APPENZELL: Kinderheim Steig: Opfer haben sich noch nicht gemeldet

Für entstandenes Leid im ehemaligen Kinderheim Steig hat der Kanton Appenzell Innerrhoden 200 000 Franken in den eidgenössischen Solidaritätsfonds bezahlt. Melden müssen sich die Opfer jedoch selber.

Roger Fuchs
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Auch Opfer des Kinderheims Steig haben noch bis im Frühjahr Zeit, sich beim Bund zu melden. (Bild: Müller-Bachmann (Appenzell, um 1910))

Auch Opfer des Kinderheims Steig haben noch bis im Frühjahr Zeit, sich beim Bund zu melden. (Bild: Müller-Bachmann (Appenzell, um 1910))

Roger Fuchs

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@appenzellerzeitung.ch

 

Das Leben im ehemaligen, von Ingenbohler Ordensschwestern geführten Kinderheim Steig in Appenzell wurde von vielen Betroffenen als sehr hart und kalt empfunden. Es herrschten eine strikte Ordnung und einfache Lebensbedingungen. Und es gab teils übermässig harte Strafen. «Erlittenes Unrecht lässt sich nicht mit Geld wiedergutmachen», sagt der Innerrhoder Landammann Daniel Fässler. Dennoch: Mit der Veröffentlichung eines Berichts von zwei Historikern hat der Kanton in dieser Woche auch bekannt gegeben, dass 200 000 Franken in den eidgenössischen Solidaritätsfonds einbezahlt werden. Dies entspricht 12.50 Franken pro Einwohner.

Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen – dazu gehören insbesondere auch Verdingkinder – haben laut nationalen Richtlinien bis zu 25 000 Franken aus dem Fonds zugute. Doch nur ein Bruchteil der Betroffenen habe sich bis jetzt gemeldet, hiess es dieser Tage vom Bund. Von wie vielen Opfern beim Kinderheim Steig zu sprechen ist, lässt sich nicht in konkreten Zahlen ausdrücken. Letztlich gehören alle Kinder, die dort untergebracht waren, zum potenziellen Opferkreis. «Beim Kanton Appenzell Innerrhoden haben sich weder in der Vergangenheit noch jetzt je Opfer gemeldet», sagt Fässler. Es sei aber auch so, dass entsprechende Meldungen nicht an die Kantone, sondern an die zuständige Bundesstelle zu richten seien. Die Opferhilfe St.Gallen-Appenzell ist dabei behilflich und kann selber auch Soforthilfe leisten.

Eine Adressliste der Kinder, die im Kinderheim Steig aufwuchsen, gibt es nicht. Aus Datenschutzgründen dürfe der Kanton nicht aktiv nach diesen suchen, sagt der Landammann. «Das Risiko, dabei falsche Personen anzugehen und damit Amtsgeheimnisse zu verletzen, wäre viel zu gross.»

Andere Kantone kommen in Zugzwang

Innerrhoden ist gemäss Daniel Fässler einer der ersten Kantone, die das dunkle Kapitel der Verdingzeit aus eigener Initiative aufarbeiten. Mit der Einzahlung in den Solidaritätsfonds bringt Appenzell Innerrhoden andere Kantone in Zugzwang, denn bislang haben erst Solothurn und Innerrhoden entschieden. Verhielten sich die anderen Ostschweizer Kantone gleich wie Innerrhoden, würden dem Solidaritätsfonds folgende Mittel zufliessen: 680 000 Franken aus Ausserrhoden; 6,23 Millionen Franken aus St.Gallen und 3,37 Millionen Franken aus dem Thurgau. Zielgrösse des Fonds sind 300 Millionen Franken, 200 vom Bund und 100 von Kantonen, Gemeinden und Organisationen. Letztlich, so der Landammann, wäre es aber bedauerlich, wenn sich nun die ganze Diskussion auf die materielle Wiedergutmachung konzentrierte: «Für die Betroffenen mindestens so wichtig, wenn nicht wichtiger, ist der moralische und persönliche Aspekt», sagt er. «Dies habe ich von Betroffenen aus dem früheren Kinderheim Steig sehr deutlich zu hören bekommen.»

Schlimmste Zeit war nach dem Kinderheim

Vor gut einer Woche hat sich die Innerrhoder Standeskommission viereinhalb Stunden mit Betroffenen ausgetauscht. In den Tagen darauf wurde dann der Bericht zur Steig mit 20 von Historikern geführten Interviews der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Inhalt dieses Berichts sei unterschiedlich aufgenommen worden. «Zum Teil kritisiert wurde die fehlende historische Einordnung der von Betroffenen gemachten Aussagen», so Fässler. Viele hätten auch betont, dass sie in einer Zeit im Kinderheim Steig lebten, in der es keine exzessiven Strafen gab.

Übereinstimmend bemängelt wurde, dass man sich nicht der Frage angenommen hat, wie es ihnen nach der Zeit im Kinderheim ging. Dies war für fast alle «die schlimmste Zeit». Die ausgesprochenen Entschuldigungen seitens des Klosters Ingenbohl und des Kantons seien für die Betroffenen das Wichtigste gewesen und ihnen sehr nahe gegangen.

Opfer haben noch bis im Frühjahr Zeit, sich beim Bund zu melden und Entschädigungen zu verlangen. Dann haben die Behörden vier Jahre Zeit, über die Gesuche zu entscheiden.