Ästhetischer Bauen nach Plan

Mit einem Baumemorandum soll die Entwicklung einer Gemeinde hin zu mehr Qualität in der Baukultur gelenkt werden. An einer Veranstaltung der IG Rechtobel diskutierten Fachleute Vor- und Nachteile des Arbeitsinstruments.

Jesko Calderara
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Diskutierten über das Instrument Baumemorandum: Dölf Biasotto, Bauunternehmer; Hansruedi Traber, Verkehrsverein Rehetobel; Eva Louis, Heimatschutz AR; Jens Weber, ehemaliger Baupräsident; Moderator Hanspeter Spörri und Christian Wagner, Professor HTW Chur. (Bild: cal)

Diskutierten über das Instrument Baumemorandum: Dölf Biasotto, Bauunternehmer; Hansruedi Traber, Verkehrsverein Rehetobel; Eva Louis, Heimatschutz AR; Jens Weber, ehemaliger Baupräsident; Moderator Hanspeter Spörri und Christian Wagner, Professor HTW Chur. (Bild: cal)

REHETOBEL. Bauprojekte sorgen aufgrund ihrer Gestaltung oftmals für Diskussionen. Die Frage, wie sich eine Gemeinde entwickeln und gleichzeitig ihre Identität bewahren kann, war am Montagabend Thema einer Veranstaltung der Interessengemeinschaft Rechtobel im Gemeindezentrum. Zu Beginn stellte Christian Wagner das Arbeitsinstrument Baumemorandum vor. Dieses hat der Professor für Architektur an der Fachhochschule Chur in Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden in Disentis entwickelt. Unterdessen wird das Werkzeug, das als Ergänzung zum Zonenplan und dem Baureglement vorgesehen ist, in mehreren Gemeinden angewendet. Ein Baumemorandum soll Milizbehörden, wie etwa die Baukommissionen, unterstützen, die Qualität der Baukultur in einer Gemeinde zu sichern. Darin werden Orte und Quartiere analysiert und Zielsetzungen für die bauliche Weiterentwicklung festgelegt.

Druck durch Verdichtung

In seinen Ausführungen ging Christian Wagner auf verschiedene Einflussfaktoren ein, die Auswirkungen auf die Baukultur haben. Dazu gehört beispielsweise das auf den 1. Januar 2014 verschärfte Raumplanungsgesetz. Das neue Zauberwort heisse innere Verdichtung, betonte Wagner. «Dadurch gibt es einen Druck auf Dorfkerne.» Man müsse zudem davon ausgehen, dass die Bautätigkeit in der Schweiz im gleichen Tempo weitergehe wie in der Vergangenheit.

Laut Wagner fehlt aufgrund der schnellen Entwicklung den zuständigen Behörden aber die Zeit, sich bei der Beurteilung baulicher Vorhaben vertieft mit ästhetischen Aspekten auseinanderzusetzen. «Im Vergleich zu früher werden Häuser heute oft in einem Baustil realisiert, der durch globale Architektur geprägt ist und nicht mehr die lokalen Gegebenheiten berücksichtigt.» Wagner zeigte Kriterien auf, mit denen die Schönheit der Architektur beurteilt werden kann. Die Vorstellungen darüber gingen weit auseinander. Erkenntnisse hätten jedoch gezeigt, dass viele Menschen ein Bauwerk als besonders ästhetisch empfinden, wenn ein Gleichgewicht zwischen Ordnung und Komplexität vorherrsche.

Ergänzung zum Baugesetz

Die Teilnehmer des Podiums im zweiten Teil des Abends waren sich über den Nutzen eines Baumemorandums grundsätzlich einig. Die Baukommission in Trogen habe sich ihrerseits aber gegen dessen Einführung ausgesprochen, antwortete der früherer Baupräsident Jens Weber auf eine entsprechende Frage von Moderator Hanspeter Spörri. «Wir haben bei Bedarf jeweils einen Architekten zur Beratung beigezogen.» Als gute Ergänzung zu den gesetzlichen Grundlagen sieht Eva Louis, Präsidentin des Heimatschutzes AR, das vorgestellte Instrument an. «Das Baumemorandum ist ein einfaches Mittel, welches auf die unterschiedlichen Gegebenheiten vor Ort Rücksicht nimmt.»

Veränderte Vorstellungen

Hansruedi Traber vom Verkehrsverein Rehetobel veranschaulichte die Thematik der Veranstaltung anhand der Verhältnisse in Rehetobel. «Es gibt in der Gemeinde einige unbelebte Plätze.» Das Ziel des Verkehrsvereins sei es, dies zu ändern, so dass die Einwohner solche Orte als schön ansehen würden. Auf dem Weg dorthin könne ein Baumemorandum hilfreich sein, zeigte sich Traber überzeugt.

Warum Baufragen immer wieder zu Konflikten führen, hat für den Urnäscher Bauunternehmer und Mediator Dölf Biasotto verschiedene Gründe. Die traditionelle Appenzeller Baukultur sei nach den heutigen Vorstellungen des modernen Wohnens nicht mehr zeitgemäss. «Bei alten Häusern fehlen oft Aussenräume, Parkplätze und angemessene Raumhöhen.» Der freiheitsliebende Appenzeller lasse sich ferner nicht gerne durch Auflagen einschränken, betonte Biasotto.