Achtung! Sie sagt «Grüezi»

«Guten Morgen», sage ich zur Busfahrerin und steige ein. Ich ernte irritierte Blicke. Erst nach einigen Sekunden erhalte ich einen schüchternen Gruss der Busfahrerin zurück.

Ruth Frischknecht
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Bild: Ruth Frischknecht

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«Guten Morgen», sage ich zur Busfahrerin und steige ein. Ich ernte irritierte Blicke. Erst nach einigen Sekunden erhalte ich einen schüchternen Gruss der Busfahrerin zurück. Was sie – wie alle anderen Leute – nicht weiss, ist, dass ich in einem kleinen Dorf aufgewachsen bin. Dort erschrecke ich normalerweise niemanden mit einem Gruss.

Auch sonst musste ich mich an einige Umstellungen gewöhnen. Statt Vogelgezwitscher und Kuhglocken höre ich nun vorbeibrausende Autos und geschäftige Telefonate auf dem Weg zur Arbeit. Statt auf den Säntis, die Petersalp und Wiesen blicke ich auf Häuser, Strassen und Schaufenster. Der Weg zum Bahnhof ist bestimmt nicht schöner, dafür aber interessanter und unterhaltsamer geworden. Begegnete ich im kleinen Dorf Katzen oder Kühen auf meinem Spaziergang, ist dieser in der Stadt um einiges abwechslungsreicher. Da ist dieser Asiate mit einer Dächlikappe und einem Aktenkoffer. Immer wenn ich ihn sehe, hat er ein Dosenbier dabei. Schon lange frage ich mich, was er da wohl mit sich herumträgt. Sein gesamtes Hab und Gut? Seine Arbeitskleidung? Oder tatsächlich wichtige Akten? Da ist dieser Mann in Kleidern, so bunt wie der Regenbogen. Er kann auch mit Strassenlaternen eine lebhafte Unterhaltung führen. Seinen Wortschwall verstehe ich nicht. Über was man wohl mit Strassenlaternen spricht? Über ihren Lieblingsstrom? Über Hunde, die überall ihr Bein heben? Oder über das, was man in der Nacht in der Brühlgasse so alles sieht? Da ist dieses streitende Paar. Immer wieder tragen sie Wortgefechte aus, so lautstark, dass man beim besten Willen nicht weghören kann. Weshalb streiten sie beinahe jeden Tag? Beginnen sie erst ausserhalb der eignen vier Wände damit? Oder sind es Schauspieler, die sich auf ihre Rollen vorbereiten?

Ich stelle mir diese Gestalten im kleinen Dorf vor – und muss lachen. Die Einwohner würden wahrscheinlich genauso erschrecken, wie die Busfahrerin beim «Grüezi». Ich steige in den Zug. Auf dem Sitterviadukt faltet sich das Panorama meiner Heimat auf. Wie können zwei Dinge so nahe beieinander liegen, und doch so verschieden sein?