All meine vielen Inseln

Ich habe unendlich viel Zeit für meine Inseln. Eine Insel heisst Ombos, dorthin begebe ich mich, wenn mir die Realität zu nahe auf die Pelle rückt.

Paul Gisi
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Bild: Paul Gisi

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Ich habe unendlich viel Zeit für meine Inseln. Eine Insel heisst Ombos, dorthin begebe ich mich, wenn mir die Realität zu nahe auf die Pelle rückt. Ombos ist eine versunkene altägyptische Stadt, die ich mühelos wiederauferstehen lassen kann, und dann schlendere ich vergnügt auf Avenuen zwischen phantastischen Palazzi, schaue den Wolken nach und den vielfarbenen Vögeln und fühle mich unendlich frei.

Wenn das miserable, dauernd verdämmerte Wetter mich plagt, höre ich eine Sinfonie von Mozart, auch das ist eine Insel. Oder besuche ein Atelier von Marc Chagall und werde froh über seine über die Dächer fliegenden Menschen. Oder schlurfe durch Notre-Dame de Paris und höre in mir Beethovens Benedictus aus der «Missa Solemnis». Auch das sind Inseln.

Inseln nehmen von Zeit zu Zeit auch die Form von Oasen an. Nach tagelangen Durststrecken erreiche ich plötzlich einen Bereich, in dem sich alles erholen kann, wo Nichtstun eine wunderbare Sache ist.

Erinnerungen sind auch Inseln. So nahm ich letzthin eine Schuhschachtel vom Estrich, in die ich Ursulas Liebesbriefe an mich legte. Es sind wohl manche Stunden vergangen, in denen ich in diesen Briefen las und las und mich erinnerte, an meine Liebe zu Ursula, an Ursulas Liebe zu mir. Ich war zum ersten Mal auf dieser Insel, doch ich nehme mir vor, sie bald wieder zu besuchen.

Von Insel zu Insel zu hüpfen, ist etwas Herrliches, Einmaliges, Wundervolles. Bei einem Schluck Marc, der zehn Jahre verträumt sinnend in einem Eichenfass gereift ist, bereitet es mir keine Mühe, durch den El Escorial zu schlendern, über den Genfersee zu fahren, in der Burg Caernarvon in der Grafschaft Nordwestwales herumzukraxeln, einen jungen Hamster zu streicheln, einen Violinschlüssel zu kalligraphieren, mit Sokrates am Flussufer zu promenieren und über ethische Selbstbesinnung und Lebensführung zu diskutieren, in der spätgotischen Benediktinerabtei Solesmes über Glück nachzudenken.

All meine vielen Inseln: Ich liebe euch!

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