150 Jahre Lesegesellschaft Aussertobel: Ein Jubiläum, das Corona zum Opfer fällt

Die Lesegesellschaft Aussertobel in Wolfhalden feiert in diesem Sommer ihr 150-jähriges Bestehen. Grosse Feierlichkeiten waren angesetzt, doch aufgrund der Pandemie mussten sie abgesagt werden. Ein Einblick in die Aufgaben und Herausforderungen einer der ältesten Lesegesellschaften im Kanton Appenzell Ausserrhoden.

Astrid Zysset
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Stephan Wüthrich, Präsident des Organisationskomitees zu den Jubiläumsfeierlichkeiten, und Bruno Kobel, Präsident der Lesegesellschaft Aussertobel (LGA).

Stephan Wüthrich, Präsident des Organisationskomitees zu den Jubiläumsfeierlichkeiten, und Bruno Kobel, Präsident der Lesegesellschaft Aussertobel (LGA).

Bild: Astrid Zysset

Coronabedingt wurde das Sommerfest abgesagt. «Wir sahen uns leider zu diesem Schritt gezwungen», sagt Stephan Wüthrich, Präsident des Organisationskomitees (OK). Das Risiko wollte man nicht eingehen, wären doch bis zu 300 Besucherinnen und Besucher erwartet worden. «Diese Anzahl ist jetzt optimistisch geschätzt, vielleicht hätten auch weniger dem Fest beigewohnt», relativiert der OK-Präsident lächelnd.

Trotzdem: Die Erwartungen an eine schöne Feier zum 150-jährigen Bestehen waren da, die Vorbereitungen allesamt abgeschlossen. Sogar das Buch wäre parat zur Veröffentlichung gewesen – zum Jubiläum wurde die komplette Geschichte der Lesegesellschaft Aussertobel (LGA) aufgearbeitet. «Aber, aufgeschoben ist nicht aufgehoben», sagt Wüthrich.

Gefeiert wird nun im kommenden Jahr

Gefeiert werden soll 2021 im grossen Stil: mit Ansprachen, Essen vom Grill, Livemusik, einer Hüpfburg und einem Zauberer. Bruno Kobel, der seit vier Jahren Präsident der LGA, sagt:

«Wir wollen, dass alle mit uns feiern. Auch diejenigen, die uns vielleicht noch gar nicht kennen.»

Die Hoffnung auf einen grösseren Bekanntheitsgrad und auf das eine oder andere neue Mitglied schwingt mit den Feierlichkeiten mit. Die LGA weist zwar eine stattliche Anzahl von 45 Mitgliedern aus und bildet somit die grösste Lesegesellschaft in Wolfhalden, doch kämpft sie mit der Überalterung.

Ein grosser Teil der Personen innerhalb der LGA haben das Pensionsalter erreicht. Neueintritte werden kaum mehr verzeichnet. «Es ist ein Phänomen, das jeder Verein kennt», sagt Wüthrich. «Viele Leute möchten kein wiederkehrendes Engagement wahrnehmen.»

Die Lesegesellschaft Dorf wurde vor ein paar Jahren aus diesem Grund auch aufgelöst. Die Nachfrage war zu gering.

Politisch engagiert

Dieses Schicksal soll sich nicht wiederholen. Kobel und Wüthrich sind davon überzeugt, dass es die LGA braucht. Anders als viele Lesegesellschaften im Kanton sind diejenigen in Wolfhalden auch politisch aktiv. Als grössten Erfolg der LGA in jüngster Zeit wertet Wüthrich die «7 statt 9»-Initiative, welche 2010 in einer Verkleinerung des Gemeinderates mündete.

Vorstösse werden gerne gesehen, Parolen fasst die LGA allerdings keine. Aus gutem Grund. «Wir möchten für alle Meinungen offen sein», sagt Kobel. Politisch wolle man sich darum nicht einordnen lassen, wenn auch hinter vorgehaltener Hand die LGA als eher links orientiert gilt.

Zu den Aufgaben der LGA gehören auch Ausflüge wie hier mit dem Boot.

Zu den Aufgaben der LGA gehören auch Ausflüge wie hier mit dem Boot.

Bild: PD

Zu ihren Aufgaben gehört ebenso die Rekrutierung von Freiwilligen für die politischen Kommissionen, für den Gemeinde- wie auch für den Kantonsrat. Kobel betont, dass diese Herausforderung seit je von den Lesegesellschaften in Wolfhalden wahrgenommen wird. Zu stark ist die Parteilandschaft in der Vorderländer Gemeinde bereits ausgedünnt.

Bei den Treffen der Lesegesellschaften erstatten Mitglieder des Gemeinderates zudem Bericht aus deren Sitzungen, Referate und Podien zu politischen Vorlagen werden organisiert. Neben der politischen Arbeit will sich die LGA aber auch als Quartierverein verstanden wissen, in welchem die Anliegen der Anwohnerinnen und Anwohner Gehör finden. Mit gemeinsamen Essen und Ausflügen soll überdies der Geselligkeit Genüge getan werden.

Stark in Wolfhalden verankert

So gesehen ist vom ursprünglichen Zweck der LGA nicht mehr viel übrig. 1870 wurde sie als landwirtschaftlicher Leseverein für Männer gegründet. Der reine Bildungsauftrag verschwand jedoch im Laufe der Jahre, sodass die letzten Lesemappen, die zwischen den Mitgliedern noch zirkulierten, 1971 eingezogen und vernichtet wurden. 1982 trat die erste Frau der LGA bei.

Man zeigte sich weltoffen und interessiert an den Anliegen, die von aussen zugetragen wurden. Dies mit dem Resultat, dass die LGA heute grosses Ansehen und ein hohes politische Gewicht in der Gemeinde geniesst. Darauf ist Kobel stolz: «Bei politischen Vorhaben kommt man an uns nicht vorbei.» Und Wüthrich ergänzt: «45 Leute können schon Stimmung machen, wenn es erforderlich ist.» Manchmal sind es gar noch mehr: Die Zusammenarbeit und der Austausch mit den anderen beiden Lesegesellschaften in Wolfhalden funktionieren gut.