121 Kilometer in fünf Etappen

Handbiker Jan Bollhalder aus Unterwasser hat während der Ferien in fünf Tagen die Strecke von Stein am Rhein nach Arbon zurückgelegt und mit seiner unkonventionellen Reisemethode für Bewunderung gesorgt.

Urs Huwyler
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Eva Ledergerber (links) und Daria Brändle schieben Jan Bollhalder zur Bootsanlegestelle. (Bilder: Urs Huwyler)

Eva Ledergerber (links) und Daria Brändle schieben Jan Bollhalder zur Bootsanlegestelle. (Bilder: Urs Huwyler)

BIKE. Sich wundern und ungläubig den Kopf schütteln war angesagt, als sich der 23jährige Rollstuhlfahrer Jan Bollhalder aus Unterwasser nach der sechstägigen Bodensee-Handbiketour von Stein am Rhein nach Arbon mit den öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Heimweg machen wollte. «Ich besitze ein GA, kann den Zug nehmen», betonte er. Dass er in Rorschach umsteigen musste, beunruhigte nicht ihn, sondern eher das Leiterteam, dem auch Sozialpädagogin Daria Brändle aus Bütschwil) und Physiotherapeutin Eva Ledergerber vom Spital Wattwil angehörten. Die – auch in der Volleyballszene bekannten – Toggenburgerinnen engagieren sich während der Ferien und Freizeit immer wieder in Camps.

Weshalb beim Campingplatz Arbon Unruhe aufkam, wurde rasch klar. Jan Bollhalder band den Rollstuhl mit einem Strick hinten aufs Handbike, die Sporttasche auf den Rollstuhl und fuhr mit dem Vehikel «Marke Eigenbau» zur SBB-Haltestelle. Er sei schon so angereist, liess der aus beruflichen Gründen in Herisau wohnhafte Kaufmann die Beobachter wissen.

Im Zug gebe es, fügte der Jungerwachsene verschmitzt lächelnd an, wegen der Überlänge manchmal kleinere Platzprobleme. Zuhause müsse er das Bike jeweils im Lift aufstellen, um es zu transportieren. Die Szene wäre filmreif.

Eindrückliches Erlebnis

Schon mit 16 Jahren reiste der Bauernsohn aus Unterwasser morgens um sechs Uhr mit Bus und Zug nach St. Gallen, zwölf Stunden später zurück und lernte so, was es heisst, im Rollstuhl auf eigenen Füssen zu stehen. «Für mich ist es kein Problem, alleine unterwegs zu sein. Ich wundere mich eher», kommentierte er das Treiben auf dem Parkplatz, «weshalb sich andere Teilnehmer privat abholen liessen und nicht mit der Bahn reisen.» Inzwischen wohnt Jan Bollhalder selbständig an seinem Arbeitsplatz Herisau in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Sein stummer Mitbewohner nimmt allerdings zu viel Platz ein und sie werden sich bald trennen. «Ich muss das Handbike verkaufen, weil ich es nur in der Wohnung parkieren kann. Doch das funktioniert nicht. Ein Zimmer ist dadurch belegt.»

Auf der Tour dem Unter- und Bodensee entlang sammelte der begeisterte Skifahrer – mehrfacher Medaillengewinner an Schweizer Meisterschaften – neue sportliche Erfahrungen. Das dank Maria Anesini-Walliser durch Folsäure Schweiz sowie PluSport (Behindertensport Schweiz) unterstützte Lager ging an die Substanz. «Fünf Tage durchschnittlich 24 Kilometer zu fahren und an den jeweiligen Etappenorten zu campieren, kostet Kraft. Doch es war ein eindrückliches Erlebnis. Ich würde gerne einmal um den ganzen See fahren», schwärmte Jan Bollhalder.

Keine Sportlerkarriere

Einzig die Vorstellung, vielleicht drei Wochen auf dem harten Boden schlafen zu müssen, änderte den zufriedenen Gesichtsausdruck kurzfristig. «Aber ich würde das Campieren auf mich nehmen», schiebt er nach. Die Grenzen als Breitensportler rollend ausloten, das wäre was. An eine Ski- oder Handbike-Karriere denkt der gelernte Kaufmann nicht mehr. «Der Aufwand neben dem Beruf ist zu gross», dämpft er die Hoffnungen, das Toggenburg könne bald einen Paralympics-Teilnehmer empfangen.

Der Stop auf der Insel Werd, die Lager-Grillabende, die Abkühlung in den Schwimmbädern von Steckborn oder Romanshorn, die Aussicht auf den See, die Bootsfahrt zum Abschluss in Arbon, alles passte zusammen. «Entscheidend waren neben dem sonnigen Wetter die optimale Betreuung durch die Lagerleiter. Sie konnten auch sofort umschalten, wenn etwas nicht ganz nach Plan lief», lobte der Naturbursche Chef Beat Stierli und das Duo Daria Brändle/Eva Ledergerber. Als beispielsweise der Campingplatz Uttwil trotz Voranmeldung belegt war, wurde ein optimaleres Gelände gefunden.

Abgesehen davon, dass Jan Bollhalder mit dem Handbike eine Strassenlampe streifte, ging die Woche ohne Zwischenfälle über die Radwege und Campingplätze. Zumindest bis zur Kurve vor der Auffahrt zum Bahnsteig. Dort erlitt das «Jan-Mobil» einen Reifendefekt.

Was den Sportfreak nicht aus der Ruhe brachte. Er schnallte den Rollstuhl ab und stieg um. Das inmitten von Autos parkierte Plattfuss-Bike holten die Leiter später mit dem Bus ab.

Jan Bollhalder bindet den Rollstuhl aufs Handbike und bewegt sich so im öffentlichen Verkehr.

Jan Bollhalder bindet den Rollstuhl aufs Handbike und bewegt sich so im öffentlichen Verkehr.