Anrufen statt selber fahren

An den Feiertagen wird oft ein Glas über den Durst getrunken. Doch wer trinkt, fährt nicht. Das übernehmen die freiwilligen Helfer von Nez Rouge Ostschweiz.

Janique Weder
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Wer zu tief ins Glas geschaut hat oder sonst nicht fit ist, kann den Fahrdienst von Nez Rouge nutzen. (Bild: Nana do Carmo)

Wer zu tief ins Glas geschaut hat oder sonst nicht fit ist, kann den Fahrdienst von Nez Rouge nutzen. (Bild: Nana do Carmo)

ST. GALLEN. Um viertel vor elf klingelt das Handy zum ersten Mal. Die sechs Freiwilligen in der Zivilschutzanlage unter der Gewerbeschule Riethüsli sind aufgeregt. Seit einer Stunde warten sie einsatzbereit im Stützpunkt St. Gallen. Noch ist nicht geklärt, wer mit welchem Auto fährt. Aber schnell steht fest: Team zwei darf los. Und es nimmt den Honda. Es ist Freitagabend, der erste reguläre Einsatz von Nez Rouge Ostschweiz steht an.

Erste Fahrt ohne Erfolg

Der Auftrag führt Team zwei – das sind Daniela Häderli und Martin Roos – nach St. Georgen. Fünf Personen wollen nach Teufen. Doch bereits kurz nach Verlassen des Stützpunkts steht das Duo vor einem Problem: Die in der Hektik notierte Telefonnummer hat eine Ziffer zu viel. Normalerweise lassen sich die Helfer den Auftrag vom Kunden bestätigen. «Dann halt auf gut Glück!», sagt Roos optimistisch.

Martin Roos ist seit vergangenem Sommer als UNO-Offizier im Südlibanon stationiert. Nun macht der gelernte Rechtsanwalt aus Gossau für zwei Wochen Ferien in der Heimat. Heute abend arbeitet er, das einzige Mal in diesem Jahr, für Nez Rouge. Vor acht Jahren war er erstmals dabei. «Ich habe immer nur Akten gewälzt» – Nez Rouge sei eine willkommene Abwechslung gewesen. Roos arbeitete auch an Silvesterabenden. «Viele meiner Freunde haben Kinder und sind beschäftigt.» Ihm hingegen bleibe genügend Zeit. Roos hilft gerne. «Obschon die Anliegen der Schweizer verglichen mit den Problemen im Libanon etwas banal wirken.»

Nach einer guten halben Stunde – inklusive Verfahren – gelangt Team zwei an den vereinbarten Ort. Die Gruppe ist bereits weg. «Nicht tragisch», sagt Roos und lacht den Misserfolg weg. Daniela Häderli lacht auch. Die Laune lassen sich die beiden nicht vermiesen. Sie verständigen die Zentrale in Weinfelden; diese bittet sie, an Ort auf den nächsten Auftrag zu warten. «Gehen wir doch etwas trinken», schlägt Häderli vor. Doch daraus wird nichts: Bereits nach wenigen Minuten klingelt das Handy erneut. Zwei Fenster-monteure feierten am Weihnachtsessen in Herisau. Nun wollen sie nach Hause. Ihr Auto ist ein Mercedes-Benz Sprinter. «Den überlasse ich gerne Martin», sagt Daniela Häderli grinsend.

Die beiden Helfer sehen sich heute abend zum ersten Mal. Trotzdem ist ihr Verhältnis kollegial, fast schon herzlich. Es ist Daniela Häderlis drittes Jahr als Freiwillige. Beruflich ist sie im Aussendienst tätig. Sie wisse, «was auf den Strassen so abgeht». Als Helferin könne sie zur Sicherheit beitragen. Und sich für die Allgemeinheit zu engagieren, sei doch auch nicht schlecht.

Schweigend durch die Nacht

Die Monteure wohnen in Stettfurt, eine gute halbe Stunde Autofahrt von Herisau entfernt. «Das ist verhältnismässig weit», sagt Häderli. Vor der Haustüre des einen Arbeiters endet die Fahrt. Leicht schwankend streckt dieser Roos 40 Franken entgegen. Seit zwei Jahren ist der Mann Kunde und dankbar für den Service: «Das ist besser, als das Billett abzugeben.» Hernach bringen die Helfer den zweiten Arbeiter ins zehn Kilometer entfernte Bettwiesen. Während der Fahrt redet niemand. Eine unangenehme Stimmung. «Wir beginnen von uns aus keine Unterhaltung», erklärt Roos später. Konzentration stehe an erster Stelle.

Morgens um vier ist Schluss

Es ist 01.30 Uhr, doch müde ist das Team noch nicht. Da die Zentrale in Weinfelden nur wenige Kilometer entfernt ist, treffen sich die Helfer auf einen Kaffee mit «einem alten Bekannten»: Markus Krapf ist seit zwölf Jahren technischer Leiter bei Nez Rouge. «Aus Plausch wurde Passion», erklärt er. Die Verweilzeit in Weinfelden ist kurz, es steht eine letzte Fahrt an. Sie führt von Kreuzlingen nach Steinach. Wieder verläuft die Fahrt wortkarg. Vielleicht liegt's an der Uhrzeit: Mittlerweile ist es drei Uhr, die Helfer sind seit über vier Stunden unterwegs. Nach Steinach geht es zurück zum Stützpunkt. Eine unaufgeregte Nacht neigt sich dem Ende zu.

Die Freiwilligen: Martin Roos, Markus Krapf und Daniela Häderli. (Bild: Janique Weder)

Die Freiwilligen: Martin Roos, Markus Krapf und Daniela Häderli. (Bild: Janique Weder)

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