ANKLAGE: Morddrohung per Post

Morgen wird am Kreisgericht Wil ein brisanter Fall verhandelt: Der Gerichtspräsident wurde mehrfach bedroht.

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Dicke Post für Olav Humbel, Präsident des Kreisgerichts Rorschach. Laut Anklageschrift erhielt er ein schwarz umrandetes, mit schwarzen Streifen versehenes Couvert, das den Eindruck einer Todesanzeige vermitteln sollte. Der Absender hatte den Titel «Morddrohung gegen Gerichtspräsident Olav Humbel» gesetzt. Im Brief hiess es: «Wenn Sie nicht bis Ende August 2016 dafür sorgen, dass mir und meiner Frau unsere Vermögenswerte ausbezahlt werden, werde ich mich an Ihnen rächen.»

Beim Gericht wurde die Drohung sehr ernst genommen. Es ging davon aus, dass die Verwertung der Liegenschaft des Absenders bevorstehe und ihm der Boden unter den Füssen weggezogen werde. Humbel befürchtete, dass er auf der Liste der Gegner an oberster Stelle stehe. Die Angst war auch darum gross, weil der Verfasser des Briefes einst gesagt hatte, dass es bei seinem nächsten Besuch bei Gericht «brennen» werde. Ebenfalls an die Adresse des Rorschacher Gerichtspräsidenten sollte ein weiteres Schriftstück gehen, überschrieben mit «Offener Brief» und «Morddrohung». Darin garantierte der Verfasser Humbel einen «langsamen und qualvollen Tod». Er freue sich, wenn es dem Gerichtspräsidenten und dessen Familie für den Rest des Lebens richtig mies gehe. Abgeschickt wurde dieser zweite Brief nie, da der Verfasser dies eingeschrieben tun wollte und die Post an jenem 1. August geschlossen war.

Statt Rorschach ist Kreisgericht Wil zuständig

Am 2. August erfolgte die Verhaftung. Seither sitzt der Beschuldigte in Untersuchungshaft. Mehrere seiner Beschwerden wurden gerichtlich durch Abweisung oder Nichteintreten erledigt. Die Drohbriefe und ein Abschiedsbrief an seine Mutter wurden beschlagnahmt. Morgen Freitag findet am Kreisgericht Wil in Flawil die Verhandlung statt. Eigentlich wäre das Kreisgericht Rorschach zuständig. Wegen «Anscheins der Befangenheit», wie es in der Anklageschrift heisst, wurde das Kreisgericht Wil als Verhandlungsort bestimmt. Dem Beschuldigten droht eine Gefängnisstrafe von 15 Monaten; abgezogen würde die Zeit der Untersuchungshaft. Zudem sei eine stationäre Massnahme anzuordnen.

Der Angeklagte macht nicht zum ersten Mal auf sich aufmerksam. Im Jahr 2016 hatte er auf Wahlplakaten die Köpfe der beiden St. Galler Regierungsräte Heidi Hanselmann und Fredy Fässler durchgestrichen und mit dem Wort «korrupt» versehen. Damals kandidierte der Angeklagte für den Kantonsrat, verpasste aber die Wahl.

Simon Dudle

simon.dudle@tagblatt.ch