25 Jahre Frauenstimmrecht in Appenzell Innerrhoden

APPENZELL. Heute vor 25 Jahren fiel am Bundesgericht in Lausanne das Urteil: Gegen den Willen der stimmberechtigten Männer musste in Appenzell Innerrhoden das Stimm- und Wahlrecht für Frauen auf Bezirks- und Kantonsebene eingeführt werden.

Monica Dörig
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Am 28. April 1991 heben Bürgerinnen und Bürger an der Innerrhoder Landsgemeinde in Appenzell erstmals gemeinsam die Hand. (Bild: ky)

Am 28. April 1991 heben Bürgerinnen und Bürger an der Innerrhoder Landsgemeinde in Appenzell erstmals gemeinsam die Hand. (Bild: ky)

«Jetzt hetts die Babe härebrocht», polterte ein Gast in der elterlichen Wirtschaft, erinnert sich Angela Koller an jenen Tag vor 25 Jahren. Gemeint war Theresa Rohner, die am Bundesgericht stellvertretend für die Innerrhoder Frauen die staatsrechtliche Beschwerde eingereicht hatte. Unterzeichnet hatten auch Männer. Angela Koller war damals siebenjährig. Sie kann sich zwar nicht an die Landsgemeinde 1991 erinnern, an der Frauen erstmals teilnehmen durften. Dafür aber daran, dass im Vorfeld am Stammtisch gegen die «linken Frauenzimmer» gewettert wurde. Damit waren die Frauen des schon länger tätigen Aktionskomitees gemeint. Dreimal hatten die Innerrhoder Männer an der Landsgemeinde zuvor dem Stimmrecht für Frauen auf kantonaler und kommunaler Ebene eine Absage erteilt: 1973, 1982 und 1990.

«Ein positiver Schub»

Die Gegner akzeptierten das Urteil des Bundesgerichts vom 27. November 1990 ohne Murren. Nur wenige blieben der Landsgemeinde aus Trotz fern. Ihre Befürchtung, dass das Frauenstimmrecht das Ende der Landsgemeinde bedeuten könnte, hat sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil: Der wichtigste Tag im Jahr sei bunter und fröhlicher geworden, fanden viele. «Ich bin sicher: Heute will niemand mehr die Landsgemeinde anders haben», sagt Vreni Kölbener. Sie war Mitglied des Aktionskomitees und zweite Präsidentin des aus dem Komitee hervorgegangen Frauenforums Appenzell.

Schon die erste Landsgemeinde mit Frauenbeteiligung war friedlich verlaufen. Ohne Groll oder Ablehnung seitens der Männer, erinnert sie sich. Der Wandel habe «einen positiven Schub in allen Bereichen ausgelöst». Vreni Kölbener denkt gern zurück an die «ungeheure Frauenkraft», die sich damals bemerkbar machte. Die Innerrhoder Frauen waren motiviert und wissbegierig. Das ab 1992 als Verein organisierte Frauenforum bot ihnen Weiterbildungskurse und Unterstützung. «Für die politischen Parteien und Gruppierungen war es rasch selbstverständlich, Frauen für frei werdende Ämter zu portieren», sagt die Grossrätin für den Bezirk Rüte. Es kam ihnen viel Wohlwollen entgegen. 1991 wurde Regula Knechtle in den Grossen Rat gewählt. Sie war später die erste Grossratspräsidentin des Kantons. 1992 wurde mit Käthi Kamber die erste Frau ins Kantonsgericht gewählt. Und 1996 wurde die junge Ruth Metzler als Frau Säckelmeister das erste weibliche Mitglied der Kantonsregierung. 1999 wurde sie als Bundesrätin «weggewählt».

Etikett «Emanze»

Von Anfang an sei den politisierenden Frauen Wohlwollen und Respekt entgegengebracht worden, auch wenn ihnen noch hie und da das Etikett «Emanze» angeheftet worden sei, sagt Vreni Kölbener. «Im Vordergrund stand und steht die Zusammenarbeit.»

Das bestätigt auch Angela Koller. Die 32jährige Juristin und CVP-Politikern ist Gross- und Bezirksrätin von Rüte – als einzige Frau und jüngstes Mitglied. Sie spüre stets Akzeptanz, auch wenn ihre direkte, emotionale und wortgewandte Art für manche eine Herausforderung sein könne, wie sie sagt. Das habe aber nichts mit ihrem Geschlecht zu tun.

Konservative Rollenbilder

Der Wind in der politischen Landschaft Innerrhodens hat für die Frauen mehrmals gedreht. Heute ist es selbstverständlich, dass Frauen einem Bezirk oder einer Schulgemeinde vorstehen. Vor 25 Jahren wurde manchen Ehefrauen von ihren Männern noch verboten, im Frauenforum Mitglied zu sein. «Allerdings ist der Gegenwind für ambitionierte Frauen seit etwa zehn Jahren wieder stärker», sagt Vreni Kölbener. Gerade bei Wahlen hätten konservative Rollenbilder – auch in den Köpfen der Frauen – immer noch viel Gewicht. Man traue den Frauen trotz Qualifikation weniger zu als den Männern.

Zwar sitzt mit Antonia Fässler als Vorsteherin des Gesundheits- und Sozialdepartements seit 2010 eine Frau in der Standeskommission. Ansonsten hat sich allerdings nicht viel bewegt. Im Grossen Rat politisieren aktuell 14 Frauen und 36 Männer. In die Kommission werden oft gut vernetzte Männer berufen. In Innerrhoden wird immer noch eher auf der persönlichen als auf der sachlichen Ebene entschieden.

Zu grosse Doppelbelastungen

Frauen für politische Ämter zu finden, ist in den vergangenen zehn Jahren zunehmend schwierig geworden: Nicht weil fähige Frauen fehlen, sondern weil die heutigen Frauen mehr als ausgelastet sind mit Beruf, Familie, ehrenamtlichen Funktionen und Freizeitaktivitäten. Das bekam auch das Frauenforum zu spüren. Im September musste es wegen mangelnden Interesses am Angebot und mangelnder Vorstandsmitglieder aufgelöst werden. «Für junge Frauen scheint es zu wenig Gründe zum Kämpfen zu geben», sagt Vreni Kölbener. «Obwohl die Gleichstellung nicht in allen Belangen des Lebens verwirklicht worden ist.»

Auch Angela Koller erlebt, dass Frauen ihres Alters sich zwar über Entscheidungen der Landsgemeinde ärgern, allerdings weder an Informationsanlässen noch an den Abstimmungen teilnehmen würden. Es fehle am Willen, sich für etwas einzusetzen, das über die eigenen Interessen hinausgehe, sagt Angela Koller. Sie wisse jedoch auch kein Rezept, wie man die Frauen abholen und vermehrt einbinden könnte – vor allem jene im Alter zwischen 27 und 40 Jahren.