ABSTIMMUNG: Ein Kanton mit vielen Gegensätzen

Bei der erleichterten Einbürgerung fällt das Ausserrhoder Ergebnis aus dem Rahmen. Im linken Trogen beträgt die Zustimmung 70 Prozent. Und doch ist vom hinterwäldlerischen Kanton die Rede.

Patrik Kobler
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Die Gegensätze zeigen sich in Ausserrhoden allenthalben. Hier das städtische Herisau ... (Bild: Toni Küng)

Die Gegensätze zeigen sich in Ausserrhoden allenthalben. Hier das städtische Herisau ... (Bild: Toni Küng)

Patrik Kobler

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@appenzellerzeitung.ch

Hätte man letzte Woche irgendwo in der Schweiz jemanden gefragt, ob Appenzell Ausserrhoden der erleichterten Einbürgerung zustimmen wird, man hätte wahrscheinlich ein Nein als Antwort erhalten. Erstens, weil es vielen Auswärtigen schwerfällt, zwischen Innerrhoden und Ausserrhoden zu unterscheiden – für viele gibt es schlicht nur das Appenzell. Zweitens, weil die Appenzeller per se als hinterwäldlerisch gelten.

Grosse Gemeinden sorgten für Unterschied

Wer gestern die Abstimmungsgrafik in der Zeitung betrachtet hat, wird im roten Nein-Lager aber ein blaues Fleckchen entdecken: Appenzell Ausserrhoden hat nämlich der erleichterten Einbürgerung zugestimmt, wenn auch knapp mit 50,9 Prozent. Aber immerhin, so konservativ sind die Ausserrhödler wohl auch wieder nicht. Man könnte nun einwenden, dass der Kanton geteilt ist: Hier die konservativen und brauchtumsverliebten Hinterländer, die am Fusse des Säntis leben, da die weltoffenen Vorderländer, die den Weitblick über den Bodensee geniessen. Doch siehe da: Nur drei von acht Vorderländer Gemeinden haben der Vorlage zugestimmt; Rehetobel, Wald und Heiden. Für den Unterschied sorgten die bevölkerungsstarken Orte. Die fünf grössten Gemeinden sagten alle Ja zur erleichterten Einbürgerung. Besonders deutlich fiel die Zustimmung mit 70 Prozent übrigens in der «Kupfer-Wolle-Bast»-Kapitale Trogen aus. Und wenn wir gerade dabei sind: Appenzell Ausserrhoden war vor eineinhalb Jahren auch als einziger Ostschweizer Kanton für die Expo 2027. Schade, schade, dass den Nachbarn der Mut fehlte, die Idee etwas zu konkretisieren und über die Ostschweiz von morgen nachzudenken.

Keine SVP-Hochburg

Klar: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Ausserrhoden ist nicht generell der Motor des Fortschritts. Sein einziger Nationalrat ist ein strammer SVPler, die Regierung könnte bald ohne Frauenbeteiligung sein, und der Kanton stimmt oft genau gleich wie seine konservativen Nachbarn. Nach der Nationalratswahl im Herbst 2015 wurde gemutmasst, ob sich die einstige FDP-Hochburg in einen SVP-Kanton verwandelt habe. David Zuberbühler gewann damals in 13 von 20 Gemeinden. Vor allem hatte der Herisauer alle sieben Hinterländer Gemeinden auf seiner Seite. Offenbar war es mehr eine Kopf- als eine Parteiwahl. Denn am vergangenen Sonntag konnte SVP-Kandidatin Inge Schmid die Wahl nur in 4 von 20 Gemeinden für sich entscheiden. FDP-Kandidat Dölf Biasotto holte dagegen 10 von 20 Gemeinden; unter anderem alle Hinterländer Gemeinden bis auf Schwellbrunn und Schönengrund.

Appenzell Ausserrhoden mag grundsätzlich ein bürgerlicher Kanton sein, es wäre jedoch ein Fehler, ihn per se als hinterwäldlerisch zu bezeichnen – das beweist nicht zuletzt die deutliche Zustimmung zur erleichterten Einbürgerung in Trogen. Der Kanton vereint viele Gegensätze. Es gibt den Bauern, den Arbeiter, den Aussteiger, den Millionär, Handwerkerbuden, Hightechfirmen, Lernlandschaften und Kleinkassen, den Tante-Emma-Laden und den Supermarkt, die Streusiedlung und städtische Orte – Ausserrhoden hat viele Facetten, und das widerspiegelt sich manchmal in den Abstimmungsergebnissen – und das ist gut so.