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Interview

Als «Landei» in Sion: Drei Kantischülerinnen erzählen von ihrem Sprachaustausch

Im Rahmen eines Schüleraustauschprojekts der Kanti Trogen haben Rebecca Dörig, Lea Sager und Manuela Reifler das vergangene Schuljahr am Lycée-Collège de la Planta in Sion verbracht. Im Interview ziehen die drei Kantonsschülerinnen Bilanz.
Claudio Weder
Nahmen am Austauschprojekt der Kanti Trogen teil: Rebecca Dörig (17) aus Herisau, Lea Sager (17) aus Bühler und Manuela Reifler (17) aus Hundwil. (Bild: Claudio Weder)

Nahmen am Austauschprojekt der Kanti Trogen teil: Rebecca Dörig (17) aus Herisau, Lea Sager (17) aus Bühler und Manuela Reifler (17) aus Hundwil. (Bild: Claudio Weder)

Rebecca Dörig, Lea Sager und Manuela Reifler, Sie haben – gemeinsam mit vier weiteren Schülern der Kanti Trogen – am Austauschprojekt mit Sion mitgemacht. Nun sind Sie zurück. Wie viel einfacher fällt Ihnen der Französischunterricht hier in Trogen?

Lea Sager: In Sion besuchten wir den Französischunterricht für Muttersprachler. Das heisst: Wir haben dort hauptsächlich Bücher gelesen und analysiert. Was das Leseverständnis und die Literaturkenntnisse anbelangt, haben wir nun sicher einen grossen Vorteil gegenüber unseren Mitschülern.

Manuela Reifler: Aber auch im Mündlichen machten wir natürlich grosse Fortschritte. In Sachen Grammatik sind wir aber noch auf demselben Stand.

Wie unterscheidet sich der Unterricht der beiden Kantonsschulen?

Sager: In Sion wurde fast ausschliesslich frontal unterrichtet. Die Schüler hörten zu und schrieben auf, was die Lehrpersonen erzählten. Unterschiede gab es auch bei den Unterrichtsplänen; diese waren nicht aufeinander abgestimmt, was ich schade fand. Wir behandelten Stoffe, die wir schon kannten. Auch Physikunterricht hatten wir – im Gegensatz zu Trogen – in Sion nicht. Dadurch hinken wir nun ein ganzes Jahr hinten nach.

Reifler: Vieles basierte auf Auswendiglernen. In Trogen ist mehr Eigenverantwortung gefragt. Man lernt für sich selber und nicht nur für die Prüfung.

Dörig: Auffällig war auch der stärkere Bezug der Kanti Sion zur Religion. Wenn der Lehrer ins Klassenzimmer kam, mussten wir immer aufstehen. Zudem hatten wir Religionsunterricht, was wir in Trogen nicht haben.

Welche weiteren Unterschiede zwischen Trogen und Sion sind Ihnen aufgefallen?

Sager: Rein menschlich betrachtet haben die Walliser eine ganz andere Mentalität als wir Appenzeller. Sie scheinen weniger organisiert zu sein, in Sachen Pünktlichkeit nehmen sie es nicht so genau – und sie sind ein trinkfestes Volk.

Dörig: Zudem war das Wetter im Wallis eindeutig besser als im Appenzellerland.

Aller Anfang ist bekanntlich schwer. Erzählen Sie mir von Ihrem ersten Schultag in Sion.

Reifler: Wir waren ziemlich orientierungslos, wussten nicht, wo wir hingehen mussten. Der Lycée-Collège de la Planta ist eine riesige Schule – da ist man schnell verloren.

Dörig: Die Austauschschüler wurden einer Klasse zugeteilt. Wenn man Glück hatte, war noch eine zweite Person aus Trogen dabei, man durfte dann aber nicht nebeneinander sitzen. Als die Klassenlehrerin ins Zimmer kam, ergoss sich ein Wasserfall von Wörtern aus ihrem Mund – ich war völlig überfordert.

Sager: In der ersten Schulwoche bin ich sehr früh ins Bett gegangen. Meist hatte ich am Abend Kopfschmerzen. Das aktive Zuhören machte mich fertig.

Wie haben Sie Ihre Freizeit in Sion gestaltet?

Sager: Am Wochenende unternahm ich oft etwas mit meiner Gastfamilie. Wir gingen zum Beispiel Skifahren. Ab und zu ging ich auch nach Hause. Gut am Austausch mit Sion ist, dass die Distanz zwischen den beiden Orten gering ist; man ist schnell zu Hause. Grundsätzlich haben wir aber sehr viel Zeit mit Lernen beschäftigt. Man könnte also sagen, die Schule war unser Haupthobby.

Dörig: Wir haben uns aber auch viel untereinander getroffen. Es ist schön, wenn man sich zwischendurch in der eigenen Sprache unterhalten kann, man kann sich in ihr einfach am besten ausdrücken.

Wie sehr hat die französische Sprache Ihr Leben in Sion bestimmt?

Reifler: Wenn man nur Französisch hört, kommt einem nur noch Französisch in den Sinn. Wir konnten am Schluss nicht mal mehr richtig Englisch.

Dörig: Mit Deutsch hatten wir auch unsere Probleme. Die Leute schauten uns im Zug immer doof an, weil wir uns in einem deutsch-französischen Kauderwelsch unterhielten.

Hatten Sie zwischendurch auch Heimweh?

Sager: Ich hatte schon Heimweh am Anfang – es wird einem bewusst, was einem fehlt: das Mami, das Fussballtraining, das eigene Zimmer.

Reifler: Ich vermisste vor allem den Turnverein; das gibt es in Sion nicht. Oder «Freiräume», in denen man seinen Gefühlen freien Lauf lassen kann. In der Gastfamilie konnte man nicht immer sich selber sein.

Gab es Situationen, die Sie ins Schwitzen brachten?

Dörig: Gleich zu Beginn wurde Lea – als Fussgängerin – in einen Verkehrsunfall verwickelt. Dieses Ereignis prägte uns.

Sager: Es ging mir zum Glück schnell wieder gut – aber in dieser Situation merkten wir, wie schwierig es ist, sich auf Französisch in einer solchen Situation durchzuschlagen.

Reifler: Wir mussten erst einmal gewisse Wörter nachschauen, bevor wir der Polizei anrufen konnten. Da wurde uns bewusst, dass wir drei Landeier sind und von nichts eine Ahnung haben (lacht).

Kamen Sie gut mit Ihren Gastfamilien aus?

Reifler: Ich war in einer Familie mit kleinen Kindern. Das war super. Dank der Kommunikation mit den Kindern gelang es mir schnell, mich ins Familienleben zu integrieren.

Sager: Meine Situation war ziemlich speziell: Ich war in einer Familie mit drei Kindern, wobei die Eltern geschieden waren. Ich lebte also sozusagen in zwei Familien. Zudem war nochmals eine Schülerin aus Trogen in der gleichen Familie.

Dörig: Meine Gasteltern wussten kaum etwas über mich, sie wussten nur, dass ein Mädchen kommt. Das Dossier mit den Infos zu meiner Person kam nie bei ihnen an. Im Vorfeld habe ich sie nur einmal kurz gesehen.

Der Austausch hat Sie fachlich weitergebracht. Inwiefern konnten Sie auch auf persönlicher Ebene davon profitieren?

Sager: Ich denke, wir haben uns alle als Mensch verändert. Wir sind selbstständiger geworden, da wir uns viel selber organisieren mussten. Man lernt während eines solchen Austauschs viel über sich selber. Wir sind alle auch erwachsener geworden.

Reifler: Ich habe meine persönlichen Grenzen kennengelernt. Ich habe Situationen erlebt wie ein Familienfest, an dem ich das einzige Nicht-Familienmitglied war. Man muss bei einem solchen Austausch immer offen sein.

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