Alfred Jäger, 1941–2015

In der Nacht vom 1. auf den 2. März starb unerwartet der Theologe Alfred Jäger im Alter von gut 73 Jahren. Nach Abschluss der Kantonsschule St. Gallen studierte der Urnäscher evangelische Theologie in Zürich, Rom, Basel, Göttingen und Princeton.

Frank Jehle
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In der Nacht vom 1. auf den 2. März starb unerwartet der Theologe Alfred Jäger im Alter von gut 73 Jahren. Nach Abschluss der Kantonsschule St. Gallen studierte der Urnäscher evangelische Theologie in Zürich, Rom, Basel, Göttingen und Princeton. Zur Überraschung vieler liess sich der Hochbegabte und vielseitig Interessierte als Pfarrer nach Wolfhalden berufen, wo er teilweise neue Wege in der Seelsorge beschritt. Unvergessen bleiben die von ihm initiierten «weltlichen» Gottesdienste im Gasthaus Krone. Auch das bis heute gültige Konzept der Zeitschrift «Magnet», des appenzellischen «Kirchenboten», wurde von ihm entwickelt.

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Ab 1975 war er Studentenpfarrer an der HSG, eine Zeitlang auch Religionslehrer an der neu gegründeten Kantonsschule Heerbrugg sowie der erste Leiter des Katecheteninstituts der Kantonalkirche. Auch in St. Gallen beschritt er neue Wege, etwa indem er zusammen mit seinem eine Generation älteren katholischen Kollegen Richard Thalmann den bis heute bestehenden ökumenischen Universitätsgottesdienst ins Leben rief. Gemeinsam luden Thalmann und Jäger auch weltweit führende Theologen wie Karl Rahner, Johann Baptist Metz, Jürgen Moltmann und Eberhard Jüngel zu Grossveranstaltungen in der Aula der HSG ein. Mit dem Slogan «Religion bleibt» warb Jäger für diese Anlässe auch in den Bussen der städtischen Verkehrsbetriebe.

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Ab Herbst 1981 wirkte Jäger als ordentlicher Professor für Systematische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Bethel in Bielefeld. «Mut zur Theologie» ist der Titel seines ersten Buches nach dem Umzug nach Deutschland, beruhend auf einer Vorlesungsreihe für Erstsemestrige. Immer wieder neu zur eigenen Sache, sagte er hier, komme Theologie nicht dadurch, dass sie nur Altbewährtes und allseits Abgerundetes repetiere. Theologie sei ein schöpferisches Unternehmen.

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In seiner Zeit an der HSG hatte Jäger sich intensiv in die Wirtschaftswissenschaften eingelesen. Von ihm war auch der erste Anstoss zur Einrichtung eines Lehrstuhls für Wirtschaftsethik ausgegangen. Besonders beeindruckte ihn das Lebenswerk des an der HSG wirkenden Hans Ulrich (1919–1997), des Vaters des St. Galler Managementmodells. In Bethel dozierte Jäger deshalb nicht nur über die traditionellen theologischen Themen (das natürlich auch), sondern er adressierte sie an die Kirchenleitungen, um ihnen klarzu- machen, dass die heutige Managementlehre auch in der Kirche angewendet werden müsse. Besonders im kirchlichen Finanz- und Personalwesen genüge der gute Wille nicht. Ökonomische Kenntnisse seien unerlässlich.

In Bethel befinden sich im 19. Jahrhundert von Friedrich von Bodelschwingh gegründete diakonischen Einrichtungen: Kranken- und Behindertenheime usw. Auch hier erkannte Jäger, dass das St. Galler Managementmodell für die Führung derartiger Institutionen hilfreich sein kann. In zahllosen Vorträgen, Kursen und Publikationen entwickelte er einen neuen Typ der Diakoniewissenschaft. «Diakonie als christliches Unternehmen» ist der charakteristische Titel eines seiner Bücher. Besonders auch diakonische Einrichtungen in Osteuropa – von Weissrussland bis nach Ungarn – fragten immer neu um seinen Rat. Nicht ohne Grund verlieh ihm die Theologische Fakultät von Debrecen, der reformierten Hochburg Ungarns, den Ehrendoktor. Anlässlich seiner Emeritierung im Jahr 2007 und seiner Rückkehr in die Schweiz schenkte er Debrecen einen grossen Teil seiner umfangreichen und wertvollen theologischen Privatbibliothek. Inhaltlich-theologisch ist Alfred Jägers Lebenswerk durch eine grosse Offenheit ausgezeichnet. Unablässig suchte er das Gespräch mit der Philosophie. In seiner Dissertation «Reich ohne Gott» setzte er sich mit dem unorthodoxen Marxisten Ernst Bloch auseinander. Seine Habilitationsschrift «Gott – nochmals Martin Heidegger» von 1978, ein monumentaler Band von 514 Seiten, sucht in sorgfältiger Analyse eines Textes Martin Heideggers nach neuen Wegen eines Redens von Gott, das nicht nur verstaubte Formeln repetiert. Was Jäger vorschwebte, war eine «Theologie des Lebens».

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Im Hintergrund steht Jägers innige Liebe – weniger zur orthodoxen dogmatischen Theologie, sondern – zur Mystik. Die Bücher Meister Eckarts und Jakob Böhmes hatten in seiner Bibliothek einen wichtigen Platz. «Rabbi X. sagte zu einem Buben: Ich gebe dir einen Gulden, wenn du mir sagst, wo Gott ist. Der Bub antwortete: Und ich gebe Ihnen zwei Gulden, wenn Sie mir sagen, wo Gott nicht ist.» Die Kürzestgeschichte Martin Bubers drückt Jägers religiöse Grundhaltung präzis aus. Kurz vor seinem Tod war es Jäger möglich, einen Sammelband mit Vorträgen und Aufsätzen definitiv zu bereinigen und an den Verlag zu schicken. Über dieses, sein abschliessendes Vermächtnis, werden viele, die Alfred Jäger kannten, und auch viele andere sich freuen.

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