SPEICHER: Rote Schuhe als Hoffnungsträger

Ralf Bruggmann ist Preisträger des diesjährigen Schreibwettbewerbs des Ausserrhoder Amtes für Kultur. Am Donnerstag kam in Speicher eine seiner Geschichten zur Aufführung.

Mark Riklin
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Lukas Krejci als Erzähler der Kurzgeschichte. (Bild: Lars Böni)

Lukas Krejci als Erzähler der Kurzgeschichte. (Bild: Lars Böni)

SPEICHER. Bibliothek Speicher, Punkt 19.30 Uhr. Auf dem Vorplatz hat ein experimentierfreudiges Publikum auf Klappstühlen Platz genommen, um ein neues Leseformat zu erproben: eine ambulante Lesung. Was nach Spital oder Krankheit klingt, ist in Tat und Wahrheit überraschend gesund. Im Gegensatz zu einer stationären Lesung gehen nicht nur die Gedanken, sondern auch die Beine spazieren. Und so erhebt sich das Publikum nach wenigen Minuten ein erstes Mal, um in einer stillen Prozession zum ersten Schauplatz der Geschichte zu schlendern. Schuhmacherei Arnold Bertschinger. Wo seit über 100 Jahren ein altes Handwerk gepflegt wird, nimmt die Geschichte des Autors Ralf Bruggmann ihren Anfang. Ein Schumacher – lustvoll interpretiert vom Theaterschaffenden Lukas Krejci – nickt den Leuten zu, die allmählich eintreffen, und beginnt seine Geschichte zu erzählen: «Das Leben, das ich führe und vor mir herschiebe, ist ein stilles Leben.» Eigentlich hätte er längst aufhören sollen mit seiner Schuhmacherei. Wenn da nicht die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit einer Frau namens Eva wäre, deren rote Schuhe seit Jahren im Regal darauf warten, abgeholt zu werden.

S21 fährt durch die Geschichte

Bahnsteig 1, l'heure bleue. Immer wieder begibt sich der Schuhmacher zum nahen Bahnhof, um nach Eva Ausschau zu halten. Auch an diesem Abend, für einmal in Begleitung einer grösseren Gesellschaft. «Ein Bahnhof liegt zwischen den Dingen, zwischen den Polen.» Kaum jemand verbringe hier mehr Zeit als notwendig, heisst es im Manuskript. Über Lautsprecher wird die nächste Zugseinfahrt angekündigt, wenig später fährt die S21 nach St. Gallen mitten durch die Geschichte, trennt für einen kurzen Moment Schauspieler und Publikum. Eine Frau mit roten Schuhen steigt aus und zieht am Publikum vorbei. «Ist das Zufall?», fragt sich das Publikum.

«Ambulante Lesung» gefällt

Bahndepot. Dicht gedrängt sitzen 40 bis 50 Leute vor einer schlafenden Zugskomposition. Vergeblich ruft der Schuhmacher nach seinem Freund Paul, der hier Bahnwaggons reinigt und Scharniere ölt. Am heutigen Abend scheint er nicht zu arbeiten. Paul sei das, was man einen seltsamen Kauz nenne, ein Eigenbrötler, eine tragische Figur. Und ein Möchtegern-Poet, der auf einer alten Hermes Gedichte schreibt. Mit einem Schulterzucken erklärt der Schuhmacher, dass er nun irgendwie hungrig und durstig sei. Lukas Krejci steigt hinunter vom Bahnwaggon, nimmt seine Stirnlampe ab und stösst mit Autor, Publikum und Arrangeuren an auf ein unvergessliches Erlebnis. Die Beteiligten sind sich einig: Das Format «Ambulante Lesung» hat eine Fortsetzung verdient.

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