Rückblick auf das Jahrhundertprojekt Bahnhofbau: Eine Zeit, als Herisau
im Grössenwahn war

Der zweite Bahnhof in Herisau war eine Baustelle, wie sie das Appenzellerland bis heute nie mehr erlebt hat.

Karin Erni
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Für den neuen Herisauer Bahnhof entstand eine gigantische Grossbaustelle, wie sie das Appenzellerland vorher und nachher nie gesehen hat.

Für den neuen Herisauer Bahnhof entstand eine gigantische Grossbaustelle, wie sie das Appenzellerland vorher und nachher nie gesehen hat.

Bilder Museum Herisau
Thomas Fuchs, Kurator des Musesums Herisau.

Thomas Fuchs, Kurator des Musesums Herisau.

Bild: APZ

Zwischen 1907 und 1910 entstand in Herisau mit dem neuen Gemeinschaftsbahnhof ein Jahrhundertbauwerk. Zuvor – von 1875 bis 1910 – befand sich der Herisauer Bahnhof etwa dort, wo heute der Bernina-Laden steht. Das bescheidene Stationsgebäude mit Güterschuppen bildete einen Sackbahnhof. Die Züge dampften damals noch von Winkeln herauf Richtung Dorf. Das Trassee befand sich etwas oberhalb des heutigen Bahnhofs. «Um Richtung Urnäsch weiterzufahren, mussten die Züge wieder zurück zum Ebnethang und dort eine Spitzkehre ausführen», sagt Thomas Fuchs, Kurator des Museums Herisau.

Der erste Bahnhof lag nahe des Dorfzentrums, dort wo sich heute der Bernina-Laden befindet.

Der erste Bahnhof lag nahe des Dorfzentrums, dort wo sich heute der Bernina-Laden befindet.

Die Appenzeller Bahn bekam in Herisau bald Konkurrenz. In Degersheim bildete sich 1889 ein Initiativkomitee für eine Eisenbahnverbindung von St.Gallen über Herisau und das Neckertal nach Rapperswil. Führender Kopf war der Degersheimer Stickereifabrikant Isidor Grauer-Frey, der sich auch für eine Fortsetzung der Strecke über Rapperswil hinaus nach Zug einsetzte, um den Anschluss an die Gotthardbahn zu verwirklichen. Diese Konzession wurde von der Bundesversammlung am 27. Juni 1890 erteilt. 1898 begann die Projektierung der Bodensee-Toggenburg-Bahn von Romanshorn nach Rapperswil. Das mutige Bauprojekt mit vielen Kunstbauten und Tunnels wurde durch die öffentliche Hand unterstützt, sagt Fuchs. «Herisau kaufte 1899 und 1902 BT-Aktien im Wert von 1,4 Millionen Franken. «Dies verursachte eine allgemeine Steuererhöhung und die Einführung einer neuen Handänderungssteuer. Die Verschuldung wuchs von 1902 bis 1913 von 147600 auf fast drei Millionen Franken.»

Verlegung des Bahnhofs wurde nötig

Konzessionen musste Herisau beim Standort des neuen Bahnhofs machen. Man hätte diesen gern zentrumsnah bei der Kaserne gehabt, so Thomas Fuchs. «Doch das war aus topografischen Gründen nicht möglich, zu viele Höhenmeter hätten überwunden werden müssen und es wäre zu teuer geworden.» Schliesslich willigte die Gemeinde in eine Tieferlegung des Bahnhofs ein. Im Sommer 1907 war Baubeginn. Dafür musste das Tobel des Wiesentals aufgefüllt und die Senke zwischen Mühlebühl und Ziegelhütte ausgeebnet werden. «Es war eine gigantische Grossbaustelle, wie es sie vorher und nachher nie mehr gegeben hat im Appenzellerland», sagt Fuchs. 45000 Kubikmeter Gestein wurden dafür verschoben, 1000 Bauarbeiter aus Italien rackerten sich mit Schaufeln und Pickeln ab. Um den Rückstand aufzuholen, wurden sie im Sommer 1909 von einem 50 Tonnen schweren Dampfbagger unterstützt – auch das war eine Premiere hierzulande.

Streckenänderung der Appenzeller Bahn

Die Station der Appenzeller Bahn musste zu Gunsten der BT an den heutigen Standort verlegt werden. Der Mühlebühltunnel wurde durch einen tiefer gelegenen Neubau ersetzt, damit dort keine Gebäude abgebrochen werden mussten. Um den Bahnhof mit allen Quartieren zu verbinden, wurde ein Netz von neuen Strassen gebaut. Am 1. Juni 1910 fuhr der erste fahrplanmässige Zug der Appenzeller Bahn im neuen Gemeinschaftsbahnhof ein.

So präsentierte sich der neue Herisauer Bahnhof bei seiner Eröffnung 1910. Bis heute wurde er mehrfach erweitert.

So präsentierte sich der neue Herisauer Bahnhof bei seiner Eröffnung 1910. Bis heute wurde er mehrfach erweitert.

Am 1. Oktober wurde das Werk mit einem grossen Fest eingeweiht. Der für den Güterverkehr langersehnte Anschluss ans Normalspur-Bahnnetz war endlich Realität geworden. Der Bahnverkehr war von grosser wirtschaftlicher Bedeutung. Über ihn lief fast der gesamte Waren- und Gütertransport. Wegen der Konkurrenz durch die BT entschied sich die Appenzeller Bahn, in Gossau an das Normalspurnetz anzuschliessen. 1913 wurde der neue Abschnitt Herisau–Gossau eröffnet, die alte Strecke Herisau–Winkeln wurde anschliessend stillgelegt und abgebrochen.

Grossstadtpläne in Herisau

Der Abbau des alten Bahnhofs der Appenzeller Bahn ermöglichte die Gestaltung der Bahnhofstrasse, wie sie sich heute noch präsentiert. Die Herisauer hatten sich von Zürich inspirieren lassen und wollten eine ähnliche Prachtstrasse, die vom neuen Bahnhof ins Dorf führte. Fuch erklärt:

«Es war eine dynamische Zeit, die Industrie lief auf Hochtouren und Herisau wollte mit den wichtigen Städten in der Schweiz mithalten».

Die Idee sei gar nicht so abwegig gewesen, denn zu jener Zeit war Herisau etwa gleich gross wie Schaffhausen oder Chur. Die Gemeinde erlebte Anfang des 20. Jahrhunderts einen Bauboom. Die bahnhofsnahen Gebiete Burghalde, Kreuzhöhe und Schützenstrasse sollten im grossen Stil überbaut werden. In deren Zentrum, im Ebnet, war eine Mustersiedlung im Stile einer Gartenstadt vorgesehen. Die Pläne wurden sogar an der Landesausstellung in Bern gezeigt. Der Erste Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise in den 1920/30er-Jahren, die insbesondere die Textilindustrie hart traf, setzten den hochfliegenden Plänen aber ein Ende.

Das Bahnhofsgebäude wurde bis heute mehrmals erweitert und ist in seinen Grundstrukturen erhalten geblieben. Die letzte grosse Erneuerung fand von 1974 bis 1977 statt. Ein beim Neubau nicht realisiertes Projekt, die direkte Fussgängerverbindung zum Ebnet, ist Bestandteil der neuen Bahnhofsüberbauung, über die am 27.September abgestimmt wird.