Alasitas – das Fest der Miniaturen

Die Lichtensteigerin Claudia Risch arbeitet ein Jahr lang als Englischlehrerin am Titicacasee in Bolivien. Für das Toggenburger Tagblatt berichtet sie über ihre Eindrücke.

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Die Lichtensteigerin Claudia Risch arbeitet ein Jahr lang als Englischlehrerin am Titicacasee in Bolivien. Für das Toggenburger Tagblatt berichtet sie über ihre Eindrücke.

Was soll ich mir nur kaufen: Ein Haus, ein Auto oder vielleicht gar einen Universitätsabschluss? Ich bin am Alasitas-Festival in Copacabana, wo es alles Mögliche und Unmögliche in Miniatur-Ausgabe zu kaufen gibt. Alasita ist Aymara und heisst «Kauf mich». Die Stimmung ist fröhlich und laut.

Was das Herz begehrt

Jedes Jahr am 24. Januar gibt es in und um La Paz grosse Märkte mit all diesen Miniaturen. Sie sind zwischen zwei und 20 Zentimeter gross und mit viel Liebe fürs Detail meist von Hand gemacht. Die Festival-Besucher kommen von nah und fern an dieses Spektakel. Sie kaufen sich, was sie sich im wirklichen Leben wünschen. Früher waren das vor allem Kühe und Nahrungsmittel, heute geht das von Computerspielen über Geld bis hin zu elektrischen Haushaltshilfen. Ich habe ein Schweizer Pärchen zu Besuch und wir schlendern gemeinsam durch den Markt.

Als wir Scheidungsurkunden zu kaufen sehen, sind wir dann doch sehr geschockt.

Der Gott des Überflusses

Das Alasitas-Festival ist dem Aymara-Gott Ekeko, dem Gott des Überflusses, gewidmet. Er ist ein kleiner Mann mit Schnauz, dickem Bauch und typischer Kleidung und ist behangen mit vielen Waren. Man lässt ihn sich als kleine Figur schenken; sie soll dem Haushalt Glück, Reichtum und Überfluss bringen.

Bietet man ihm Geld, Kokablätter, Nahrungsmittel oder gar eine brennende Zigarette an, stellt man damit sicher, dass er den Haushalt im kommenden Jahr mit Reichtum beschenken wird.

Der Pfarrer und der Schamane

Schliesslich entscheide ich mich für ein Mini-Flugzeug, das mir weite Reisen bescheren soll. Meine Freundin hat sich ein mit Geld gefülltes Köfferchen gekauft.

Es ist kurz vor 12 Uhr mittags und wir stellen uns wie alle andern mit unseren Miniaturen vor die Kapelle. Dort segnet ein katholischer Pfarrer die Kleinobjekte mit kübelweise Weihwasser. Auch wir erwischen ein bisschen was davon. Was danach kommt, ist für sehr viele jedoch viel wichtiger als der Pater. Die Objekte sollen nun nämlich noch von einem Schamanen gesegnet werden.

Einige haben ihre Tischchen bereits aufgestellt, vor den beliebtesten Schamanen bilden sich lange Warteschlangen. Auch wir stellen uns an und schauen mit viel Vergnügen dem ganzen Spektakel zu. Endlich bin ich an der Reihe. Der Schamane nimmt mein Flugzeug in die Hand, fragt mich nach meinem Namen und meinem Land und betet dann murmelnd vor sich hin. Das Flugzeug hält er über eine traditionelle «c'oa», die stark vor sich hin raucht. Dann nimmt er 95prozentigen Alkohol und giesst ihn über das Flugzeug und über meine Hand.

Auch ich soll mein Flugzeug damit segnen.

«Beeil dich!»

Anschliessend nimmt er die weissen Blütenblätter, die ich vorher kaufen musste, und wirft sie über die «c'oa», über mich und mein Flugzeug. Hinter mir rufen sie schon «Beeil dich! Mach vorwärts!» Die Menschen in der Schlange werden langsam ungeduldig. Doch es fehlen noch die Kokablätter. Die werden nämlich zum Schluss noch gesegnet und mir in den Mund gesteckt.

Zum Abschied gibt mir der Schamane die Hand und wünscht mir alles Gute. Ich gebe ihm zehn Bolivianos, das sind umgerechnet rund 1.50 Franken. Für mein Flugzeug, das nun mein Zimmer schmückt, habe ich gleich viel ausgegeben.

Wir schauen dem Geschehen noch ein Weilchen zu und stellen fest, dass Bauplätze, Häuser und Autos ganz klar am beliebtesten sind. Viele Besucher können nicht genug bekommen und kaufen ganze Körbe voll von Miniaturen ein. Claudia Risch

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