat. Es geht etwa um das Jahr 1992, als quasi für Tunnelanhänger die Teufner Ursünde begangen wurde. Damals lehnte eine Mehrheit der Bevölkerung in einer Konsultativbefragung den Bau eines solchen ab, obwohl der Bund die grosse Mehrheit der Kosten übernommen hätte. Brunnschweiler rekapituliert die gesamte, fast schon unendliche Saga rund um die Doppelspur, inklusive der Urnengänge 2015 und 2017, die der Tunnellösung zum zweiten und dritten Male eine Absage erteilten.

«Es gilt in der Demokratie die Mehrheit und es war eine Gemeindeabstimmung. Die Gemeinde hat sich stets aus Kostengründen gegen den Tunnel ausgesprochen. Als Regierungsrat war es meine Pflicht, dem zu entsprechen. Ich hätte mich als Baudirektor doch nicht dagegen stellen können», sagt Brunnschweiler bestimmt. Er betont zudem, dass er es gewesen sei, der 2011 eine erneute Überprüfung der Tunnelvariante initiiert habe. Und schliesslich: «Nicht ich, das Bundesamt für Verkehr hat verlangt, dass die Doppelspur zu projektieren sei», sagt der FDP-Politiker.

Mit viel Herzblut Landamman gewesen

Während 17 Jahren, von 1998 bis 2015, war Brunnschweiler Mitglied der Ausserrhoder Regierung. Nur wenige Amtsträger vor und nach ihm waren mit so viel Herzblut Landammann. Er nennt diese Zeit den Höhepunkt seiner Laufbahn im Dienste der Öffentlichkeit. Vor seiner Zeit als kantonaler Baudirektor politisierte der Ingenieur während zweier Jahre im Kantonsrat, davor sechs Jahre lang im Teufner Gemeinderat. Also insgesamt 25 Jahre seines Lebens widmete er der Politik. Als alt Regierungsrat im Unruhestand wandert er nun gerne, fährt Velo sowie Ski und kümmert sich um seine diversen Mandate. Er ist unter anderem Präsident der Energie-Genossenschaft und des Grubenmann-Gönnervereins. Mit der Stiftung Pro Appenzell hat er kürzlich mit Hilfe des Zivilschutzes eine kleine Brücke erneuert.

«Ich bin ein zufriedener Rentner», sagt er. «Mein Engagement für einen Tunnel ist sicherlich nicht meine Hauptbeschäftigung.»

Dennoch: An die Verkehrsprobleme in Teufen wird er täglich erinnert, denn als Anwohner ist er direkt davon betroffen. Aufgewachsen in Niederteufen lebt er seit 28 Jahren in einem Appenzeller-Bürgerhaus an der Speicherstrasse beim Kreisel und in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof, der derzeit erneuert wird. Vom Stubenfenster hat er freie Sicht auf die Baustelle. Deren Lärm ist sein ständiger Begleiter, das Quietschen der neuen Zugkompositionen der Appenzeller Bahnen in den Kurven zudem häufig ein Wecker in den frühen Morgenstunden.

Auslöser für sein öffentliches Engagement als Pensionär war unter anderem die Absicht der Appenzeller Bahnen, eine über fünf Meter hohe, «blotti» Betonwand beim Bahnhof zu erstellen. «Und das Mitten in der Ortsbildschutzzone. Da habe ich mich als Anwohner wehren müssen», sagt Brunnschweiler.

Trotz Kritik will sich der ehemalige Baudirektor weiterhin gegen die Doppelspur stemmen. Denn er glaubt, dass ein Langtunnel für Teufen bezahlbar wäre. Vor allem, weil die Kostendifferenz zwischen den Varianten kleiner geworden sei. Er verweist auf die letzten Vergleichszahlen, die mittlerweile aber fünf Jahre alt sind. Eine Grobschätzung ging von Kosten von 65 Millionen Franken für einen Tunnel aus. Unklar ist aber, wie ein Kostenvoranschlag heute ausfallen würde. Eine detaillierte Abklärung dürfte allerdings mehr als ein Jahr dauern.

30 Millionen Franken als Schmerzgrenze für Teufen

Wenn Teufen einen Tunnel will, muss die Gemeinde die Differenz zur Doppelspur bekanntlich selber bezahlen. Bislang lehnten die Bürger dies aber ab, der Preis war ihnen doch zu hoch gewesen. Als Schmerzgrenze nennt Brunnschweiler nun einen Gemeindebeitrag von rund 30 Millionen Franken. So viel könnte seiner Meinung nach Teufen investieren, ohne die Steuern erhöhen zu müssen. Was passiert, wenn die Doppelspur nun trotz Widerstands dennoch kommen sollte? «Ich habe mir schon überlegt, wegzuziehen», sagt er. Gais, Speicher und das Vorderland seien auch schön. Trotz der mehrjährigen Bauzeit dürfte dies wohl aber ein wenig realistisches Szenario sein. Dafür ist Brunnschweiler zu fest ein Teufner.

Einen Wunsch hat er allerdings noch. «Wer sich über mein Engagement aufregt, der könnte direkt an mich gelangen», sagt er. Es sei immer besser, etwas direkt anzusprechen, als «hinenume zu müffeln», wie er blumig sagt. Daran halte er sich ja auch.

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