Abschied vom ungebetenen Gast

Ein leises Rascheln verriet den ungebetenen Gast. Wir hatten eine Maus in der Küche, also eine Küchenmaus. Sofort wurde über Nacht die Körbchenfalle mit Landjäger als Köder unter das Waschbecken gestellt.

Hansruedi Diem
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Bild: Hansruedi Diem

Bild: Hansruedi Diem

Ein leises Rascheln verriet den ungebetenen Gast. Wir hatten eine Maus in der Küche, also eine Küchenmaus. Sofort wurde über Nacht die Körbchenfalle mit Landjäger als Köder unter das Waschbecken gestellt. Bereits am nächsten Morgen sass ein herziges kleines Mäuschen in der Falle und schaute mich mit seinen grossen Kulleraugen ängstlich prüfend an. Am Frühstückstisch wurde über das weitere Schicksal des kleinen Nagers debattiert und entschieden. Zur Auswahl stand als erstes die mittelalterliche, radikale Methode mit Tod durch Ertrinken – oder, auf Amerikanisch, die Guantánamo-Methode. Nein, war die Antwort der Frühstückenden, die im selben Moment zum Fenster schauten, an dem unser Kater Mopsi um Einlass bat. Klar kam augenblicklich die Idee der natürlichen Methode, das Mäuschen dem Minilöwen zum Frass vorzuwerfen.

Doch wer schon mal zuschauen konnte, wie lange und qualvoll eine Katze mit ihrem Opfer spielt, bevor sie zum finalen Biss ansetzt, weiss, dass das wohl noch schrecklicher gewesen wäre als ertrinken. Nach langem Hin und Her entschieden wir uns schliesslich für die bewährte schweizerische Methode. Der ungebetene Gast durfte zwar nicht bei uns wohnen bleiben, wurde aber ausgeschafft. Mit unserem Auto und der Körbchenfalle auf dem Vordersitz fuhr ich Klein Mickey über die Landesgrenzen und hielt Ausschau nach einem geeigneten neuen Zuhause für den Ausschaffungshäftling. Wo ich fündig wurde, bleibt mein Geheimnis, aber so viel sei gesagt. Es ist ein herrlicher Ort für Mäuse, mit Wald, Wasser und einer unbewirtschafteten Wiese fern von Katzen. Die Falle wurde geöffnet, und schnell sprang Mickey raus, verschwand im Gebüsch und wurde nicht mehr wieder gesehen. Ja, so tierlieb bin ich nun geworden, und dies als Sohn eines Metzgers.