80 Jahre Zwillinge Züst

Walter und Ernst Züst aus Wolfhalden sind die wohl bekanntesten Zwillinge des Appenzellerlandes. Die beiden Vorderländer Autoren mit dem Faible für Historisches feiern heute Mittwoch ihren 80. Geburtstag.

David Scarano
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Einer ohne, einer mit Schnauz: Walter (links) und Ernst Züst im Museum Wolfhalden. (Bild: dsc)

Einer ohne, einer mit Schnauz: Walter (links) und Ernst Züst im Museum Wolfhalden. (Bild: dsc)

WOLFHALDEN/GRUB. Walter Züst schlägt das Museum Wolfhalden als Interview-Ort vor. «Da passen wir hin. Wir sind beide museale Typen», sagt er und lacht. Nun sitzt er gemeinsam mit Zwillingsbruder Ernst im ungeheizten «Haus zur alten Krone» am Tisch, beobachtet vom Ölporträt des ehemaligen Besitzers Landeshauptmann Wälti Bänziger. Ernst und Walter Züst sind das wohl berühmteste Zwillingspaar des Appenzellerlandes. Heute feiern die Vorderländer ihren 80. Geburtstag. Die Zwillinge Züst sind so bekannt, dass sie alle fünf Jahre pünktlich zum Geburtstag in der Öffentlichkeit gefeiert werden. «Wir verfallen deshalb nicht in Euphorie. Es bedeutet ja auch, dass wir wieder älter geworden sind», so Walter Züst. Wenige Tage vor dem Geburtstag sind sie aufgestellt, sie lachen viel, wenn sie in ihren Erinnerungen schwelgen. «Gesundheitlich geht es uns gut», so Ernst Züst.

Geschichte als Passion

Ernst und Walter Züst lassen sich optisch leicht unterscheiden. Nur Ernst trägt einen Schnurrbart. Bei der Tätigkeit als Autoren fällt es einem schon etwas schwerer: Beide haben sich der Historie verschrieben, doch die Passion drückt sich unterschiedlich aus. Walter Züst ist Romancier, der mehrere regionale Bestseller geschrieben hat. Ernst Züst hat sich einen Namen als Verfasser diverser Vorderländer Gemeindechroniken gemacht, etwa der einstigen Gemeinde Kurzenberg.

Für Ernst Züst kommt ein Ausflug in die Literatur nicht in Frage. «Ich halte mich lieber an die Fakten.» Auch Walter Züst liebt es, historische Quellen zu durchforschen. Er schrieb die Geschichte der Gemeinde Grub nieder, gemeinsam mit Bruder Ernst erarbeitete er die Chronik Walzenhausens. «Doch schon damals hat sich gezeigt, dass ich lieber Lebensgeschichten erzähle. Romane schreiben war eine grosse Erleichterung, ich konnte die Phantasie benützen», sagt Walter Züst. Unglücklich sind die Züsts nicht, dass sie sich als Autoren nicht in die Quere kommen. So bleibt ihnen als Erwachsene das klassische Dilemma von Zwillingen erspart. «Als Kinder wurden wir ständig verwechselt», so Ernst Züst.

Beide im Staatsdienst

Die Zwillinge Züst sind in Wolfhalden aufgewachsen. Walter kam eine halbe Stunde früher auf die Welt. Auch danach hatte er die Nase vorn: «Ich war immer ein bisschen grösser», so der ältere Bruder. Ihre Wege trennten sich nach der Grundschule. Walter Züst ging nach Heiden in die Sekundarschule, weil er den Kaufmannsberuf ins Auge gefasst hatte. Ernst Züst wollte hingegen wie der Vater – der zugleich Seidenweber war – Bauer werden und zog als Knecht ins Bern- und danach ins Züribiet. Landwirt wurde Ernst Züst aber nie, nach der Rekrutenschule wechselte er als Postzusteller nach Heiden in den Staatsdienst. Auch Walter Züst fand nach Abstechern in Rheineck, Ebnat-Kappel und Altenrhein eine Stelle im Vorderland, ebenfalls im Staatsdienst. Er wurde Gemeindeschreiber von Grub, auch dank des Bruders: Ernst riet ihm, sich zu bewerben. Walter Züst blieb auch nach der Pensionierung in Grub wohnhaft, Ernst zog hingegen früh wieder in die Heimatgemeinde Wolfhalden zurück.

Die Liebe zur Historie wurde ihnen vom Vater vermittelt. Sie lernten früh historische Quellen, die sich durch die Frakturschrift und ein eigenständiges Idiom auszeichnen, zu lesen. So richtig in Vaters Fussstapfen als Lokalhistoriker traten sie Mitte der 1960er-Jahre. Sie schrieben die Familiengeschichte nieder und erstellten einen Stammbaum, der bis ins 16. Jahrhundert zurückreichte. Ernst Züst begann Anfang der 1970er-Jahre historische Artikel zu schreiben, zunächst für den «Allgemeinen Anzeiger Rheineck», danach für die Appenzeller Zeitung. Walter Züst verfasste im Rahmen der 500-Jahr-Feier der Gemeinde die Geschichte Grubs.

Die literarischen Wege trennten sich 1994, als Walter Züst seinen ersten Roman schrieb. Der historische Fundus war jedoch befruchtend. Walter Züsts erste Romane («Der Weg zum Richtplatz» und «Die Dornesslerin») entspringen direkt den Chroniken Grubs und Walzenhausens. Ernst Züst zementierte seinen Ruf als Lokalhistoriker mit der Gründung des Museums Wolfhalden in den 1980er-Jahren. Dem Trägerverein steht er nach wie vor als Präsident vor.

Weiterschreiben

Im Museum Wolfhalden ist es mittlerweile bitterkalt. Landeshauptmann Wälti Bänziger schaut weiterhin neugierig auf die Züsts. Die Geburtstagskinder wünschen sich für die Zukunft vor allem gute Gesundheit, für sich und ihre Familien. Was sonst noch komme, sei egal, sagen sie. Schreiben werden sie weiterhin. Ernst Züst gibt jährlich seine «Kurzenberger Hefte» heraus. Walter Züst hat zwar seinen Rücktritt als Romancier angekündigt, doch das erste Kapitel für einen neuen Roman bereits geschrieben. Von den Zwillingen Züst dürfte in Zukunft weiterhin zu lesen sein – ins Museum gehören sie noch lange nicht.

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