Adolf Hitler und der Fältlirock

Mit dem Jahrgang 1922 bot sich mir und meinen Schulkameraden allerhand Wissenswertes zu hören, ja sogar zu erleben. Zu den schönen Erinnerungen gehören die Feiern am 1. August auf dem Dorfplatz in Gais. Auf einer grossen Bühne vor Dr. Stadlers und «Konditorei Krapf» wurde viel geboten.

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Mit dem Jahrgang 1922 bot sich mir und meinen Schulkameraden allerhand Wissenswertes zu hören, ja sogar zu erleben. Zu den schönen Erinnerungen gehören die Feiern am 1. August auf dem Dorfplatz in Gais. Auf einer grossen Bühne vor Dr. Stadlers und «Konditorei Krapf» wurde viel geboten. Die strammen Musikanten, alle männlichen Geschlechtes, erfreuten das Publikum mit ihrer Uniform und mit ihrem grossen Können. Als ein kleiner Turner in der Jugendriege durfte ich mich auch als ein Grosser fühlen. Zusammen mit den grösseren oder den aktiven Turnern bauten wir jedes Jahr schöne, selbstverständlich hohe und waghalsige Pyramiden. Der Oberste zu sein, war eine spezielle Ehre.

Mit der kurzen bengalischen Beleuchtung machten wir offenbar eine gute Falle, denn der Applaus war dementsprechend. Während der Ansprache, ich glaube ohne Mikrophon, war es ringsum «müslistill». Meistens sprach der evangelische Pfarrer Winkler. Aber auch Fremden, die vermutlich gerade als Kurgäste im Dorf logierten, war es erlaubt. Ich erinnere mich an gewisse Inhalte: So wurden von der Eidgenossenschaft, der schönen Heimat und dem Machtschutz Gottes gesprochen. Erwähnt wurde aber auch die Grenzbesetzung 1914/18, die mich am meisten interessierte – offenbar auch meinen Lehrer Sonderegger, der fleissig mit Bleistift und Notizen machte. Als 1935 ein Redner erzählte, dass 1914 eine Frau ihrem einrückenden Mann und Soldaten nachrief, «Gell, Hans, ziel denn guet», lachte die grosse Zuhörerschaft.

Ich glaube, der schmucke Polizist Waldburger und die bereitstehende Feuerwehr waren nicht in Hörweite. Ob sie den Schweizerpsalm mitsangen, weiss ich nicht. Aber jedenfalls fühlte ich mich wohl geschützt. An Getränke oder Essbarem mag ich mich nicht erinnern. Das war damals nicht Mode. Wohl entsinne ich mich aber der vielen Lampions, des Höhenfeuers und des Glockengeläuts vom hohen Turm.

Markt als Informationsquelle

Das politische Geschehen war auch für uns Buben höchst interessant. Nur wenige Familien besassen damals ein Radio. Nach dem Sonntagsgottesdienst standen die Männer meistens eine Weile beisammen. Wir Kinder konnten so viel Neues erfahren. Die Erwachsenen sprachen über Politik, Handel und über das Grossmaul Hitler. Der Wirtshausbesuch nach der Kirche war nicht üblich. Dieses Tun lag meistens schon aus finanziellen Gründen nicht drin. Die Zeitungen waren die wichtigsten Informationsquellen, aber am Mittwochsmarkt in Appenzell war ebenfalls einiges zu erfahren. Die Männer brachten nebst dem «Maschineli oder Stickerlohn» der neuen Ware (Sticktuch) «brühwarm» das Allerneueste nach Hause. Die wenigen, die ein Radio besassen, waren bei den Diskussionen den andern eine Nase voraus. Mit grossem Interesse verfolgten wir den traurigen Bürgerkrieg in Spanien. Ebenso den Krieg Mussolinis 1935/ 36 in Äthiopien. Auch von Bundesrat Minger war viel die Rede. Das Schweizervolk gab ihm recht. Die Wehranleihe wurde angenommen.

Hitlers Reden aus dem Radio

«Du Johann, de Schindlerchläber hett gestere scho wieder höch a geh.» Diesen Satz hörte ich Sattlermeister Meier in Zweibrücken meinem Vater zurufen. Gemeint war Adolf Hitler. «Zwo Stond hät er im Radio e grossi Röhre gha. Derbi ischt er wie mir en ganz gwöhnliche ond vo Bruef en Mooler a de Huuswänd.» Wenn ich zu dieser «Schnörrizeit» vom Dorf Richtung Mühlpass ging, hörte ich über die offenen Fenster Bruchstücke von Hitlers Reden, das lang anhaltende Klatschen sowie die Heil-Hitler-Rufe.

Auf unserer Strasse sahen wir zunehmend Autos mit deutschen Nummernschildern. Ältere «Mühlpässlerbuben» erklärten glaubwürdig, wie man auf einfache Art zu schnellem Geld kommen könne, und zwar so: Beim Erblicken eines deutschen Autos einfach zünftig und laut «Heil Hitler – Heil Hitler» rufen. Die Leute würden dann aussteigen, uns loben und beschenken. Wir Fünftklässler versuchten es, allerdings ohne Erfolg. Enttäuscht haben wir dann den Deutschen in der gleichen Tonstärke frech nachgerufen: «Heil – Heil – Heil, de Hitler hanget am Seil. Mer rüeft us allne Ecke, er söll no bald verecke.»

Viel Diskussionsstoff boten die Reisen des englischen Premierministers Chamberlain. Er versuchte zu vermitteln und damit den drohenden Weltkrieg zu verhindern. In den Zeitungen sah man ihn immer mit einem Regenschirm abgebildet. Ein neues Lied wurde sogar geboren. Wir Buben sangen es schon der Melodie zuliebe bald auswendig: «Im Golf von Biskaya der Chämberlin stand. Er reichte dem Hitler zum Grusse die Hand. Sie sprachen von Österreich und von der Tschechei, von Hitler's Geburtstag am 20. Mai. Fahr mich mit dem Rollschuh nach Addis Abeba, dort wäscht man dem Negus die Glatze mit Seda. Der Negus, der staunte, Mussolini war platt, dass man in Grossdeutschland solche Waschmittel hat.»

Notvorräte im Jahre 1938

Obwohl die Staatsmänner unermüdlich vermittelten, Hitler und sein Aussenminister von Ribbentrop viele Versprechungen machten, gab es hüben wie drüben Kriegsvorsorge. Östlich vom Stoos an den Halden wurde tief in den Boden gegraben. In Tag- und Nachtarbeit entstanden militärische Anlagen. Panzersperren und Bunker wuchsen aus dem Boden, teils versteckt im Wald. Wer diese Arbeiten aus der Nähe betrachten wollte, wurde zurückgewiesen. «Geheimsache», hiess es. Aus Bern beziehungsweise von der Gemeinde kamen diverse Anweisungen. Die Bewohner mussten wegen allfälliger Bombardierungsgefahr die Häuser verdunkeln. Weder aus Stube, Kammer noch Stall durfte Licht nach Aussen dringen. Bei Zieh- oder Fensterladen gab es keine Probleme. Ansonsten musste mit undurchsichtigem Material lichtdicht gemacht werden. Es wurde kontrolliert. Um die vielen Fenster zu verdichten, brauchte es viel Stoff. Unsere Mutter tat es anderen Frauen gleich. Sie holte ihren ältesten «Fältlirock» aus der Gastkammer. Diese hingen fest gerollt und verschnürt im Kammerschrank. Der Fältlirock gehörte zur Innerrhoder Sonntags- oder Festtagstracht. Er reicht von der Taille bis zum Boden. Ihre Breite oder Länge entsprach geradezu «gäbig» dem Fenstermass unseres Hauses. Bei der Auftrennung staunte ich nicht schlecht, als aus der acht Zentimeter dicken «Rockwurst« eine so lange Stofffläche hervorkam. Dieses «Vertrennen» mag sicher geschmerzt haben, aber es erfüllte den Zweck bestens und verlangte erst noch keine zusätzlichen Ausgaben. Für den Haushalt mussten Notvorräte angelegt werden. Laut behördlicher Mitteilung betraf dies besonders Reis, Zucker, Öl, Mehl und Seife. Wer es sich leisten konnte, legte auch noch Kaffee und Schokolade auf die Seite. In speziellen Kursen wurden die Erwachsenen für den Ausbau des Hausgartens und deren Möglichkeiten geschult. In der obligatorischen Winter-Fortbildungsschule 1939/ 40 lehrte Lehrer Hänni uns Bauernsöhne den speziellen Pflanzenbau. Das richtige Eingiessen der Setzlinge in die Erde demonstrierte er auf seinem Pult. Dazu benutzte er seinen Bleistift, einen Topf mit Erde, einen Setzling sowie eine Giesskanne. Gut andrücken sei wichtig, sagte er. Diese einleuchtende praktische Demonstration begleitet mich bis heute.

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