ABSCHIED: «Ich habe noch genug Kraft für Neues»

Am Freitag beendet Bernhard Graf seine Tätigkeit als Gemeindepräsident. Auf seinen Wunsch wird er in den Ruhestand treten. Er hat sich in seiner Amtszeit mit sehr viel Engagement für das Wohl der Gemeinde Mosnang und deren Bevölkerung eingesetzt.

Martina Signer
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Bernhard Graf vor dem Gemeindehaus. 24 Jahre lang ging er dort gerne zur Arbeit. (Bild: Martina Signer)

Bernhard Graf vor dem Gemeindehaus. 24 Jahre lang ging er dort gerne zur Arbeit. (Bild: Martina Signer)

Herr Graf, im Flur des Gemeindehauses hängt ein grosses Bild ihres Vorgängers Otto Bürge. Sind Sie auch schon Modell gestanden?
Nein, es wird kein Bild von mir geben. Das stand nie zur Diskussion. Otto Bürge war mit 28 Jahren fast am längsten als Gemeindeoberhaupt tätig. (Länger war nur Josef Ignaz Scherrer mit fast 40 Jahren im Amt, Anm. d. Red.) Die Künstlerin Anette Clodt hat das Bild der Gemeinde geschenkt mit der Auflage, es an einem schönen Platz aufzuhängen. Nach der Renovation des Gemeindehauses fand ich es angebracht, es hier anzubringen.

Können Sie sich noch erinnern, wie der Tag der Wahl zum Gemeindepräsidenten 1992 für Sie war?
Eigentlich war der Tag, als ich mich an der Oberstufe in einem Saal voller mir mehrheitlich unbekannter Personen vorstellen durfte, wesentlich prägender. Der Anlass wurde, wenn ich mich richtig erinnere, von den Ortsparteien organisiert, und ich kam als Fremder dort hin. Auch Andreas Widmer, der ebenfalls kandidierte, stellte sich vor. Ich war überrascht, als sich eine Mehrheit der Anwesenden dafür entschied, mich zur Wahl zu empfehlen.

Warum?
Andreas Widmer war ein ernst zu nehmender Mitbewerber, der in der Gemeinde verwurzelt war. Er war zuvor schon Gemeinderat und damals sogar Vizegemeindepräsident. Nach meiner Wahl blieb er noch vier Jahre lang Gemeinderat, was mich sehr freute. Es war eine gute Zusammenarbeit. Daraus entstand ein sehr gutes, persönliches Verhältnis.

Von wo kamen Sie nach Mosnang?
Ich war zuvor zwölf Jahre lang Gemeinderatsschreiber in Nesslau, aufgewachsen bin ich allerdings – wie meine Frau Beatrice – in Gossau. In Nesslau hätten wir durchaus bleiben können. Es hat auch den Kindern dort sehr gut gefallen.

Warum der Wechsel?
Mitte 30 kam der Gedanke: Wie soll es weitergehen? An diesen Punkt gelangen viele in diesem Alter, und so war es auch bei mir. Ich entschied mich dazu, für ein Gemeindepräsidium zu kandidieren, und habe mich nach frei werdenden Stellen umgeschaut.

Was gab den Ausschlag für Mosnang?
Als das Gemeindepräsidium in Mosnang ausgeschrieben war, haben wir die Gemeinde einen Tag lang besucht. Wir sind wandern gegangen und haben die einzelnen Dörfer erkundet. In Mosnang hat es einfach gepasst. Es war wirklich ein toller Moment, als sich die Bevölkerung für mich entschieden hat. Und wir sind hier sehr gut aufgenommen worden.

Fast ein Vierteljahrhundert waren Sie nun Gemeindepräsident. Inwiefern unterscheidet sich der Bernhard Graf von heute von dem Bernhard Graf von damals?
Grundlegend bin ich wohl der Gleiche geblieben, der ich 1992 war. Aber das Umfeld verändert sich ständig, man wird älter, aber auch erfahrener, und erlangt damit mehr Routine. Ich bin heute natürlich nicht mehr so nervös vor einer Bürgerversammlung, wie ich es damals war. Und ich kenne mich in der Gemeinde wesentlich besser aus. In meinem ersten Amtsjahr hatte ich immer eine Wanderkarte im Auto, damit ich auch die entlegensten Weiler finden konnte.

Was war an Mosnang speziell?
Die Mosnanger hatten nicht auf jemanden gewartet, der die Gemeinde umkrempelt. Man passt sich als Fremder der neuen Wohngemeinde an und nicht umgekehrt. Das ist überall so. Einer der ersten Anlässe, zu denen ich eingeladen wurde, war die Hauptversammlung des Rettungscorps. Auf der Einladung stand: Man trifft sich um 19.25 Uhr in Uniform vor der Kirche zur Agatha-Messe. So etwas hatte auch ich als aktiver Kirchgänger noch nie erlebt – doch die Tradition wird heute noch weitergeführt, was sehr wertvoll ist.

Gibt es weitere Eigenheiten an Mosnang, die Ihnen damals aufgefallen sind?
Zu meiner Anfangszeit fanden Unterhaltungsabende erst um 20.15 Uhr statt, damit die Kirchgänger es auch rechtzeitig zum Beginn in die Turnhalle geschafft haben. Und nicht zuletzt war somit auch Pfarrer Keller pünktlich, der jeweils speziell begrüsst wurde. Ausserdem hat es mich beeindruckt, wie stark die landwirtschaftliche Bevölkerung in Mosnang überall eingebunden ist.

Sie stammen selber aus einem bäuerlichen Umfeld.
Das stimmt. Und das hat mir hier auch sehr geholfen. Mir war von Anfang an bewusst, dass ein Landwirt am ehesten am Vormittag zur Zeit der Fütterung einige Minuten für mich entbehren kann. Das war für beide Seiten besser, als wenn ich einen Termin im Büro vorgeschlagen hätte.

Was war der Grund, dass Sie nach 24 Jahren entschieden haben, nicht mehr als Gemeindepräsident anzutreten?
Das haben meine Familie und ich bereits vor vier Jahren entschieden. Ich wollte einfach aufhören, solange ich den Job noch gerne mache. Mit 62 Jahren bin ich vielleicht noch etwas jünger als meine Vorgänger, als diese aufgehört haben. Aber ich wollte noch genug Kraft haben, um etwas Neues anzufangen.

Das da wäre?
Anfang Februar werde ich nach Vancouver reisen, um dort zehn Wochen lang so Englisch zu lernen, dass ich mich gut verständigen kann. In der Schule hatten wir früher mehr Italienisch und Französisch. Ich will einfach wissen, ob das in meinem Alter noch möglich ist, und mich nicht in zehn Jahren fragen, ob ich das wohl geschafft hätte. Anschliessend kommt meine Frau nach, und wir werden Amerika, Alaska und Kanada bereisen. Im Herbst wollen wir spätestens wieder hier sein, und es ist geplant, dass ich auf selbständiger Basis Mandate im Bereich Güter- und Erbrecht übernehme.

Sie haben eine grosse Familie mit sechs Kindern und mittlerweile auch Enkel. Wie haben Sie Familie und Beruf unter einen Hut gebracht?
Indem ich auf andere Sachen verzichtet habe. Mit dem Entscheid, nach Mosnang zu kommen, habe ich sämtliche Mitgliedschaften in Vereinen beendet. Nicht, weil sie es mir nicht wert waren, sondern aus Rücksicht. Ich wollte deshalb auch nie zusätzliche politische Ämter, die Familienzeit gekostet hätten, bekleiden. Zeitraubende Hobbys, bei denen die Familie nicht dabei sein könnte, hatte ich ebenfalls keine. Und so bleibt tatsächlich noch Zeit übrig. Und diese habe ich bewusst verstärkt für die Familie genutzt.

Gibt es etwas in den 24 Jahren in Ihrer Amtszeit, auf das Sie besonders stolz sind?
Die aktive Bodenpolitik. Raumplanung ist ein spannendes und wichtiges Thema, welches Mosnang noch lange begleiten wird. Der Gemeinderat hat diese Bodenpolitik immer mitgetragen. Wir durften strategisch wichtige Liegenschaften und Baulandreserven kaufen und damit eine Innenentwicklung initiieren, die von grosser Bedeutung ist. Und das sieht man auch. In allen Dörfern der Gemeinde findet eine gute Dorfkernentwicklung statt. Damit kommt Mosnang auch der Forderung entgegen, Kulturland zu schonen. Ich bin diesbezüglich mit den Landwirten einig, dass wir keine neuen Siedlungsgebiete brauchen. Die Bauwirtschaft muss lernen, bestehende Siedlungsflächen zu optimieren. Und damit sind wir in Mosnang auf einem guten Weg.

Und gibt es auch Dinge, die Sie im Nachhinein anders machen würden?
Wahrscheinlich schon. Aber ich gehöre zu den Menschen, die nicht ständig Entscheidungen in Frage stellen. Sowohl beruflich als auch privat. Vor allem habe ich die Entscheidung, nach Mosnang zu kommen, nie bereut.

Derzeit sind noch einige Projekte, die in Ihrer Amtszeit genehmigt wurden, am Laufen. Hätten Sie gerne noch das eine oder andere beendet?
Eigentlich schon. Es wäre schön gewesen, den An- und Umbau beim Alters- und Pflegeheim Hofwis einzuweihen. Aber es ist ein Teil dieses Jobs, dass man zu einem bestimmten Zeitpunkt aufhört und die Nächsten weitermachen.

Apropos: Renato Truniger übernimmt ab Januar das Amt des Gemeindepräsidenten. Was würden Sie ihm mit auf den Weg geben?
Mein Vorgänger Otto Bürge hat mir vor nicht allzu langer Zeit einmal gesagt, er habe nie das Gefühl gehabt, wir vom Gemeinderat machen etwas schlecht, was ihm und dem damaligen Gemeinderat wertvoll gewesen sei. Das ist eine schöne Aussage, und ich würde mir wünschen, dass ich das auch irgendwann sagen kann. Ich wünsche meinem Nachfolger, dass er in diesem Job glücklich ist und – genau wie ich – eines Tages sagen kann, er sei immer gerne zur Arbeit gegangen.