Ab 2018 wird es schwierig

Brosmete

Heidi Eisenhut
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849. Diese Zahl auf dem Display des Bosch-Dashboards meines Elektrobikes begrüsste mich im Februar 2017 zur ersten Fahrt nach der Winterpause. Eine Kilometerzahl. Ja. Aber auch eine Jahreszahl. Am 20. April 849 soll hierzulande frühmorgens die Erde heftig gebebt haben. Der Reichenauer Abt Walahfrid Strabo sprach von einem «terrae motus maximus» mit zahlreichen Nachbeben. Seit ich vor Jahren Originaltexte des karolingischen Gelehrten in der Stiftsbibliothek St. Gallen gelesen hatte, bin ich eine Walahfrid-Verehrerin: Meine Erinnerung an den Reichenauer mit dem Beinamen «der Schielende» regte mich an diesem kühlen Februarmorgen zum Fabulieren an.

In der Folge wurden die Tage wärmer, das Bike kam fast täglich zum Einsatz, und ich kultivierte meine heimliche Freude daran, die Kilometer als Jahre ins Land ziehen zu lassen. Ich radelte die karolingische Renaissance aus meinen Gedanken, durchquerte das Mittelalter und strampelte mit 25 Kilometern pro Stunde durch die frühe Neuzeit. Luthers Thesenanschlag 1517 in Wittenberg ereignete sich beim Schweizerbund in Wald. Keine 15 Minuten später in Trogen – 1523 – hatte der Rat von Appenzell bereits die schriftgemässe Predigt eingeführt. Noch am gleichen Tag, im Bruderwald auf dem Gemeindegebiet von Trogen, stimmte die Landsgemeinde 1525 dem Kirchhöriprinzip zu, wonach sich jede Kirchgemeinde im Land Appenzell für die eine oder andere Glaubensrichtung zu entscheiden hatte. Urnäsch, Hundwil, Teufen, Trogen und Gais nahmen den neuen Glauben an. Und noch ehe ich zu Hause angekommen war, hatte auch Herisau 1529 zu den Reformierten gewechselt.

Im Spätsommer hatte ich endlich die Aufklärung erreicht. Meine Beine waren schneller geworden und mein Hirn rauchte zunehmend. Die karolingische Renaissance war bedeutend kontemplativer als die hektische Neuzeit! Mit dem heutigen Tag steht auf dem Dashboard «2014». Zeit für die nächste Winterpause, denn ab 2018 wird es schwieriger mit den Jahreszahlen …

Heidi Eisenhut