Ästhetik und Lebendigkeit in der Kirche vereinen

Pfarrer Josef Fritsche fackelt nicht lange: Schnurstracks geht er im Chorraum der katholischen Kirche von Gonten auf die neben dem Taufbrunnen plazierte Osterkerze zu, hebt sie samt Ständer an und verschiebt sie um einige Zentimeter.

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Pfarrer Josef Fritsche fackelt nicht lange: Schnurstracks geht er im Chorraum der katholischen Kirche von Gonten auf die neben dem Taufbrunnen plazierte Osterkerze zu, hebt sie samt Ständer an und verschiebt sie um einige Zentimeter. «Die Osterkerze muss einen Bezug haben zum Taufbrunnen, darf diesen aber nicht erdrücken», sagt ein auf Ästhetik Wert legender 66-Jähriger, der nebst dieser soeben angetroffenen Unschönheit nur lobende Worte für Gontens Kirche findet. Sie sei hell, freundlich, einladend.

Diese Ausführungen lassen denn auch keine Zweifel offen, warum sich Fritsche ausgerechnet in Gonten mit dem Journalisten treffen wollte. Eigentlich jedoch hat er die Qual der Wahl. Er ist seit August nicht nur Pfarrer von Gonten, sondern auch in Urnäsch-Hundwil sowie in allen anderen Pfarreien des Inneren Landes tätig.

Veränderungen miterlebt

Gontens Kirche kennt Fritsche schon seit vielen Jahrzehnten.

Aufgewachsen in Appenzell, besuchte er nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) gelegentlich am Wochenende den Gottesdienst in der Nachbargemeinde. Hautnah hat er so die durch das Konzil ausgelösten Veränderungen in der Kirche von Gonten mitbekommen. Fritsche deutet in den hintersten Bereich des Chorraums, wo sich einst der Hochaltar befand.

Davon übrig- geblieben sei heute noch dessen Aufbau mit einem in der Mitte zu sehenden Bild der Kirchenpatronin, der heiligen Verena. «Der Altar selbst wurde im Sinne des Konzils näher zum Volk gerückt und steht heute in der Mitte des Chorraums», erläutert Fritsche.

Altar und Ambo erwähnt der Seelsorger auch, wenn er auf seinen Lieblingsplatz in der Kirche angesprochen wird.

Diese beiden «Tische» – der Tisch des Wortes und der Tisch des Brotes – seien das Herz der Kirche, sagt er, und von hier aus erfülle er seinen Auftrag. Am Altar werde das Geheimnis von Tod und Auferstehung Christi gefeiert, am Ambo die Frohe Botschaft verkündet.

Botschaft der Kirchenfenster

Unterwegs mit Josef Fritsche durch Gontens Kirche merkt man: Dieser Mann ist nicht im Ruhe-, sondern im Unruhestand. Priester sei man fürs Leben, begründet er seinen Einsatz übers Pensionsalter hinaus.

Und weil derzeit eine grosse Priesternot herrsche, sei es für ihn selbstverständlich, solange es die Gesundheit zulasse, weiterzumachen.

Im Mittelgang des 1863 erstellten Gebäudes lenkt der Pfarrer schliesslich die Aufmerksamkeit auf die farbigen Bilder in den Kirchenfenstern. «Jede Kirche vermittelt eine besondere Botschaft», sagt er. In Gonten finde sich diese in den farbigen Glasfenstern, welche die acht Seligpreisungen darstellten.

«Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt», zitiert er eine der Seligpreisungen aus dem Matthäusevangelium. Jeder Seligpreisung ist in den Fensterbildern eine Heilige oder ein Heiliger zugeordnet. Der soeben erwähnten Stelle beispielsweise Bruder Klaus, der gemäss Josef Fritsche durch seine Verbundenheit mit Gott bewirkt habe, dass die zerstrittenen Eidgenossen wieder zueinander fanden. «Die Seligpreisungen werden auch das Evangelium im Evangelium genannt», hält Fritsche weiter fest.

Sie seien sozusagen die Frohe Botschaft innerhalb der Frohen Botschaft.

Tanz um Altar

Nicht zu mangeln scheint es dem neuen Seelsorger von Gonten auch an Visionen. «Das Wichtigste ist, dass die Kirche lebt», sagt er. Das beisse sich keineswegs mit seinem Anliegen an die Ästhetik; so habe ein Kinder- und Jugendgottesdienst seine spezielle Struktur, Farbe und Lebendigkeit.

Und wenn er an seine einstige Tätigkeit in der Pfarrei Goldau zurückdenke, so hätten sie dort gelegentlich einen liturgischen Tanz um den Altar gemacht. Der Platz liesse dies auch in Gonten zu, so Fritsche. Ästhetik allein bringe nichts, es müsse gefüllt sein mit Leben.

Zurück beim Kirchenportal dreht sich Pfarrer Josef Fritsche noch einmal in Richtung Chorraum um. Ob er dabei erneut die Position der Osterkerze checkt, bleibt sein Geheimnis.

Er macht eine Kniebeuge, bekreuzigt sich mit Weihwasser und verabschiedet sich dann ins benachbarte Pfarrhaus.

Roger Fuchs

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