Adventserlebnis Altstadt

Es ist ein bisschen romantisch, sehr besinnlich, irgendwie zauberhaft – ja, fast schon kitschig. Die Altstadt von Rapperswil gleicht abends in der Adventszeit einem Ort, der Schauplatz einer Weihnachtsgeschichte sein könnte.

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Es ist ein bisschen romantisch, sehr besinnlich, irgendwie zauberhaft – ja, fast schon kitschig. Die Altstadt von Rapperswil gleicht abends in der Adventszeit einem Ort, der Schauplatz einer Weihnachtsgeschichte sein könnte. Es leuchten die Gassen am Seeufer, es spiegeln sich die Kerzen der Christbäume auf dem feuchten Kopfsteinpflaster und es erstrecken sich die Lichterketten über den Hauptplatz wie ein üppiger Sternenhimmel. Die Seniorinnen und Senioren des Alters- und Pflegeheim Wier in Ebnat-Kappel sind fasziniert. Nicht nur ob dem Offensichtlichen, sondern auch ob dem, was sich erst bei genauerem Hinschauen zeigt. Da steht eine Eisskulptur in Form eines Schwanes an der Seepromenade, oder da stellt sich eine schwerfällige Statue heraus, ein überdimensionaler Schuh zu sein.

Kleine Aussergewöhnlichkeiten

Für die Bewohnerinnen und Bewohner des Alters- und Pflegeheims ist der Ausflug von vergangenem Montagabend nach Rapperswil ein besonderes Highlight. Viele verbringen Tag für Tag im Wier, gehen selten nach draussen, geschweige denn in einen anderen Ort. «Wir haben versucht, gerade jene Personen mitzunehmen, die sonst nicht mehr gross rauskommen», sagt Monika Rutz, Leiterin Betreuung und Pflege im Wier und Organisatorin des Ausflugs. 13 von rund 90 Bewohnerinnen und Bewohnern haben sich dem dritten jährlichen Ausflug nach Rapperswil angeschlossen.

Für die meisten bedeutet die kleine Reise auch ein kleines Abenteuer. Es fange in ebendiesem Kleinen an, erklärt Monika Rutz: «Eine Bratwurst zu essen, ist schon eine kleine Besonderheit für jene, die sonst nur flüssige Nahrung zu sich nehmen dürfen.» Nur schon auf zu sein, sei ganz unüblich: «Um diese Zeit sind viele der älteren Leute normalerweise im Bett», sagt die Leiterin.

Umfangreiche Vorbereitungen

Daran, ins Bett zu gehen, ist noch lange nicht zu denken. Die zwei Tixi-Taxis und der Heim-Bus fahren erst bei einbrechender Dunkelheit aus Ebnat-Kappel los. Und das noch im Winter, bei beissender Kälte und über den verschneiten Ricken. «Ach was, mit diesem Auto ist das kein Problem», beschwichtigt einer der Chauffeure, Köbi Fitze. Zudem kenne er den Weg nach Rapperswil fast im Schlaf. Zügig und sicher führt der ehemalige Lastwagenchauffeur den Konvoi mitten in die Altstadt und ins Geschehen. «Für uns gibt es immer irgendwo einen Parkplatz», meint Köbi Fitze augenzwinkernd und kurz bevor er dem Bratwurstverkäufer am Strassenrand seine Bestellung von 30 Würsten zuruft. Anschliessend wird er die Bestellung abholen, an Feierabend ist nicht zu denken.

«Spricht es nicht für unser Haus, dass so viele Helferinnen und Helfer ihre Freizeit mit den Bewohnenden gestalten?», fragt Monika Rutz. Nebst den Mitarbeiterinnen des Wier sind nämlich auch viele freiwillige Betreuerinnen nach Rapperswil mitgekommen. Jede Seniorin und jeder Senior wird einzeln betreut: Viele im Rollstuhl, einige mit Rollator, andere zu Fuss und mit Krücke. Den Aufwand dürfe man gar nicht rechnen, winkt Monika Rutz ab. Es beginne bei der Einteilung der Betreuerinnen und dem Organisieren und Beladen der Busse, reiche über das Versorgen jedes Bewohners mit Decken, Handschuhen, Kappe und Medikamenten und ende bei der Verpflegung jedes Einzelnen mit Wurst und Tee. Und das alles für eine knappe Stunde Lichter-Beobachten in der Seestadt.

Doch wenn dann ein glückliches Lachen eines Seniors durch die leeren Gassen von Rapperswil hallt oder eine Seniorin staunend vor einem Schaufenster innehalten will, zahlt sich der ganze Aufwand aus. Alle sind offensichtlich zufrieden. «Weihnachten hat für die älteren Leute eine grosse Bedeutung», weiss Monika Rutz. Für die einen bedeute das Fest und die Wochen davor Freude: «Denn an diesen Tagen werden sie von ihrer Familie besucht», so die stellvertretende Heimleiterin. Für andere bedeute das herannahende Fest auch Angst, «weil ihnen dann umso mehr bewusst wird, dass sie ganz alleine sind.»

Zahlreiche Besonderheiten

So oder so wird im Alters- und Pflegeheim Wier das grosse Fest hoch gehalten. Jeden Tag gestalten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entsprechend einem Adventskalender etwas Spezielles für die Bewohnerinnen und Bewohner. Bereits der Auftakt am 1. Dezember ist mit einem Feuerwerk eindrücklich. Es folgen kleinere Aktivitäten wie das Basteln von Weihnachtskarten oder kleine Überraschungen in Form eines Desserts aus der Küche oder eines Adventssäckleins. Grössere Events sind der Besuch eines Jodelchors im Heim, der Geschichtenabend oder der Auftritt eines Gitarrenensembles. Auch das Weihnachtsessen, das letzten Freitag stattgefunden hat, ist ein beliebtes Ereignis. «Jede Bewohnerin und jeder Bewohner darf zwei Angehörige einladen und wird gewissermassen zum Gastgebenden», erzählt Monika Rutz. Und die Gastgebenden geben sich für diesen Anlass besonders Mühe: «Vor dem Essen putzen sich alle heraus und gehen zum Coiffeur.»

Olivia Hug