2118 Sender und zurück

Ein kleiner televisiver Selbstversuch. Man nehme: digitale Sat-Anlage, Receiver, Fernbedienung und einen freien Abend. Die Herausforderung ist gross: Das Gerät empfängt 2118 Sender, wovon über die Hälfte verschlüsselt ist. Der Start ist harzig: wegen des Schweizer Fernsehens.

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Ein kleiner televisiver Selbstversuch. Man nehme: digitale Sat-Anlage, Receiver, Fernbedienung und einen freien Abend. Die Herausforderung ist gross: Das Gerät empfängt 2118 Sender, wovon über die Hälfte verschlüsselt ist. Der Start ist harzig: wegen des Schweizer Fernsehens. Warum bei Sportübertragungen der Kommentator hochdeutsch spricht und der Experte Dialekt, ist unklar. Klar ist, wieso Anabolika-Gross-Kunde Schwarzenegger die Olympia-Fackel tragen darf.

Es folgen Dutzende Dritte Programme, unter anderem zehn verschiedene Ausgaben des WDR, sowie Musiksender, die nie Musik senden. Mit den ersten fremdländischen Sendern beginnt eine Weltreise, die vom Sudan über Armenien in den Irak und in die tiefsten italienischen Provinzen führt. Dort singt man gerne in schlechtsitzenden Kleidern playback abscheuliche Schnulzen.

Nach den News-Sendern – britische, amerikanische, russische, arabische, spanische, aber auch französische, die in englischer Sprache senden – das erste Highlight: Pentagon-Channel, ein amerikanischer Sender mit Schwerpunkt Militär, und zwar so konsequent, dass sogar der TV-Koch Rangabzeichen trägt. Zudem: Pentagon-Channel zeigt ein Lifestyle-Magazin mit dem verheissungsvollen Titel «Freestyle Irak».

Nach «Captain Cook» kommen Sender, die es aufs Geld der Zuschauer abgesehen haben: Entweder indem sie Juwelen, Messer oder Regenbogen-Engel verkaufen oder mit Call-in-Sendungen.

Das richtige Geld macht man wohl aber mit erotischen Hotlines. Denn nur so lässt es sich erklären, dass es 99 Sender (einer nur für Gays) gibt. Diese zeigen rund um die Uhr Spots für Handyfilmchen und Telefonsex. Ein lukrativer Markt sind arabische Länder.

Zur einfachen Erkennung werden Sender nach dem Zielpublikum benannt: «Arab sex club», «arab babes» oder «arab-69.tv». Sünder müssen aber keine Angst haben. Für Absolution sorgen religiöse und spirituelle Kanäle, so etwa der Church-Channel oder God-TV. Wobei: Das Seelenheil ist häufig nur ein Vorwand, um an die Spenden ranzukommen.

Nach zwei Stunden Rumgezappe: Kurzschluss im Hirn. Die Testperson sieht Matthias Hüppi, der mit Kopftuch, aber oben ohne für erotische Handyfilme wirbt. Er sagt: «Ich habe niemals Migräne» oder «Dicke Brüste warten auf Dich». Aber vor allem: «Willst Du Deine Nachbarin nackt sehen?» Gezeigt wird Bernhard Russi, der nur mit einem Kruzifix bekleidet unter der Dusche italienische Schnulzen singt.

Nach der Rückkehr aus dem Trancezustand wird die Testperson gläubig: Dank sei Gott, die Fernbedienung hat einen Aus-Knopf.

David Scarano

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