Anrufe bei der Telefonseelsorge 143 haben durch Corona zugenommen – seit März greifen auch mehr Männer zum Hörer

Im Vergleich zum Vorjahr ist die Anzahl der Anrufe bei der Dargebotenen Hand schweizweit um rund neun Prozent gestiegen und zeichnet damit ein Bild der nationalen Stimmungslage. Auch in der Ostschweiz zeigt Corona Auswirkungen: Die Sorgen wegen Infektionen ist der vierthäufigste Grund für Anrufe. Und auch mehr männliche Anrufer greifen nun zum Hörer.

Saskia Ellinger
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Eine Mitarbeiterin der Dargebotenen Hand in der Regionalstelle St. Gallen.

Eine Mitarbeiterin der Dargebotenen Hand in der Regionalstelle St. Gallen.

Bild: Ralph Ribi

Die Coronapandemie wirkt sich auf die psychische Gesundheit aus: Von März bis August verzeichnete die Dargebotene Hand schweizweit rund 40’000 Gespräche. Dies entspricht gegenüber dem gleichen Zeitraum im Vorjahr einer Zunahme um gut neun Prozent.

Die Dargebotene Hand rechnet mit einem weiteren Anstieg: «Es ist zu befürchten, dass die wirtschaftlichen Folgen der Coronapandemie den Druck auf die psychische Gesundheit in den nächsten Monaten weiter erhöhen», heisst es in der Medienmitteilung der Organisation vom 10. Oktober.

Ostschweiz nicht von Zunahme der Anrufe betroffen

Eines der wichtigsten Prinzipien der Dargebotenen Hand: die Anonymität. Deshalb kann Judith Eisenring, Mediensprecherin der Regionalstelle Ostschweiz und Fürstentum Lichtenstein, keine Auskünfte über die Verteilung der Anrufe auf die einzelnen Kantone machen. Die Menschen würden sich nicht mehr sicher fühlen und vom Anrufen absehen, sobald statistische Zahlen zeitnah und detailliert publiziert werden.

Eisenring gibt jedoch Entwarnung, denn in der Ostschweiz hat sich die Situation über den Sommer hinweg beruhigt. Im Vergleich zu 2019 sei die Anzahl der Anrufe in etwa gleich geblieben. Anders sehe das in der West- und Zentralschweiz aus, dort seien die Unterschiede beträchtlich. Eisenrings Erklärung:

«Die Westschweiz war und ist stärker von der Coronapandemie betroffen, und hat damit auch härtere Massnahmen, die den Menschen zu schaffen machen.»

Vierthäufigster Grund für Anrufe in der Ostschweiz: Corona

Nach jedem Anruf auf der Nummer werden die thematisierten Sorgen statistisch erfasst. Seit März 2020 kam neu der Grund «Sorge wegen Infektion» hinzu. Laut Eisenring ist dies der vierthäufigste Grund für Anrufe in der Ostschweiz. An erster Stelle stehen Alltagsbewältigung, gefolgt vom psychischem Leiden und Einsamkeit.

Neu sei auch, dass bei der Uhrzeit der Anrufe eine gewisse Unregelmässigkeit eingekehrt sei. Vor der Pandemie gingen die meisten Anrufe während der Feierabendstunden ein. Durch die fehlende Arbeitsstruktur verteilen sich die Anrufe über den ganzen Tag.

Ostschweizer Männer rufen häufiger an wie 2019

Eine klare Veränderung habe es bei der Geschlechterverteilung der Anrufe gegeben. In den Vorjahren haben laut Eisenring prozentual mehr Frauen angerufen. Im Coronajahr sei der Anteil der männlichen Anrufer auffallend angestiegen, definitive Vergleichszahlen stehen aber erst gegen Ende des Jahres zur Verfügung.

Zur Erklärung der vermehrten Anrufe von Männern können aktuell nur Hypothesen aufgestellt werden: So meint Eisenring, dass viele Männer vor allem bei der Arbeit Austausch und soziale Kontakte erfahren würden. Durch Jobverlust, Kurzarbeit oder Homeoffice der Männer werde dieses Bedürfnis nicht mehr ausreichend befriedigt. Anders sehe dies bei den Frauen aus: Diese verfügten eher über soziale Kontakte im privaten Bereich.

Zudem führe der drohende Jobverlust bei Männern eher zu einer Identitätskrise, Unsicherheiten und Zukunftsängsten. Der Stillstand des Lockdowns und die soziale Isolation gebe solchen Ängsten und Sorgen eher weiter Vorschub.

Die Dargebotene Hand

Fakten zur Ostschweizer Regionalstelle

Die Dargebotene Hand Ostschweiz/FL ist eine der 12 Regionalstellen der Schweiz, die unter der Kurznummer 143 rund um die Uhr kostenlose, anonyme Gespräche durch speziell ausgebildete, freiwillig Mitarbeitende anbieten.

Im Schichtbetrieb wird Ratsuchenden via Telefon, Email und Chat von drei Mitarbeiter und 60 Freiwillige geholfen. Bevor die Freiwilligen Anrufe entgegen nehmen dürfen, müssen sie eine praktische und theoretische Ausbildung durchlaufen. 

Im Jahr 2019 wurden in der Ostschweiz rund 19'000 Anrufe sowie rund 1'100 Mail- und Chatanfragen verzeichnet. Im Durchschnitt verzeichnet die Dargebotene Hand Ostschweiz jährlich 21'000 Kontaktaufnahmen. 

Reden kann Retten – Kontaktdaten der Dargebotenen Hand:

  • Kontakt via Telefon: 143 
  • Kontakt via E-Mail: https://www.143.ch/Beratung/Mail-Kontakt
  • Kontakt via Chat: https://www.143.ch/Beratung/Chat-Kontakt