40 Prozent der Gespräche der Beratungsstelle für Suchtfragen Ausserrhoden dreht sich um Alkohol

Die Anzahl Suchtberatungen haben im vergangenen Jahr zugenommen. Die meisten davon wurden aber freiwillig von den Betroffenen arrangiert.

Janine Bollhalder
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Die meisten Betroffenen in Ausserrhoden haben Probleme mit Alkohol.

Die meisten Betroffenen in Ausserrhoden haben Probleme mit Alkohol.

Sandra Ardizzone

Der Film «Platzspitzbaby» hat die Suchtproblematik deutlich veranschaulicht. Auch in Appenzell Ausserrhoden sind Beratungen im Bereich Sucht ein Bedürfnis der Bevölkerung. Die Suchtberatungsstelle steht den Betroffenen und Angehörigen zur Seite.

Der Film «Platzspitzbaby» thematisiert die offene Drogenszene in Zürich, welche besonders in den Jahren 1980 und 1990 für Aufsehen sorgte. Wie hat sich das Suchtverhalten seither verändert?

Markus Meitz: Zwischen 1980 und 1990 lag der gesellschaftliche Fokus auf dem Leid der Heroinsucht. Heute machen Beratungen zu den Themen Alkohol und Cannabis den Grossteil der Anfragen aus. Besonders bei Jugendlichen drehen sich die Beratungen um Cannabis, da oftmals nicht genügend Wissen über die Substanz vorhanden ist.

Wir besuchen oft Schulen und sensibilisieren so die Kinder und Jugendlichen für die Suchtproblematik. Es gibt wie im Film «Platzspitzbaby» auch Kinder, deren Eltern ein Suchtverhalten zeigen. Diese Kinder leben in einem Spannungsverhältnis. Sie sind eine vulnerable Zielgruppe, die oft den Weg zu uns nicht finden. Indem wir in den Schulen präsent sind, geben wir diesen Kinder und Jugendlichen eine Möglichkeit, uns anzusprechen.

Markus Meitz, Leiter der Beratungsstelle für Suchtfragen

Markus Meitz, Leiter der Beratungsstelle für Suchtfragen

Bild: PD

Was genau ist die Aufgabe der Beratungsstelle Ausserrhoden?

Wir zeigen den Klienten verschiedene Handlungsoptionen auf. Jede Beratung und jeder Behandlungsplan muss individuell gestaltet werden. Generelle Lösungen in der Suchtarbeit gibt es nicht.

Wie kommen die Klienten zur Suchtberatung?

Beratungen von Jugendlichen können von der Jugendanwaltschaft verordnet werden, wenn sie gegen das Betäubungsmittelgesetz verstossen haben. Manche Jugendliche werden auch von der Schule an die Beratungsstelle verwiesen, wenn sie sich auffällig verhalten. Ein exzessiver Cannabiskonsum kann dazu führen, dass die Jugendlichen in der Schule nicht mehr mithalten können oder ihre Lehrstelle verlieren.

Sind es meist Jugendliche, welche beraten werden?

Nein, der Grossteil der Betroffenen ist zwischen 30 und 50 Jahren alt und die meisten Anfragen erfolgen freiwillig. Gesetzliche Beratungen waren im vergangenen Jahr selten. Sie werden verordnet nach Fahren im angetrunkenen Zustand (FiaZ), Fahren unter Drogeneinfluss (FuD) und Fahren unter Medikamenteneinfluss (FuM).

Wie steht es um die Anzahl Suchtberatungen?

Im vergangenen Jahr haben sowohl die Langzeit- als auch die Kurzzeitberatungen gegenüber 2018 zugenommen. Während jedoch die Zahl der Langzeitberatungen über die letzten Jahre in etwa konstant geblieben sind, hat in den letzten zwei Jahren die Zahl der Kurzzeitberatungen stark zugenommen.

Welche Substanzen beschäftigen die Stelle am meisten?

Alkohol macht einen Anteil von über 40 Prozent aus. Dann folgen der Reihe nach Cannabis, Kokain, Heroin, Designerdrogen sowie Medikamenten- und Nikotinabhängigkeit.

Haben die digitalen Medien für einen Anstieg an Suchtverhalten gesorgt?

Es gibt vermehrt Eltern, die uns zum Thema Online- oder Gamekonsum ihrer Kinder kontaktieren, weil daraus Schwierigkeiten im Alltag zu verzeichnen sind. Die Verfügbarkeit der digitalen Medien stellt Familien wie auch Schulen vor zusätzliche Herausforderungen. Aber auch Glücksspiele wie Lose und Casinospiele, die zu einem problematischen Zeitvertreib werden können, sind ein grosses Thema.

Wann gilt ein Konsum als problematisch?

Man kann kein Konsumvolumen allgemeingültig als problematisch deklarieren. Es geht vielmehr darum, zu erkennen, welche Auswirkungen das eigene Konsummuster im Lebenskontext mit sich bringt.

Gibt es auch Fälle, in welchen die Betroffenen in eine Entzugsklinik weitergeleitet werden?

Oft suchen Personen die Suchtberatungsstelle auf, um einen ambulanten Beratungsprozess anzugehen. Wenn dabei die gewünschten Entwicklungsschritte nicht erzielt werden, ist es naheliegend, einen Übertritt in ein stationäres Setting in Erwägung zu ziehen. Eine Einweisung erfolgt meist durch die Klienten selbst in Absprache mit dem Hausarzt. Auch eine Selbsteinweisung ist möglich.