«Äusserst delikates Instrument»

Die Ausserrhodische Kulturstiftung vergab 2010 an acht Kunstschaffende insgesamt 80 000 Franken in Form von Werk- und Förderbeiträgen. Wir stellen die Kunstschaffenden vor. Heute: Der klassische Sänger Manuel Walser.

Guido Berlinger-Bolt
Drucken
Teilen
Manuel Walser in der Operella-Produktion von Kastchei l'immortel von Rimsky-Korsakow 2008. (Bild: pd)

Manuel Walser in der Operella-Produktion von Kastchei l'immortel von Rimsky-Korsakow 2008. (Bild: pd)

Teufen. Wenn heute abend die Bach-Kantorei Appenzeller Mittelland in der Grubenmannkirche die h-Moll-Messe aufführt, steht er als einer von vier Solisten im Zentrum: Manuel Walser. Indessen, es wird nicht der erste Auftritt des 21jährigen Teufners mit der Kantorei sein. Schon mit 11 Jahren wirkte er als Knabe im Chor als Sopran mit; 2002 dann sang er in Hugo Distlers Weihnachtsgeschichten den Solopart des Engels. «Ich bin meinem ersten Klavierlehrer Wilfried Schnetzler sehr dankbar für das Vertrauen, das er in mich setzte», sagt Manuel Walser rückblickend. «Ich profitiere noch heute enorm von den Erfahrungen, die ich als Kind sammeln durfte: Mit kindlicher Naivität konnte ich viele Bühnensituationen üben, so dass ich heute vor Konzerten fast nie nervös bin.» Von Wilfried Schnetzler habe er damals auch gelernt, das Singen in den Dienst der Musik, des Werks zu stellen.

Musikalisches Elternhaus

Manuel Walser ist das jüngste von drei Kindern; die Mutter: Lehrerin, mit einem reichen Schatz an Kinder- und Volksliedern; der Vater verfügt über eine ausgebildete Bass-Bariton-Stimme, machte neben der Kirchenmusik während vieler Jahre bei einer modernen Operntruppe mit. Mit dem Vater singt Manuel Walser viel – auch in der Bach-Kantorei. Früh ermöglichen die Eltern dem Sohn, in Teufen, später St. Gallen die Singschule zu besuchen; schon während seiner Kantonsschulzeit in Trogen ist er Vorstudent am Konservatorium in Zürich, Ende 2007 verfasst er seine Maturaarbeit zu Franz Schuberts «Winterreise». Eine musikalische Laufbahn zeichnete sich also schon früh ab. Nach der Kanti beabsichtigt er, in Lausanne ein Gesangsstudium zu beginnen. Allein, es sollte anders kommen.

Eine Woche vor Beginn des ersten Semesters bietet sich ihm eine absolut seltene Gelegenheit: Als 18-Jähriger kann er an einer Masterclass bei seinem Idol Thomas Quasthoff teilnehmen; nach fünf Arbeitstagen erhält er von Quasthoff einen Studienplatz in Berlin angeboten.

Innert weniger Stunden musste Manuel Walser damals einen Entscheid fällen, der sein Leben drastisch verändern sollte. «Heute bin ich froh, in einer pulsierenden Grossstadt zu leben und fern der Heimat dem hohen kulturellen Niveau der deutschen Hauptstadt ausgesetzt zu sein», sagt er. «Das ist für mich natürlich nicht immer ganz leicht, und darum ziehe ich mich gerne ab und zu ins ruhigere, schöne Appenzellerland zurück.»

«Grosse Unterstützung»

Mit Teufen ist Manuel Walser also noch immer eng verbunden. Der Förderbeitrag der Ausserrhodischen Kulturstiftung bedeutet dem Wahlberliner denn auch sehr viel: «Ich betrachte ihn als grosse Unterstützung aus der Heimat, die mir im Ausland den Rücken deckt und mich musikalisch, künstlerisch und menschlich weiterbringt.» Der Beitrag wird es ihm ermöglichen, weitere Meisterkurse zu belegen.

Der klassische Gesang gilt als besonders steiniger und riskanter Weg, da es viele gute Sänger gibt – im Gegensatz zu einem doch eher kleinen Kreis von Hörerinnen und Hörern. Deshalb sagt Manuel Walser: «Es ist ein riesiges Geschenk, mich in diesem spannenden Beruf mit Herzblut für die Musik einsetzen zu können.» Ein Beruf, für den er sich sehr jung entschieden hat. Und für den er «von Natur aus motiviert» ist; diese Motivation liege zum grössten Teil in der Musik selber, im Werk; ein zweiter Teil wachse, so Manuel Walser, aus der Zusammenarbeit mit anderen Menschen – Berufsmusikern oder Amateuren, wie er betont. Die Stimme bezeichnet er als «ein äusserst delikates Instrument». «Musik-Konserven» hingegen hört er kaum: «Ich liebe Live-Musik, vorwiegend klassische.»

Keine «Rückkehr»

Auf den Auftritt von heute abend freut sich Manuel Walser unheimlich, vor allem darauf, in diese späte Komposition Johann Sebastian Bachs einzutauchen. «Die h-Moll-Messe ist ein Werk, das nicht nur mich, sondern auch viele andere Musikerinnen und Musiker ein Leben lang beschäftigen wird.» Die aktuellen Konzerte mit der Bach-Kantorei sieht er deshalb trotz 25-Jahr-Jubiläums nicht primär als Rückkehr, sondern als zukunftsweisend.