ABSCHIED: «Ich bin dem Toggenburg verbunden»

Am 1. Januar 1993 trat Christoph Häne als Nachfolger von Beda Lengwiler das Amt des Kirchberger Gemeindepräsidenten an. 24 Jahre später blickt er mit dem Toggenburger Tagblatt auf eine erfüllte Zeit zurück.

Beat Lanzendorfer
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Christoph Häne betritt am 30. Dezember zum letzten Mal in offizieller Funktion als Gemeindepräsident das Kirchberger Gemeindehaus. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Christoph Häne betritt am 30. Dezember zum letzten Mal in offizieller Funktion als Gemeindepräsident das Kirchberger Gemeindehaus. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Beat Lanzendorfer

beat.lanzendorfer

@toggenburgmedien.ch

Viele Menschen, die aus dem Berufsleben ausscheiden, beginnen zu schreiben. Haben Sie auch Pläne in diese Richtung? Ein Buch?

Ein Buch schreiben hat oft auch mit Problembewältigung, Selbstdarstellung und dem Drang zu Ratschlägen zu tun. Ich gehe bereichert und vollbepackt mit mehrheitlich guten Erinnerungen aus diesem Amt. Für mein zukünftiges Wohlergehen muss ich daher nicht zuerst unverdaute Probleme bewältigen. Ein Selbstdarsteller bin ich, so hoffe ich zumindest, noch nie gewesen, und für einen guten Rat an meinen Nachfolger bin ich bei Bedarf immer bereit. Der langen Rede kurzer Sinn: Ein Buchprojekt steht bei mir nicht an!

Wann spürten Sie als gebürtiger Kirchberger, dass Sie einmal Gemeindepräsident werden möchten?

Es war nie mein Ziel, Gemeindepräsident zu werden. Mein Grundstein zu meinem heutigen Beruf wurde aber schon im Jahre 1971 gelegt. Damals schlug ich mit der Verwaltungslehre auf der Gemeindeverwaltung Kirchberg erste Wurzeln in der Gemeindetätigkeit. Es folgte das Studium an der Fachhochschule, dann eine Anstellung bei der Stadt Wil. Aufgrund meiner beruflichen Vergangenheit und persönlichen Herkunft wurde ich zum «Objekt eines gezielten Angriffs» aus Kirchberg: Nämlich die persönliche Anfrage aus CVP-Kreisen für die Nachfolge von Gemeind­ammann Beda Lengwiler.

Was war Ihr Höhepunkt oder Ihr «schönstes Erlebnis» in Ihren 24 Amtsjahren?

Der Job eines Gemeindepräsidenten ist so vielfältig, dass sich kaum ein einziges Ereignis festmachen lässt. Deshalb eine kleine Auswahl an Höhepunkten: der Empfang der neu gewählten Kantonsratspräsidentin Margrit Stadler sowie des Kantonsratspräsidenten Donat Ledergerber, die Eröffnung der Ortsumfahrung Bazenheid, die Dörferfester, das neue Gemeindehaus, die tolle Zusammenarbeit mit Gemeinderat und Verwaltung, die Ablehnung des Initiativbegehrens «Einbürgerungen an die Urne», das Jubiläumsfest «100 Jahre Kaiserbesuch» auf dem Kaiserhügel oder die Übergabe des schweizerischen Naturschutzpreises.

Und das Gegenstück dazu? Gibt es auch einen «schlimmsten» Fehlentscheid? Falls ja: Wie würden Sie im Nachhinein entscheiden?

Vielleicht tönt es überheblich. Aber an einen konkreten Fehlentscheid mag ich mich nicht erinnern. Vielleicht hätten wir bei genauerem Wissen über die Schulraumentwicklung der nächsten Jahre die letzte Steuersenkung nicht vorgenommen. Auch im Bereich der Siedlungsentwicklung würde ich heute in verschiedenen Bereichen eine etwas härtere Gangart einschlagen. Die Begrenzung der Siedlungsgebiete nach aussen führt zu höheren Anforderungen an die Siedlungsentwicklung nach innen. Der Schutz gewachsener Strukturen und eine hohe Siedlungsqualität sind dabei wichtige Anliegen.

Was hat sich in Ihren Amtsjahren am meisten verändert?

Das starke Wachstum hatte eine stark veränderte Bevölkerungszusammensetzung zur Folge. Die Spekulation auf dem Liegenschaftenmarkt hinterlässt ihre Spuren. Rasches Geld verdienen und Bauen nach dem eigenen Gusto ist mittlerweile Mode. Wichtig ist, dass am Schluss die Kasse stimmt. Leider hält sich auch das Interesse der Jungen an der Politik in Grenzen. Eine Parallele dazu findet sich im Vereinsleben, wo es immer schwieriger wird, Leute für ein Amt zu gewinnen. Der Konsum, das passive Geniessen ist verbreitet und wird in unserer Gesellschaft auch gefördert. Was mich zuversichtlich stimmt, ist das Engagement unserer Dörfer.

Welches war emotional Ihre schwierigste Entscheidung?

Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes kann ich kein konkretes Beispiel nennen. Aber schwer wird es für einen persönlich immer dann, wenn man Leute aus dem eigenen Bekanntenkreis bei Gesetzesverstössen «massregeln» muss.

Gibt es Ämter, die Sie nach Ihrem Ausscheiden als Gemeindepräsident weiterführen?

Ich werde noch einige Funktionen ausüben, die aber keinen unmittelbaren Zusammenhang mit der Aufgabe des Gemeindepräsidenten haben. Zudem werde ich noch bis Mai 2017 Präsident der Regio Wil und Vizepräsident der Regionalwerk Toggenburg AG bleiben. Dies allerdings nur deshalb, weil erst dann die Erneuerungswahlen für diese Ämter stattfinden. Auch bleibe ich noch Verwaltungsrat der TMF Tiermehlfabrik bis zu den nächsten Gesamterneuerungswahlen. Im weiteren werde ich das Präsidium des Zweckverbandes Wasserversorgung Kirchberg-Bazenheid-Lütisburg Ki-Ba-Lü fortsetzen, allerdings als Unabhängiger und nicht als Vertreter der Politischen Gemeinde Kirchberg.

Sie sind auch Vorstandsmitglied der Toggenburger Vereinigung für Heimatkunde. Was interessiert Sie am Toggenburg?

Ich bin sehr geschichtsinteressiert. Als Nachkomme einer alteingesessenen Kirchberger und damit Toggenburger Familie bin ich naturgemäss auch an der Talschaft interessiert. Ich bin dem Toggenburg als landschaftlich sehr schöne Region mit reicher geschichtlicher Vergangenheit sehr verbunden.

Existiert ein Dossier, das Sie gerne zu Ende gebracht hätten, das aber noch in der Schublade schlummert?

Ich habe gelernt, dass das Leben in einer Gemeinde immer im Fluss ist. Es gibt kaum einen Anfang und auch kein Ende. Vor diesem Hintergrund habe ich nicht den Anspruch, dass bei meinem Abgang alles fertig sein muss. Das Leben geht weiter, und mein Nachfolger wird viele im Gang befindliche Vorhaben und Projekte weiterführen müssen. Was mich sicher noch interessiert hätte, wären das Betriebs- und Gestaltungskonzept Gähwilerstrasse im Kirchberger Dorfzentrum sowie die Mehrzweckhalle Sonnenhof gewesen. Auch die Überbauung Spelteriniwiese in Bazenheid und die Zentrumsentwicklung Kirchberg-Süd/Harfenberg sind spannende Sachen.

Ihr Nachfolger Roman Habrik hat in einem Interview erklärt, die Gemeinde Kirchberg komme nicht darum herum, sich zu verschulden. Er sprach damit die Erneuerung der Infrastruktur an (Schule, Mehrzweckhalle). Stimmen Sie dem zu?

Ja. Diese Aussage trifft eindeutig zu. Sie basiert auch auf den Ergebnissen der kommunalen Finanzplanung über fünf Jahre, das der Gemeinderat im Sinne einer rollenden Planung überarbeitet.

Hat die Gemeinde Kirchberg die Entwicklung in der Vergangenheit verschlafen oder zumindest falsch eingeschätzt?

Mit Ausnahme der Investitionen im Schulbereich hat der Gemeinderat alle geplanten Investitionen in der Finanzplanung berücksichtigt. Daher wurde gar nichts verschlafen. Was den schulischen Bereich betrifft, wurden wir vom Tempo des schulischen Bedarfs überrascht. Ich würde es mal so sagen: Das Bevölkerungswachstum hat, was ja erfreulich ist, auch innert kürzester Zeit einen beträchtlichen Zuwachs an Schulkindern gebracht, was den zusätzlichen Bedarf an Schulraum erklärt. Ich denke, das Tempo dieser Entwicklung und der hohe Kinderanteil wurden etwas unterschätzt.

Vom Alter her könnten Sie problemlos noch eine Amtszeit anhängen. Warum tun Sie es nicht?

Mit 24 Amtsjahren gehöre ich heute schon zu den dienstältesten Gemeindepräsidenten. Wenn man bedenkt, mit welchem zeitlichen und belastenden Engagement dieses Amt verbunden ist, sind 24 Jahre eine lange Zeit. Ich übe diese anspruchsvolle Funktion nur deshalb schon so lange aus, weil die Aufgabe enorm vielseitig, spannend und auch bereichernd war. Mit zunehmendem Alter verspürt man das Verlangen, wieder etwas kürzer zu treten. Man muss gehen, wenn man noch nicht zur «lahmen Ente» verkommen ist.

Die CVP bekleidete seit Menschengedenken das Amt des Gemeindepräsidenten. Erklären Sie uns die Gründe, warum ab dem 1. Januar mit Roman Habrik ein FDP-Kandidat das Ruder übernimmt.

Da müssen Sie nicht mich, sondern die Bürgerschaft fragen, welche Roman Habrik wählte. Ganz allgemein muss ich sagen, dass die Parteizugehörigkeit für einen Gemeindepräsidenten auf kommunaler Stufe überbewertet wird. Gemeindepolitik ist in erster Linie Sachpolitik. Selbstverständlich müssen auch einer sachorientierten Politik Werte wie Familiensinn, Eigenverantwortung, christliche Grundhaltung, Respekt vor der Schöpfung, Gemeinsinn, soziale Verantwortung usw. zugrunde liegen. Ich traue Roman Habrik diese Grundwerte zu.

Konnten Sie den Spagat zwischen Beruf, Familie und Privatem eigentlich gut meistern?

Ich denke, man kann diesen Spagat nur dann meistern, wenn man auch danach strebt. Das Gemeindepräsidium ist mit viel Verzicht verbunden. Es steht nicht immer soviel persönliche Zeit zur Verfügung, wie man es gerne möchte. Ganz entscheidend ist der Rückhalt innerhalb der Familie. Darauf konnte ich zu jeder Zeit zählen, und dafür bin ich dankbar. Den Spagat am wenigsten meistern konnte ich in Bezug auf meine privaten, persönlichen Bedürfnisse. Aber ich hoffe, dass ich in diesem Bereich in den nächsten Jahren vermehrt auf die Rechnung komme.

In der Schweiz leiden immer mehr Menschen unter dem beruflichen Stress. Gab es Situationen, in denen Sie an Ihre Grenzen gestossen sind?

Natürlich gab es Situationen, wo sich Aufgaben, Termine und Verpflichtungen türmten und wo man meinte, dies alles nicht innert Frist zu schaffen. Aber ich bin im Sternzeichen Jungfrau geboren. Jungfrauen arbeiten strukturiert und haben in der Regel organisatorische Fähigkeiten. Dank dieser Charaktereigenschaften gelang es mir meistens, den Überblick zu bewahren.