Absolute Stille

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Säntis An diesem schwülheissen Sommertag ist eine Übernachtung auf dem Säntis ein Privileg. Die Bahn schwebt dem Gipfel entgegen, die Luft wird immer kühler und frischer. Oben angekommen realisiere ich, dass bei 12 Grad Aussentemperatur ein Jäckchen vielleicht angebracht gewesen wäre. Doch egal, ich muss ja nicht im Freien näch­tigen. Mein Ziel ist die Höhenkammer, die sich hier oben befinden soll.

Markus Strässle, Leiter der Gastronomiebetriebe auf dem Säntis, nimmt mich in Empfang und führt mich in die «Katakomben» des Gebäudekomplexes. Unterhalb der Eingangshalle befinden sich einige Zimmer. In diesen könnten Mitarbeiter übernachten, wenn es nach einem Abendanlass zu spät werde, um heimzukehren, sagt Strässle. «Wir haben auch einige Höhensportler, die hier schlafen, um sich zu akklimatisieren oder um auf Wettkämpfe zu trainieren.» Den Kraftraum, den es hier einmal gab, habe man mangels Nachfrage wieder abgebaut. Das Zimmer namens Brisi ist einfach, aber zweckmässig eingerichtet und hat zu meiner Freude ein grosses Fenster.

Die letzte Bahn in Richtung Tal ist abgefahren. Einige Gäste vom Berggasthaus Alter Säntis kraxeln noch auf dem Gipfel herum, um ein Foto des Sonnenuntergangs zu schiessen. Bald sind auch sie in ihren Zimmern verschwunden. Die Dunkelheit legt sich über die Bergwelt und das Land liegt still zu Füssen des Säntis. Einzig einige Kuhglocken von der Alp tief unten klingen herauf. Im Toggenburg gehen die Lichter der Iltiosbahn an. Die Lichterkette mutet an wie ein Tatzelwurm, der den Berg hinaufkriecht.

Kein menschliches Geräusch ist mehr zu hören. Ich schlüpfe unter die Decke. Im Zimmer ist es hell, denn es gibt weder Läden noch Vorhänge. Egal, hier oben kann ja niemand reingucken, denke ich und versinke bald in einen tiefen Schlaf. Aus diesem reisst mich eine Drohne, die mit surrenden Rotoren vor meinem Fenster steht und mit ihren Scheinwerfern ins Zimmer zündet und mich blendet. Ich schrecke auf und darf erleichtert feststellen, dass es nur die aufgehende Sonne ist, die ins Zimmer scheint. Über mir ist das Rumpeln von Karren zu hören. Da wird wohl gerade Essen und Trinken für die Restaurantgäste aus der Bahn geladen. Es wird Zeit, aufzustehen und im Panoramarestaurant ein schönes Frühstück mit Aussicht zu geniessen. (ker)