Albasini: «Ich bin kein Rassist»

Noch drei Tage, dann ist die Tour de France 2014 vorbei. Ich fühle ich mich gut, versuche heute nochmals anzugreifen. Den Grossteil der zugenommenen Kilos habe ich wieder verloren. Es sind eigentliche Wasserballons im Körper als Reservetanks entstanden.

Michael Albasini
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Michael Albasini (Bild: uhu)

Michael Albasini (Bild: uhu)

Noch drei Tage, dann ist die Tour de France 2014 vorbei. Ich fühle ich mich gut, versuche heute nochmals anzugreifen. Den Grossteil der zugenommenen Kilos habe ich wieder verloren. Es sind eigentliche Wasserballons im Körper als Reservetanks entstanden. Diese haben sich nach der entsprechenden Behandlung literweise entleeren lassen.

Unangenehmer war für mich zuletzt der in den Medien aufgegriffene Rassismusvorwurf. Ich soll den dunkelhäutigen Franzosen Kévin Réza aus der Europcar-Mannschaft unterwegs als «dreckigen Neger» beschimpft haben. Was nicht den Tatsachen entspricht. Die fragliche Szene spielte sich auf der 16. Etappe in der Fluchtgruppe ab.

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Nach mehreren Versuchen gelang es durch einen enormen Kraftaufwand, eine Fluchtgruppe zu bilden. Sie bestand zu jenem Zeitpunkt aus fünf Fahrern. Darunter war auch Kévin Réza. Wir wiesen nur rund 40 Sekunden Vorsprung auf. Er verweigerte in jener Phase konsequent die Führungsarbeit. Ich habe ihn in der Hetze des Gefechts und unter der enormen Belastung verbal mit den verschiedensten Ausdrücken ziemlich schroff zusammengestaucht.

Solche Dispute gibt es unabhängig der Hautfarbe unter den Fahrern immer wieder, wenn unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen, die einen arbeiten und die andern ohne grösseren Kraftaufwand im Windschatten mitfahren. In andern Sportarten ist dies nicht anders. Ob im Fussball, Eishockey oder Radsport, es fallen nicht nur freundliche Worte.

Was ich in jenem Moment genau gesagt habe, vermag ich nicht zu wiederholen. Rassistische Ausdrücke waren jedoch nicht dabei. Die ganze Sache wurde öffentlich, weil Réza seinen sportlichen Leiter Jean-René Bernaudeau so informierte, wie er die Szene wahrgenommen hatte und Bernaudeau seinen Fahrer im Ziel live und ohne jegliche Rücksprache mit mir in die Fernsehkameras zitierte. Von «dreckigem Neger» war die Rede. Damit waren die Meinungen gemacht. Kommentare in den sozialen Netzwerken fielen entsprechend aus.

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Ich habe mich anschliessend für meine überrissene, emotionale Wortwahl entschuldigt, doch der Rassismusvorwurf blieb vorerst im Raum stehen. Wer durch eine solche, direkt in die Kamera gesprochene Aussage beschuldigt wird, sieht sich von allen Seiten in eine Ecke gedrängt, steht mit dem Rücken zur Wand. Das beschäftigt mich und gibt mir zu denken. Es ist kaum möglich, die eigene Sichtweise zu deponieren, sich zu verteidigen, den Tatbestand zu erklären.

Kévin Réza und ich haben uns vor dem Start zur nächsten Etappe getroffen. Ich habe ihm wiederum englisch zu erklären versucht, dass ich ihn beschimpft, es sich jedoch um keine rassistische Beschimpfung gehandelt habe. Er hat mir zu verstehen gegeben, dass er kein Englisch verstehe, sondern Französisch spreche. Was er also zu hören geglaubt hatte, vermag ich nicht zu beeinflussen. Wir haben uns die Hand gegeben und die Sache ist zwischen uns erledigt.

Teamintern gab es keine Diskussionen und auch keinerlei Vorwürfe. Ich bin kein Rassist. Meine Sichtweise der Dinge wurde akzeptiert. Auch Jean-René Bernaudeau sprach schliesslich davon, die Sache sei für ihn ebenfalls ausgeräumt. Ich hoffe, dass auch ich die Geschichte aus dem Kopf bringe, denn heute bietet sich die letzte Chance, nochmals ganz vorne dabei zu sein.

*Der Gaiser Radprofi Michael Albasini erzählt in der Appenzeller Zeitung über seine Erlebnisse in der laufenden Tour de France.

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