Allerlei Tierisches

Brosmete

Gabriele Barbey
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Licht fällt durch eines der kleinen Estrichfenster herein und beleuchtet etwas Helles, Längliches. Ich gehe näher: Ein Hundekopf ist’s, ein schmaler, windhundartiger. Er ist aus gelblichem Horn geschnitzt. Und er hat kleine, blaue Augen, Glasaugen, richtig vif schaut er, gar nicht hündisch. Es ist der Knauf eines zierlichen Spazierstocks, der mit anderen Exemplaren in einem verstaubten Schirmständer steht. Der Horngriff fühlt sich gut an, kühl und handlich. «Du, der wartet geradezu auf mich», sage ich zu meinem Mann, der darauf «Staubfänger» brummelt.

Eigentlich bin ich keine Hundefreundin, auch keine Hundefeindin. Ich bin einfach nicht der Haustiertyp. Am liebsten sind mir Tiere, die man zufällig trifft, in freier Wildbahn sozusagen. Wie vor einem Jahr in einem lichten Tessiner Wald die Wildsau mit ihren Jungen, die eins hinter dem anderen fast in Griffnähe an uns vorbeigetrabt sind. Oder das Felltier, das uns kürzlich am Buchserberg über den Weg gelaufen ist – zuerst ist uns nur ein graubrauner Rücken aufgefallen. Eine Wildkatze? Als das Tier dann in Richtung eines Bauernhauses abbog, sahen wir es genau: ein Dachs, mitten an einem sonnenhellen Tag. Den letzten Dachs hatte ich vor Jahren in Herisau gesehen, als er in der Abenddämmerung die Strasse zwischen dem Haus Tannenbaum und der Kirche überquerte. Die weissen Streifen am Kopf leuchteten.

Zurück zum Flanierstock mit Hundekopf: Der Besitzer des Estrichs, ein allseits bekannter Hackbrettbauer und leidenschaftlicher Sammler von Kuriositäten, hat ihn mir überlassen. «Den Stock kannst du vielleicht bald brauchen, jetzt, wo du pensioniert bist.» (Ob er’s wirklich so gesagt hat? Schwören möchte ich es nicht ...)

Gabriele Barbey