4123mal zur Feder gegriffen

DICKEN. Wer an einem Wochenende sieben Zeitungsartikel schreibt, ist wahrlich ein fleissiger Journalist. Mit der Biographie von Gottfried Meier aus Dicken könnte man Bände füllen. Heute nimmt er es gelassen, er hat immer «Ziit».

Monika Egli
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Gottfried Meier erzählt gerne aus der Zeit in Afrika, ist oft per öV unterwegs und geniesst es, ohne Block und Kamera Veranstaltungen zu besuchen. (Bild: eg)

Gottfried Meier erzählt gerne aus der Zeit in Afrika, ist oft per öV unterwegs und geniesst es, ohne Block und Kamera Veranstaltungen zu besuchen. (Bild: eg)

Neckertaler und Hinterländerinnen, die in einem Verein mitmachen, die ab und zu eine Unterhaltung, eine politische Versammlung, eine Chilbi oder Viehschau besuchen, also praktisch alle Einwohner dieser Region und viele darüber hinaus, kennen Gottfried Meier. Er ist der wohl berühmteste Neckertaler und der berühmteste Dickler sowieso. 30 Jahre lang, von 1980 bis 2010, hat er Zeitungsartikel um Zeitungsartikel – und daneben noch fünf Vereins- und Dorfchroniken – geschrieben. Insgesamt umfasst sein privates Archiv 4123 Berichte. «Das sind im Durchschnitt fast 140 Artikel pro Jahr», wie er aufzählt. Seine Rekorde in Sachen Schreiben für die Zeitung: Rund 200 Berichte in einem Jahr, sieben Artikel an einem Wochenende!

Gottfried Meier hat sich vor fünf Jahren mit einem höflichen Schreiben an die Redaktionen gewandt und angekündigt, dass er nun aufhöre mit der Schreiberei, er sei schon fast 70jährig. Gesagt – getan: Nie mehr hat sich «gm» seither überreden lassen, doch noch einmal als Journalist zur Feder zu greifen.

Knochenbruch hin oder her

Wie gewissenhaft «gm» seine Arbeit für die Zeitung immer nahm, soll eine kurze Anekdote veranschaulichen: Als er 2008 im Auftrag des «St. Galler Bauers» einen Viehtransport auf eine Alp begleitete, verfehlte er unterwegs beim Aussteigen aus dem Lastwagen einen Tritt und stürzte zu Boden, während das linke Bein hängen blieb. Man gab ihm kurzerhand ein Schmerzmittel aus der Autoapotheke und weiter ging es – es habe sehr weh getan, erinnert er sich. Wieder zu Hause, schrieb er zuerst noch die Reportage und ging erst am nächsten Tag zum Hausarzt. Als dieser das Röntgenbild in den Händen hielt, habe er ausgerufen: «Huere Siech, da isch jo broche!»

Der «Vereins-Meier»

Dicken, 350-Seelen-Dorf in der Gemeinde Neckertal, 800 m ü. M., kein Lebensmittelgeschäft, dafür erstaunlich viele Vereine: Turnverein, Musikgesellschaft, Feuerwehrverein, Frauenverein, Theatergruppe, Dickler Gugge und Verkehrsverein. Gottfried Meier lebt hier in seinem Elternhaus, seit er 9jährig ist, in einem Höckli etwas abseits der Strasse. Dass es in Dicken so viele Vereine hat, kommt ihm entgegen, denn er war nicht nur ein äusserst fleissiger Ortskorrespondent, wie es damals noch hiess, sondern ist auch ein «Vereins-Meier» – im wahrsten Sinn des Wortes. Er hat über die Dickler und viele, viele andere Vereine immer wieder geschrieben und war daneben in einigen von ihnen auch langjähriges Mitglied. Am meisten angetan hat es ihm wohl die Musikgesellschaft; da ist er noch heute, seit fast 50 Jahren, aktiv dabei und spielt die Pauke. Früher war er Schlagzeuger, aber «die Finger sind nicht mehr ganz so gelenkig wie einst». Er war aber auch 25 Jahre lang Präsident des Verkehrsvereins und Löschzugchef in der Feuerwehr.

Der Liechtensteiner

Bei all seinem Wirken und Werken hatte Gottfried Meier auch noch einen ausfüllenden Beruf: Er hat die Schreinerei und Glaserei seines Vaters weitergeführt, bis er 68jährig war. Die Werkstatt war ans Wohnhaus angebaut. Nun ist sie stillgelegt, aber alle Maschinen sind noch da: «Das reinste Museum», sagt Gottfried Meier. Bevor er aber in den väterlichen Betrieb eintrat, verbrachte er sieben Jahre in Afrika. Die Schweizer Kapuzinermission suchte einen Schreiner für eine Handwerkerschule in Tanganjika (heute Tansania). Die Sprache Ostafrikas, Kiswahili (Suaheli), lernte er so schnell, dass er schon nach einem halben Jahr Unterricht erteilen konnte und bald ein Fachbuch schrieb. Genau genommen, resümiert Gottfried Meier, habe die «Zeitungsschreiberei» nicht 1980 in Dicken angefangen, sondern bereits in Afrika, wo er ab und zu ein Wochenblatt bediente. Nach drei Jahren kam er auf Heimaturlaub, erhielt einen neuen Vertrag des liechtensteinischen Entwicklungsdienstes und ging für weitere vier Jahre nach Afrika. Liechtensteinischer Entwicklungsdienst? Was man nicht vermuten würde: Gottfried Meier ist liechtensteinischer Staatsbürger – noch heute.

Der Bahnreisende

Der ehemalige Journalist Gottfried Meier ist gerne unterwegs – am liebsten mit dem öV. Zwar hat er ein altes Auto, zieht das Zugfahren aber bei weitem vor. Verraten sei auch, dass «gm» nie eine Autoprüfung absolvierte! Den Fahrausweis erwarb er in Afrika, wo er nur eine einzige Frage beantworten musste. Sie lautete: «Wie bist du die 160 Kilometer hergekommen?» «Selber gefahren.» «OK, dann kannst du schon Auto fahren.» Dieser offizielle Fahrausweis aus Afrika wurde später auch in der Schweiz akzeptiert. Gottfried Meier reist kreuz und quer durch die Schweiz und das angrenzende Ausland. Und er führt auch hier exakt Buch: Schon an 1411 verschiedenen Bahnhöfen und Haltestellen ist er bislang aus-, ein- und umgestiegen. Wenn es ihn «gluschte», dann fahre er für einen Teller feine Spaghetti bis nach Italien oder für ein kühles Bier nach Paris.

Auf die Pauke hauen

Heute, unterdessen 74jährig, geniesst es Gottfried Meier, an Veranstaltungen aller Art zu gehen, ohne Block und Kamera mitnehmen zu müssen. Er geniesst es auch, seine Reisen je nach Lust und Laune einzuplanen, in der Musikgesellschaft auf die Pauke zu hauen und mit der neusten Errungenschaft, einem E-Bike, in St. Peterzell einkaufen zu gehen. Zwei Wörter hat er endgültig aus seinem Wortschatz gestrichen: «Kei Ziit» und «Stress». Alles, sagt Gottfried Meier, sei eine Sache der Einteilung. Und er zitiert die afrikanische Weisheit: «Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit.»

Gottfried Meier erzählt gerne aus der Zeit in Afrika, ist oft per öV unterwegs und geniesst es, ohne Block und Kamera Veranstaltungen zu besuchen. (Bild: eg)

Gottfried Meier erzählt gerne aus der Zeit in Afrika, ist oft per öV unterwegs und geniesst es, ohne Block und Kamera Veranstaltungen zu besuchen. (Bild: eg)