Angefahren – wie sich Opfer von Verkehrsunfällen zurück in den Alltag kämpfen

Jeden Tag kracht es auf Ostschweizer Strassen. Nicht immer bleibt es bei einem Blechschaden. Verkehrsunfälle können ein Leben auf den Kopf stellen – innert Sekunden. Was kommt danach? 

Linda Müntener, Text und Bilder
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Als Michael* an einem Frühlingsmorgen die Türe hinter sich zuzieht, ahnt er noch nicht, dass er an diesem Tag nicht mehr nach Hause kommen wird. Es ist kurz nach 6 Uhr, die Strassenlampen sind schon erloschen, er geht durchs Quartier, die Strasse runter vorbei an Mehrfamilienhäusern und Vorgärten. Bis zur Kreuzung vor dem Hauptbahnhof. Er schaut kurz nach links, nach rechts, überquert die Strasse. Der eine Fuss ist fast auf dem gegenüberliegenden Trottoir, als ihn im Augenwinkel ein grelles Licht blendet. «Spinnt der?», ist das letzte, was er denkt. Motorengeheul, Aufprall.

Und dann wird alles schwarz.

Wenige Jahre ist es nun her, seit Michaels Leben innert Sekunden auf den Kopf gestellt wurde. Man sieht ihm das Erlebte nicht an – nicht mehr. Er spricht ruhig über seinen Unfall.

Einen Unfall wie Hunderte andere, die sich Tag für Tag auf hiesigen Strassen ereignen. Die Meldungen darüber lesen sich immer gleich. Zeitpunkt, Ort, Verursacher, Opfer, Sachschaden, zusammengefasst in ein paar Zeilen. Hinter jeder dieser Unfallmeldungen steckt ein Schicksal. Das ist jenes von Michael.

*die Namen der Betroffenen wurden auf ihren Wunsch von der Redaktion geändert.

Der Notfall – wenn Minuten entscheiden

Alles schwarz. Was in den ersten Minuten nach dem Unfall passiert, bekommt Michael nicht mit. Pendler eilen zu ihm, rufen den Notarzt. Er hört nur dumpfe Stimmen aus dem Off. Es habe sich angefühlt wie in einem bösen Traum, sagt er. Die Rettungskräfte sind schnell vor Ort und fahren ihn ins Kantonsspital.

Um 9.30 Uhr klingelt das Telefon bei Ehefrau Claudia. Sie geht ran. Ihr Mann ist am Apparat. Sie merkt sofort, dass etwas nicht stimmt. Ihr wird heiss. Es ist ihr Mann, der im Spital liegt. Der ihr erzählt, dass er einen Unfall hatte. Dass er notoperiert wird. Dass er Schmerzen hat. Sie will es nicht glauben, sie kann es nicht glauben. «Das kann doch nicht sein», sagt sie sich. Ihr Mann muss wieder auflegen.

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Der Unfall und seine Ursachen

Es vergeht kein Tag, an dem die Randspalten der Zeitungen und die Onlineportale nicht mit Unfallmeldungen gefüllt sind. Michael ist kein Einzelfall. Die Zahl der Unfälle mit Fussgängern ist in den vergangenen Jahren im Kanton St.Gallen mehr oder weniger konstant geblieben. 129 Unfälle zählt das Jahr 2017, das sind knapp 11 pro Monat.

Unfälle mit Fussgängern

Unfälle mit mindestens einem Fussgänger im Jahr 2017 im Kanton St.Gallen.
Total Unfälle
mit Personenschaden
davon mit Fussänger als Hauptverursacher
20132014201520162017050100

Ein Blick auf die Ursachen der Unfälle zeigt, dass vor allem unvorsichtiges Überqueren der Fahrbahn die meisten Unfälle provozierte. Gesamthaft gesehen ist das Verhalten des Fussgängers jedoch nur in etwa einem Viertel der Fälle alleine verantwortlich für den Unfall.

Die Hauptursachen der Verkehrsunfälle

Unfälle nach Unfallfolgen und Gruppen der Hauptursachen des Jahres 2017 im Kanton St.Gallen.
Unfälle mit Sachschaden
Unfälle mit Personenschaden
05001000Verhalten der PersonZustand der PersonFahrzeugInfrastruktur und externer EinflussUnbekannte Ursache

Die Kantonspolizei St.Gallen zeigt sich zufrieden mit dieser Unfallstatistik. Denn die Zahl der Verkehrstoten ist– das Jahr 2017 zählt deren 10 – gemessen an der steigenden Zahl der Fahrzeuge tief. Die Polizei führt das unter anderem auf die Bestrebungen für die Verkehrssicherheit zurück.

Ausgangspunkt dafür war der Höchststand im Jahr 1970 mit über 120 Verkehrstoten. Diese Zahl wollte man senken. Drastisch. Polizisten, Psychologen, Fahrlehrer und Vertreter von Verkehrsverbänden lancierten gemeinsame Kampagnen.

Wie die Verkehrssicherheit erhöht wurde

Nach dem Höchststand an Verkehrstoten im Jahr 1970 sollte die Zahl drastisch gesenkt werden. Diese Massnahmen wurden auf Kantons- und Bundesebene ergriffen.
Jahr Massnahme
1971 Pflicht zur Ausrüstung von Personenwagen mit Gurten (vorne)
1973 Geschwindigkeitslimite von 100km/h ausserorts und Autobahnen (später 130)
1980 0.8 Promille Grenzwert. Airbags werden seriell in Fahrzeuge eingebaut
1981 Gurte sind im Auto obligatorisch, Helme für Motorradfahrer Pflicht
1985 Tempo 120km/h auf Autobahnen und 80 km/h ausserorts
1990 Helmobligatorium für Motorfahrradlenker, Tempi 80/120 km/h werden definitiv
1994 Gurtenobligatorium auf den Rücksitzen, Einführung Vortritt für Fussgänger
2005 0.5 Promille Grenzwert
2013 Rasertatbestand (Via secura)
2016 Einführung beweissichere Atemalkoholprobe mit Wechsel der Masseinheit von Promille zu mg/l
129 Unfälle mit Fussgängern zählt die Kantonspolizei St.Gallen im Jahr 2017. Das sind knapp 11 pro Monat. (Bild: Linda Müntener)

129 Unfälle mit Fussgängern zählt die Kantonspolizei St.Gallen im Jahr 2017. Das sind knapp 11 pro Monat. (Bild: Linda Müntener)

Damit nicht genug. Eine Geschwindigkeitslimite ausserorts, Anschnallpflicht im Auto, Fussgängervortritt, 0,5 Promille als Grenzwert und nicht zuletzt der Raser-Tatbestand – all das soll die Verkehrssicherheit erhöhen. «Heute kann man im Rückblick sagen, dass sich alle ergriffenen Massnahmen auf Kantons- und auf Bundesebene positiv auf die Verkehrsunfallstatistik ausgewirkt haben», schreibt die Kantonspolizei in ihrem Jahresbericht.

Auch der technologische Fortschritt habe zu dieser Entwicklung beigetragen. 2017 wurde ein historischer Tiefstand bei der Zahl der Verkehrstoten erreicht.

Und doch: «Leider sind wir bei so tiefen Zahlen dem Zufall erheblich ausgeliefert.»

Die Verletzungen und die Operationen 

Zwei Teams operieren Michael nacheinander, mehrere Stunden lang. Sein linker Unterschenkel ist doppelt gebrochen, sein linker Oberarm zertrümmert, seine Lunge kollabiert, er hat Prellungen am ganzen Körper und ein Schädel-Hirn-Trauma. Das Auto habe ihn frontal «abgeschossen», wie Michael sagt. Früher spielte er Handball, vielleicht hat er deshalb vor dem Aufprall reflexartig die Hände zum Schutz seines Kopfes vor sich gehalten. «Das war mein grosses Glück. Wer weiss, was sonst passiert wäre.»

Während ihr Mann auf dem Operationstisch liegt, ist Claudia zu Hause und weiss nicht wohin mit sich. Ihr schiessen tausend Gedanken durch den Kopf. Was ist genau passiert? Das kann doch nicht sein. Sie steht unter Schock. Die Welt um sie herum steht still.

Es ist 19 Uhr an diesem Unfalltag, als Claudia endlich zu ihrem Mann darf. Auch wenn er noch nicht ansprechbar ist. Zweieinhalb Tage lang liegt er nach seinen Operationen auf der Intensivstation. Als Michaels Zustand stabil ist, kommt ein Polizist vorbei. Er nimmt das Protokoll im Spitalzimmer auf. Zum Schluss der Befragung gibt er ihm eine Broschüre in die Hand. 

Wie die Opferhilfe Betroffene unterstützt

Die Räume im dritten Stock des roten Jugendstilgebäudes an der Teufener Strasse in St.Gallen sind schalldicht. Was in Bruno Wenks Büro gesprochen wird, bleibt dort. Wer ihm hier gegenüber sitzt, hat Schwieriges erlebt. Bruno Wenk ist Sozialarbeiter bei der Opferhilfe in St.Gallen. Er berät und unterstützt Menschen, die Gewalt erfahren haben. Dazu gehören Opfer von Raubüberfällen, Körperverletzungen oder häuslicher Gewalt. Und: Opfer von Verkehrsunfällen.

«Vielen ist nicht bewusst, dass auch dies zu unserem Angebot gehört», sagt Bruno Wenk. So auch Claudia, bevor sie bei ihrer Internetrecherche darauf gestossen ist. «Bei der Opferhilfe hatte ich immer nur das Bild von Opfern von Gewalttaten im Kopf.»

Im Opferhilfegesetz schreibt der Bund vor, dass jeder Kanton eine Beratungsstelle einrichten muss, die Betroffene unterstützt. St.Gallen und die beiden Kantone Appenzell führen diese gemeinsam. Die Polizei ist verpflichtet, Verkehrsunfallopfer auf das Angebot aufmerksam zu machen. In der Regel tut sie das bei der ersten Vernehmung, wenn der Gesundheitszustand stabil ist.

Wünschen die Betroffenen Hilfe, übermittelt die Polizei ihre Personalien an die Opferhilfe. Mit dem Ehepaar hat Bruno Wenk telefonisch Kontakt aufgenommen. Der erste Schritt ist dabei so entscheidend wie simpel: da sein.

«Ein Unfall ist ein Schockereignis und kann traumatische Reaktionen auslösen, die einen aus der gewohnten Bahn des Alltags werden», sagt Sozialarbeiter Bruno Wenk.

Betroffene verlieren die Orientierung, die Sicherheit. «Sie machen sich Sorgen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, weil sie etwa nicht mehr schlafen können.» Bruno Wenk informiert sie dann über normale Erstreaktionen, bei Bedarf wird eine Therapie vermittelt. Er spricht langsam und klar, gibt einem das Gefühl, ernst genommen zu werden. Ein Mensch, dem man seine Sorgen anvertraut. Claudia hat das sehr geholfen. «Er war für uns im ganzen Prozess eine sehr wichtige Ansprechperson.»

Die Leistungen für Verkehrsunfallopfer unterscheiden sich vor allem in einem Punkt von jenen für Gewaltopfer. Während für Gewaltopfer staatliche Kostenbeiträge – etwa für die Dienste von Anwälten oder Psychologen – oder Genugtuungen gesprochen werden können, fällt diese finanzielle Unterstützung bei Verkehrsunfallopfern meistens weg. Grund: «Bei einem Verkehrsunfall ist in der Regel eine Versicherung involviert, die für den finanziellen Schaden aufkommt», sagt Wenk.

Sind die gesundheitlichen Folgen eines Unfalls nicht gravierend, klären Betroffene die Entschädigungen mit Unterstützung der Opferhilfe meist direkt mit den Versicherungen. Bei Fällen mit einschneidenden finanziellen Auswirkungen, etwa ein mehrmonatiger Arbeitsausfall, gibt die Opferhilfe den Fall weiter an einen Anwalt. «Für komplexe Schadensberechnungen sind Juristen zuständig», sagt Wenk. Auch Michael hat Bruno Wenk einen Anwalt vermittelt.

Die Frage nach den Finanzen

Michaels Fall ist komplex. Nach zwei Wochen Spital muss er für vier Wochen in die Reha. Aufstehen, laufen oder den verletzten Arm zu heben, lernt er von neu auf. Sechs Wochen nachdem er morgens die Wohnungstür hinter sich zugezogen hat, kommt er schliesslich wieder nach Hause.

Arbeiten kann er aber noch nicht. Er hat Schmerzen im Sprunggelenk, sein Bein ist angeschwollen. Die Unfallversicherung Suva organisiert ein Treffen mit Arbeitgeber und Versicherungsvertretern. Michael beginnt zuerst wieder in einem 25-Prozent-Pensum im Büro zu arbeiten, später stockt er auf 50 Prozent auf.

Siebeneinhalb Monate nach dem Unfall kann er wieder Vollzeit arbeiten.

Ob ein Opfer über die Entschädigungen von Versicherungen hinaus eine Genugtuung erhält, muss ein Gericht entscheiden. (Bild: Linda Müntener)

Ob ein Opfer über die Entschädigungen von Versicherungen hinaus eine Genugtuung erhält, muss ein Gericht entscheiden. (Bild: Linda Müntener)

So rechnet die Suva das Leid in Franken um

Bleibt die Gesundheit eines Unfallopfers nachträglich geschädigt, zahlt die Unfallversicherung eine einmalige sogenannte Integritätsentschädigung. Vom maximalen versicherten Verdienst (Stand 2017 sind 148200 Franken) legt die Suva die Höhe der Entschädigung als Prozentsatz fest. Dieser reicht von «leicht» (20%) bis «schwerst» (100%). Die Tabellen der Suva führen jede gesundheitliche Beeinträchtigung auf, sei es A wie Arthrose oder Z wie Zehenversteifung. Ob das Opfer darüber hinaus eine Genugtuung erhält, muss ein Gericht entscheiden.

Die Haftung bei einem Unfall ist im Strassenverkehrsgesetz geregelt. Im Strassenverkehrsrecht gilt eine sogenannte Kausalhaftung. Das heisst: Der Fahrzeughalter, beziehungsweise dessen Motorfahrzeughaftpflichtversicherung, kann auch ohne Verschulden des Lenkers für die Folgen eines Unfalls haftbar gemacht werden.

Autos oder Motorräder gelten als «gefährliche Verkehrsmittel». Wegen ihres Gewichts und ihrer Geschwindigkeit geht von ihnen eine sogenannte Betriebsgefahr aus. Dann haftet der Lenker des Fahrzeuges automatisch, selbst wenn er keine Schuld am Unfall trägt.

Wer für einen Verkehrsunfall haftet, muss Folgendes ersetzen: 

  • Erwerbsausfall oder Rentenausfallschaden (wenn weniger Beiträge in die Altersvorsorge einbezahlt werden konnten)
  • Haushaltsschaden (wenn der Betroffene nicht mehr in der Lage ist, seinen Haushalt selbständig zu erledigen)
  • Genugtuung (Schmerzensgeld) bei schweren Verletzungen oder längeren Spitalaufenthalten
  • Sämtliche Gesundheitskosten, die nicht von anderen Versicherungen gedeckt sind
  • Unfallbedingte Kosten und Spesen wie beispielsweise Anwaltskosten

Von der Schadenssumme abgezogen werden Leistungen der Sozialversicherungen. So werden die Suva und IV-Renten vom Erwerbsschaden abgezogen. Was abgezogen werden kann und was nicht ist versicherungstechnisch komplex – in den meisten Fällen regelt das ein Anwalt. 

Was nach einem Unfall bleibt

Michael muss mit den Folgen des Unfalls leben. Mehr als zwei Stunden am Stück kann er sein Bein nicht belasten, Joggen geht nicht mehr. Manchmal schmerzt sein Fussgelenk noch immer, Wetterveränderungen spürt er in seinem Bein. Trotz allem, sagt Claudia, überwiegt eines: Sie sind froh, dass Michael überlebt hat. Sie sagt:

«Seit dem Unfall leben wir bewusster.»

Der Vorfall habe auch die Beziehung der beiden als Ehepaar verändert. «Er hat uns zusammengeschweisst.»

Den Unfallverursacher haben die beiden nie gesehen, eine Entschuldigung gab es nicht. Ob er Groll verspürt? Michael hält kurz inne. «Nein, eigentlich nicht. Die Erleichterung darüber, dass ich überlebt habe, zählt.»