Ansturm auf Lebensmittel, Flaute bei allem anderen: Der Einkaufssamstag in der St.Galler Shopping-Arena steht im Zeichen von Corona

Das Corona-Virus hat die Schweiz fest im Griff. Nachdem der Bundesrat am Freitag die Massnahmen drastisch verschärft hatte, geisterten noch am Abend Bilder von leergeräumten Regalen durch die sozialen Medien. Wird der Einkaufssamstag heute zum «Black Saturday»? Ein Augenschein im grössten Shopping-Center der Ostschweiz.

Luca Ghiselli und Raphael Rohner
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Die Nachfrage im Lebensmittelsektor ist stark angestiegen.

Die Nachfrage im Lebensmittelsektor ist stark angestiegen.

Bild: Michel Canonica

Zweifränkler rein, Einkaufswagen raus – ab ins Getümmel. Schon um zwei vor acht Uhr morgens machen sich die ersten Besucher der Shopping-Arena im St.Galler Westen auf den Weg in den Coop. Der öffnet nämlich, im Unterschied zu allen anderen Geschäften im grössten Einkaufszentrum der Ostschweiz, nicht erst um 9 Uhr, sondern bereits eine Stunde früher.

Etwas mehr als 15 Stunden ist es her, dass der Bundesrat an einer Medienkonferenz die verschärften Massnahmen und angepassten Verhaltensregeln im Kampf gegen das Corona-Virus präsentiert hat. Schon am Freitagabend wurden in den sozialen Medien Bilder von leergeräumten Regalen in Lebensmittelläden herumgereicht. Kommt es jetzt zu Hamsterkäufen? Erwartet die Shopping-Arena ein «Black Saturday»?

«Müssen wir jetzt zwei Wochen lang Ravioli essen?»

Kurz nach 8 Uhr deutet wenig darauf hin. Zwar habe es mehr Kunden und das Parkhaus sei besser gefüllt als sonst um diese Uhrzeit, heisst es beim Kundendienst. Von Ansturm aber keine Spur. Eine junge Frau beigt Konservendosen in den Einkaufswagen. Will sie vorsorgen? «Nein», sagt sie peinlich berührt. Sie kaufe ein wie sonst auch. Zwei Gänge weiter erledigt eine Familie den Einkauf. Der Kleine fragt: «Müssen wir jetzt zwei Wochen lang Ravioli essen?» Auch hier lautet die Antwort: «Nein.»

Während sich der Coop mehr und mehr mit Kunden füllt, haben inzwischen auch die anderen Geschäfte im Einkaufszentrum die Storen hochgefahren. Ein Neon-Schriftzug nach dem anderen geht an, der Einkaufssamstag beginnt. Die Kellnerin im Kaffee sagt: «Wir sind gespannt.» Doch der Ansturm bleibt auch in den Stunden danach weitgehend aus. Von Corona-Panik zum Glück keine Spur. Nur die gelegentliche Sichtung einer Atemschutzmaske und die Info-Stelen, die am Samstagmorgen fast nur Virus-News zeigen, erinnern daran.

Mehr Frequenzen im Food-Bereich, Rückgang bei allem anderen

Marc Schäfer, Center Manager der Shopping-Arena St.Gallen.

Marc Schäfer, Center Manager der Shopping-Arena St.Gallen.

Bild: PD

Marc Schäfer, Center Manager der Shopping-Arena, erscheint kurz nach 9 Uhr zum Gespräch. Er kommt gerade aus einer Telefonkonferenz mit Partnern und Mietern, auch gestern Freitag habe man sich ausgetauscht, sagt er. Erwartet er einen Ansturm? «Wir wissen es schlicht nicht», sagt Schäfer. Man habe keine Erfahrungswerte. Die letzten Tage und Wochen hätten aber gezeigt, dass die Nachfrage im Lebensmittelsektor stark angestiegen sei. «Da verzeichnen wir deutlich mehr Frequenzen.»

Anders sehe es hingegen bei Non-Food aus. Also all jenen Detailhändlern, die nichts Essbares verkaufen – und das ist in der Shopping-Arena die grosse Mehrheit. Die Frequenzen in diesem Bereich seien seit dem Ausbruch der Corona-Krise stark rückläufig. Wer will schon Kleider, Schmuck, Sportschuhe, Elektronik oder Möbel kaufen, wenn die Welt kopfsteht?

Ratlose Detailhändler

Die Detailhändler in der Arena sind derweil ratlos. Die Mitarbeiterin eines Elektronikfachmarkts sagt, sie wisse kaum, wie sie die Zeit totschlagen soll. «So langweilige Tage haben wir noch nie erlebt.» Auch in einem Kleidergeschäft wartet man auf Kundschaft. Eine Angestellte blickt auf ihr Smartphone und sagt:

«Wir stehen uns hier die Beine in den Bauch – Tag für Tag.»

Die Filiale schliessen sei keine Option: «Wir müssen unseren Laden öffnen», sagt die Verkäuferin.

In der Shopping-Arena haben nicht nur die Detailhändler mit tiefen Frequenzen zu kämpfen. Auch die Gastrobetriebe im Einkaufszentrum haben es in diesen Wochen alles andere als leicht – nur schon, weil die FCSG-Heimspiele auf absehbare Zeit ins Wasser fallen, sagt Marc Schäfer. Und auch sonst: Mehr als 50 Personen dürfen sich seit Freitag nicht in den Lokalen aufhalten – Personal inklusive. Die meisten Restaurants haben eine deutlich höhere Kapazität.

Anpassung der Betriebszeiten könnte bald geprüft werden

Kommt es aufgrund dieser besonderen Lage in der Shopping-Arena jetzt – wenn auch nur vorübergehend – zu Ladenschliessungen? Marc Schäfer sagt:

«Die Gesundheit hat Vorrang.»

Die Shopping-Arena halte sich selbstverständlich an die Weisungen des Bundesrats und des Bundesamts für Gesundheit. Gehe es mit den Frequenzen im Non-Food-Bereich so weiter, stehe eine Anpassung der Betriebszeiten im Raum. Für eine solche Diskussion sei es aber noch zu früh, betont er. Erst müsse man abwarten, wie sich das Ganze entwickle.

Der Vormittag ist angelaufen, das Parkhaus füllt sich immer mehr. Wie an jedem anderen Samstag auch. Ausnahmezustand sieht anders aus – und das ist gut so. 

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Annika Bangerter/Sabine Kuster/Dominic Wirth