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55, ausgesteuert, hoffnungsvoll: Ein arbeitsloser Herisauer hat noch nicht aufgegeben

Ein Jobverlust trifft einen Arbeitnehmer besonders hart, wenn dieser schon älter als 50 Jahre ist. Der Bundesrat will dem nun mit Massnahmen entgegenwirken. Auch in Herisau gibt es Personen in dieser Situation. Ein Betroffener erzählt.
Yann Lengacher
Arbeitslosigkeit sei in unserer Gesellschaft ein Tabuthema, so ein anonymer Betroffener aus Herisau. (Bild: Yann Lengacher)

Arbeitslosigkeit sei in unserer Gesellschaft ein Tabuthema, so ein anonymer Betroffener aus Herisau. (Bild: Yann Lengacher)

«Ich hätte nie gedacht, dass es mich erwischen könnte», sagt Stefan Müller. Der Name des Mannes, der diese Worte von sich gibt, ist nicht wirklich Stefan Müller. Er ist ein freundlicher, «normaler» Mittfünfziger. Nur ohne Beschäftigung. Darum geben wir ihm einen ebenso normalen Namen. Denn Müller möchte anonym bleiben, wenn er erzählt, wie er jetzt lebt und wie es ihn erwischt hat. Seit August 2017 ist der Herisauer arbeitslos. Arbeitslosigkeit von über 50-Jährigen gab in letzter Zeit immer wieder zu reden. Die SVP entdeckte das Thema für den Wahlkampf. Der Bundesrat hat zudem vor kurzem Ideen präsentiert, mit denen er ältere Arbeitslose wieder konkurrenzfähig machen will (siehe Box).

Plötzlich ein Fall für die Sozialhilfe

Der 55-jährige Müller ist gelernter Serigraf. Bis zu seinem letzten Arbeitstag hielt er der Druckerbranche die Treue. Ab 1988 arbeitete Müller nicht mehr direkt in der Druckerei und wechselte in den Verkauf. Seine Aufgabe war es, Aufträge zu beschaffen und so die Maschinen auf Trab zu halten. «Ich war immer sehr fleissig. Das macht es besonders schwierig, keine Arbeit zu haben», sagt Müller. Im Verlauf seiner Karriere war er bei verschiedenen Firmen tätig, auch weil in der Branche ein starker Strukturwandel für Unruhe sorgte. Seine letzte Anstellung dauerte drei Monate. Seit der Kündigung lebt der Herisauer von Sozialhilfe – mittlerweile ist er ausgesteuert. Schon einmal erlebte er eine längere Phase der Arbeitslosigkeit. Auf Arbeitslosengeld hat er nun keinen Anspruch mehr. «Dank Familienmitgliedern, die mich moralisch, aber auch mal mit einer Einladung zum Essen unterstützen, ist das Durchkommen einfacher», sagt der alleinstehende Müller. Seine Ausgaben beschränken sich auf die Miete für seine einfache Wohnung und Lebensmittel.

Der Herisauer setzt seit dem Verlust seines Jobs alles daran, eine neue Stelle zu finden. In den letzten anderthalb Jahren hat er 220 Bewerbungen verschickt, in sämtliche Branchen. Seine Unterlagen hat er mit Hilfe eines Jobcoaches professionell gestaltet. Es ist aber nicht die Anzahl an Bewerbungen, die Müller zu denken gibt: «Das Schlimme daran ist, dass ich seit dem Verlust meiner Stelle zu keinem einzigen Vorstellungsgespräch eingeladen wurde.» Den Hauptgrund dafür sieht Müller in seinem Alter. Ans Aufgeben denke er aber nicht, dürfe er nicht. Für Müller ist es wichtig, einem geregelten Alltag zu folgen. Er steht früh auf. Durchforstet Stellenportale. Besucht regelmässig seinen Coach, geht einkaufen. Leicht fällt ihm das nicht immer:

«Besonders am Morgen kommen extrem viele negative Gedanken. Braucht es mich denn nicht mehr? Wie geht es mit mir weiter?»

Man müsse in dieser Situation mental stark sein. Mut macht sich Müller immer wieder mit einem Slogan: «Der SC Herisau hat dieses Motto ‹Nöd lugg lo gwünnt›. Ich glaube, dass ich etwas finde, wenn ich dran bleibe.» Doch hätte Müller diese Situation vermeiden können? Aus seiner Sicht nicht. «Ich ging nie leichtsinnig mit der Arbeit um. Dass ich selbst schuld bin an der Situation, würde ich nicht unterschreiben.» Auch habe er immer wieder Weiterbildungen besucht.

Arbeitslosigkeit, das Tabuthema

Im Bekanntenkreis von Müller weiss man um seine Situation. Die Frage, ob Arbeitslosigkeit ausserhalb dieses Zirkels ein gesellschaftliches Tabuthema ist, bejaht der Herisauer. «Man leidet mit uns mit, aber verdrängt das Thema. Die Zahlen in der Schweiz sprechen ja gegen einem, sie sagen, dass wir der Vollbeschäftigung sehr nahe sind.» In der Tat: Im April verzeichnet das Seco für den Kanton Appenzell Ausserrhoden eine Arbeitslosenquote von 1,6 Prozent, schweizweit sind es 2,4 Prozent. Enthalten in dieser Statistik sind aber nur beim RAV gemeldete Arbeitslose. Ausgesteuerte wie Stefan Müller fehlen darin.

Der Bundesrat hat kürzlich Massnahmen beschlossen, um die Zahl der Arbeitslosen im Alter 50 plus zu senken. Diese sehen auch Laufbahnberatungen und -analysen vor. Für Müller wäre ein anderer Lösungsansatz besser:

«Wir Alten sind einfach zu teuer. Sinnvoll wäre es, die Pensionskassenbeiträge für ältere Arbeitnehmer zu senken.»

Dann nämlich hätten auch Ältere wieder Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Denn eigentlich könne jeder Betrieb von älteren Mitarbeitern profitieren: «Wir bringen ein gewisses Know-how mit. Ein Arbeitgeber muss in uns nicht mehr so viel investieren wie in einen jüngeren Arbeitnehmer.» Ausserdem sei man als älterer Angestellter loyaler, wolle beispielsweise nicht mehr auf Reisen wie die jüngeren Kollegen. Am Ende des Gesprächs möchte Müller mit einer Behauptung aufräumen, die aus seiner Sicht ein Mythos ist: «Wir Älteren sind nicht weniger leistungsfähig. Ich würde an einem neuen Ort Vollgas geben, wie eh und je.»

Bundesrat will ältere Arbeitnehmer fördern

Schweizer Firmen sollen möglichst viele Fachkräfte im Inland rekrutieren: Das will der Bundesrat. Darum hat er Massnahmen präsentiert, um die Wettbewerbsfähigkeit von älteren Arbeitnehmern zu erhöhen: Arbeitnehmer ab 40 Jahren erhalten unter anderem Anspruch auf kostenlose Standortbestimmungen. Für Personen, die nach dem 60. Lebensjahr ausgesteuert werden, stellt der Bund eine existenzsichernde Überbrückungsleistung bis zur Pension bereit. Dieses Massnahmen gelten ab 2020 und sind auf vier Jahre befristet.

So viele offene Stellen wie seit Jahren nicht mehr

160 im Februar, 168 im März, 134 im April – vergleicht man die aktuellen Zahlen des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums (RAV) Appenzell Ausserrhoden mit denen in den vergangenen Jahren, so zeigt sich: So viele offenen Stellen wie in den vergangenen drei Monaten gab es seit über einem Jahrzehnt in Ausserrhoden nicht mehr. Im Gegensatz zum April 2009 waren in diesem Jahr zum selben Zeitpunkt 101 offene Stellen mehr gemeldet. Analog zur schweizweiten Situation kann man entsprechend von einem aktuellen Höchststand sprechen. Demgegenüber wurde der Tiefpunkt der vergangenen zehn Jahren im Januar 2013 gemessen, als auf dem RAV für den gesamten Kanton Appenzell Ausserrhoden über alle Branchen hinweg lediglich sechs offene Stellen gemeldet waren. Betrachtet man den von der Firma x28 AG aus Zürich publizierten Jobradar, zeigt sich die Situation noch eindeutiger. Waren im ersten Quartal 2012 in Ausserrhoden noch 259 offene Stellen gemeldet, waren es im ersten Quartal 2019 mit 811 mehr als dreimal so viele. In Innerrhoden präsentiert sich die Situation ähnlich: Von 107 gemeldeten offenen Stellen im ersten Quartal 2012 ist deren Zahl auf 281 im Jahr 2019 angewachsen. Gesundheits- und Männerberufe an der Spitze Eine gewisse Branchenabhängigkeit zeigt sich bei genauerer Betrachtung der Zahlen von x28: In Ausserrhoden werden vor allem in den Branchen Personalberatung, sprich im Bereich Personaldienstleistung (240 offene Stellen), im Bau (78) und im Gesundheitswesen (114) Mitarbeiter gesucht. So gibt es momentan 54 Pflegefachpersonen und 15 Fachangestellte Gesundheit zu wenig. Hingegen sind in den Branchen Fahrzeugbau, Glas, Luftfahrt, Uhren und Schmuck, Umwelttechnik und Wasserversorgung per 15. Mai keine offenen Stellen zu verzeichnen. In Appenzell Innerrhoden wird vor allem Personal in Männer-Branchen gesucht, so im Baugewerbe (78) sowie analog zu Ausserrhoden im Personalwesen (130). Den Arbeitgebern fehlt es vor allem an Zimmermännern (11), Maurern sowie Schreinern (9). In der Gastro beziehungsweise Hotellerie (40) mangelt es hauptsächlich an Chefköchen (9). Die Zahlen-Unterschiede der Institutionen lassen sich vor allem mit der Zählmethode erklären. x28 durchsucht für seinen Jobradar die Websites von Unternehmen und Personaldienstleistern. Die Zahlen des RAV hingegen beruhen auf der Meldezuverlässigkeit von Arbeitgebern. Weil auch Stellen, gerade im Gastrobereich, schnell wieder besetzt werden oder «unter der Hand» weggehen, besteht hier eine Dunkelziffer.

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