Albert Einsteins Wattwiler «Papa»

Vor 120 Jahren holte der aus Deutschland stammende Albert Einstein in Aarau die Matura nach. Damals wohnte der spätere Nobelpreisträger bei seinem Toggenburger Hausvater Jost Winteler.

Serge Hediger
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Bilder: Orren Jack Turner, Paul Winteler

Bilder: Orren Jack Turner, Paul Winteler

Physik: 6. Algebra: 6. Darstellende Geometrie: 6. Das Maturazeugnis, das der Aargauer Erziehungsrat diesem Kantonsschüler ausstellte, konnte sich sehen lassen. Wenngleich in Französisch noch ein ungenügender Dreier hinzukam – der 17-Jährige hatte mit Datum vom 3. Oktober 1896 die Zulassung für ein Studium am Polytechnikum Zürich, der heutigen ETH, in der Tasche. Endlich. Ein Jahr zuvor noch war er durch die Aufnahmeprüfung gefallen.

Zwischen diesen beiden Ereignissen liegt eine Zeit, die in den Biographien des damaligen Kantischülers gerne als das «Aarauer Jahr» erwähnt wird. Der Name des Maturanden? Albert Einstein (1879–1955).

Toggenburger Hausvater

Von ihm, dem theoretischen Physiker, späteren Nobelpreisträger (1922) und weltberühmten Entdecker der Relativitätstheorie, weiss man gemeinhin, dass er aus Deutschland kommend an der Kantonsschule in Aarau die Matura nachholte. Wenig bekannt ist indessen, dass er während dieser Zeit im «Rössligut» bei der Familie eines Kantonsschullehrers für Geschichte und Griechisch unterkam. Der Name des Professors? Jost Winteler aus Nesslau.

Einsteins Hausvater also war ein Toggenburger, der mit seinen Eltern aus dem glarnerischen Filzbach zugezogen war, in der Fosen hoch über Krummenau zu wohnen kam und in Nesslau die Realschule besuchte. Seinen Lebensabend wiederum verbrachte Jost Winteler ab 1914 in Wattwil auf Hochsteig. Als er hier im Februar 1929 82jährig starb, würdigte ihn der «Kirchenbote für das evangelische Toggenburg» mit dem Gedicht «Hornstoss».

Dichter und Vogelkundler

Die Zeilen dieses Werks stammen aus der Feder Wintelers, der mehr war als nur Geschichtslehrer. Für seine Doktorarbeit, die dialektologische Untersuchung der höchstalemannischen Mundart in den Dörfern am Kerenzerberg, wurde ihm zeitlebens höchste wissenschaftliche Ehre zuteil. Auch als Ornithologe, Mitbegründer der Zeitschrift «Tierwelt» und Verfasser des Standardwerks «Einführung in die Singvögelkunde» genoss er hohes Ansehen – obschon seine Brutnachweise, etwa die der Drosselarten, nicht immer über alle Zweifel erhaben sein sollen. Von ihm ist überliefert, dass er auf der Hochsteig in Wattwil zu Studienzwecken zahlreiche Stubenvogelvolieren unterhalten hat. «Stundenlang konnte er sein Ohr an das Gitter eines Käfigs halten und den mannigfachen Tönen ehrfürchtig lauschen, ganz offen für die Wunder der Schöpfung», schrieb der «Toggenburger Heimat-Kalender» anlässlich seines 20. Todestags.

Nur als Dichter wollte Winteler der Durchbruch nicht gelingen: Während seinem Kollegen, dem Aargauer Buchautor Carl Spitteler («Die Mädchenfeinde»), 1919 der Nobelpreis für Literatur zuerkannt wurde, erhielt Jost Winteler für sein Werk «Tycho Pantander» gerade einmal 1000 Franken aus dem Preisgeldfonds der Schweizerischen Schillerstiftung. Pikant am Verhältnis der beiden: Im Bewerbungsverfahren um die Anstellung an der Kantonsschule Aarau 1894 war Spitteler Winteler unterlegen.

«Papa Winteler»

Ob Dichter oder Vogelkundler – für Albert Einstein war der Professor vor allem «Papa Winteler», wie er ihn nannte. «In seinem Haus fand er weit mehr als nur Kost und Logis, nämlich eine familiäre Heimat», berichtet denn auch die Biographie menscheinstein.de. So habe der Professor dem Kantonsschüler «ein elementares Politikverständnis vermittelt, das ihn später geschützt hat, den Charakter des Dritten Reiches auch nur einen Moment zu verkennen».

Einstein und Winteler waren «persönlich befreundet», heisst es in einem Artikel der «Schweizer Monatshefte», was später durch doppelte Heiratsbande vertieft worden sei. Tatsächlich heiratete Wintelers Tochter Anna 1898 Einsteins langjährigen Freund Michele A. Besso. Und Sohn Paul feierte 1910 Hochzeit mit Einsteins Schwester Maja.

Und Wintelers Frau Pauline? Der grosse Einstein, der sich mit der Äquivalenz von Masse und Energie beschäftigte – er nannte sie einfach «Mamerl».