Als ob ein Dirigent im Hirn fehlt

An der Fachtagung zum Themen rund um ADHS in der Klinik Sonnenhof in Ganterschwil nahmen rund 250 Interessierte teil.

Merken
Drucken
Teilen

GANTERSCHWIL. Ungefähr fünf Prozent aller Kinder zeigen ADHS-Symptome. Die Auswirkungen auf die Schule und der Umgang damit waren die Themen der Fachtagung an der Klinik Sonnenhof in Ganterschwil. Die meisten Leute kennen den «Hans-guck-in-die-Luft» (Unaufmerksamkeit) und den «Zappelphilippe» (Überaktivität). In der Fachsprache werden Kinder mit solchen Symptomen in die Kategorie von ADHS eingeordnet. Das sind Merkmale, die sich gerade in der Schule sehr negativ auswirken können, sowohl für ein Kind, als auch dessen Eltern und Lehrer.

Dimensionale Sichtweise

Eine Studie mit rund 62 000 Kindern habe gezeigt, dass 8,2 Prozent der 6- bis 17jährigen Kinder und Jugendlichen von ADHS mehr oder weniger betroffen seien, sagte Robert Fisch, Chefarzt der Klinik Sonnenhof. «46 Prozent davon wiesen zusätzlich eine Lernstörung, 27 Prozent eine Verhaltensstörung und zwölf Prozent eine Sprachentwicklungsstörung auf.» Da lohne sich eine Auseinandersetzung mit diesem Thema vor allem auch in Bezug auf den Bereich Schule. Dazu sei eine dimensionale Sichtweise notwendig, also ausgerichtet auf mehrere Faktoren, die ein Kind beeinflussen könnten.

Die Fachpsychologin, Psychotherapeutin und Heilpädagogin Monika Brunsting verglich den Zustand im Hirn eines ADHS-Kindes mit jenem eines Orchesters ohne Dirigenten. Das Kind könne die sogenannten exekutiven Funktionen wie Handlungsplanung, Organisation des Verhaltens, Zeitgefühl und Zeitmanagement nicht kontrollieren. Es fehle an Selbststeuerung. Deshalb gelte es, zum Beispiel die Aufmerksamkeit zu trainieren. Ebenso wichtig sei für die Kinder, dass sie kindgerecht unterrichtet würden. Klare Strukturen, definierte und überblickbare Aufgaben, Ruhe und Regelmässigkeit stünden im Vordergrund. «Viele moderne Unterrichtsformen überfordern ADHS-Kinder, weil sie ausgeprägte exekutive Funktionen benötigen. Deshalb sollte die Schule Strukturen anbieten, welche die Selbststeuerung unterstützen.»

Realistische Erwartungen

In ihrer Forschungsarbeit hat Christina Stadler von der Universität Basel festgestellt, wie negativ sich der Teufelskreis mit Überforderung, sinkendem Selbstbewusstsein und Ablehnung gegen Lernen auswirkt. Denn mit geringem Selbstwertgefühl nehme aggressives Verhalten zu, sagte sie. Komme es zu Wutausbrüchen, müsse das Gefühl ernst genommen werden, dem Kind aber klar gemacht werden, dass nicht jedes damit verbundene Verhalten erlaubt sei. Hilfreich zur Vermeidung von Aggression sei, an die Kinder realistische Erwartungen zu stellen und Ziele zu formulieren. Winke bei Erfüllung der Ziele eine Belohnung, so seien die Erfolgschancen höher. In der Öffentlichkeit oft kontrovers diskutiert wird die Medikation bei Kindern. Von Ruhigstellen ist meist die Rede. «Bei dieser Diskussion sollte klar sein, dass niemand gerne Medikamente nimmt», sagte der Facharzt Gerhard Libal aus Ulm. «Es geht nicht um Ruhigstellen, sondern um die Unterstützung der exekutiven Funktionen.» Sobald Eltern eine Veränderung der Persönlichkeit ihrer Kinder feststellen würden, so stimme mit der Dosierung oder mit der Medikamentenwahl etwas nicht. Da müsse sofort gehandelt werden. Denn: «Medikamentöse Therapien sind hilfreich und sehr wirksam. Das haben Studien gezeigt.» (pd)