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«Zweiklassengesellschaft» oder «Ungerechtigkeit»? – Heisse Diskussion nach UNO-Beschwerde zu Privatschulen

Eine Mutter hat beim UNO-Ausschuss für Kinderrechte eine Beschwerde eingereicht, weil sie das Schulgeld ihrer vier Kinder an der Steinerschule privat bezahlen muss. In den sozialen Medien löst das eine heftige Diskussion aus.
Christa Kamm-Sager
Soll in der Schweiz die freie Schulwahl gelten? Die Meinungen dazu gehen stark auseinander. (Bild: Reto Martin)

Soll in der Schweiz die freie Schulwahl gelten? Die Meinungen dazu gehen stark auseinander. (Bild: Reto Martin)

Die vier Kinder der gebürtigen Deutschen Stella Ledermann besuchen in St.Gallen die Rudolf Steiner Schule. Für das Schulgeld muss die Familie selber aufkommen – wie es in der Schweiz üblich ist, wenn Kinder Privatschulen statt die öffentliche Schule besuchen. Das ist in den Augen Ledermanns eine Ungerechtigkeit. Sie gelangt deshalb mit einer Beschwerde an den UNO-Ausschuss für Kinderrechte in Genf, wie sie letzte Woche an einer Medienorientierung in St.Gallen informierte. Ihr Argument: Die hohen Kosten für Privatschulen verstossen ihrer Ansicht nach gegen die Kinderrechtskonvention.

Elternlobby will Bildungsgutscheine

Die Diskussion um die Finanzierung des Besuchs von Privatschulen ist nicht neu und keimt immer wieder auf. Denn in der Schweiz ist nur der Besuch der öffentlichen Schule für die Eltern ohne Kostenfolge. Wer seine Kinder privat beschulen lässt muss zahlen.

Daran stört sich auch die Elternlobby Schweiz. Sie stellt sich auf den Standpunkt, dass Eltern ohne bürokratische und finanzielle Hindernisse die Schule für ihre Kinder selber wählen können sollen und der Staat dafür Bildungsgutscheine ausstellen soll.

Schule als Sozialgemeinschaft

Das Vorgehen der Mutter hat eine heftige Diskussion über die Finanzierung der Schulgelder in der Schweiz ausgelöst: Über 100 Facebook-Kommentare sind zum Artikel eingegangen. Rolf Irmer gibt in seinem Beitrag beispielsweise zu bedenken, dass die Schule eine Sozialgemeinschaft sei, aber die öffentliche Schule immer mehr in die Rolle als Auffangbecken für sozial Schwächere gedrängt werde.

«Wird es denn besser an einer öffentlichen Schule, wenn alle, die es sich leisten können, ihre Kinder aus der öffentlichen Schule nehmen?»

Wenn man der öffentlichen Schule den sozialen Durchschnitt entziehe und nur noch bestimmte Zielgruppen in eine öffentliche Schule schicke, dürfe man sich nicht wundern, wenn die soziale Kompetenz von öffentlichen Schulen immer weiter sinke. «Damit wird der Anfang der schönen Zweiklassengesellschaft gesetzt. Bravo.»

In die gleiche Richtung argumentiert auch Francine Nue: «Wir haben in der Schweiz ein sehr gutes Schulsystem und diverse Schichten an den öffentlichen Schulen. Die umliegenden Länder zeigen uns, was passiert, wenn wir dies ändern. ‹Ghettoschulen› wären dann definitiv ein Problem.» Die Kinder würden dann nicht mehr lernen, mit Andersdenkenden umzugehen.

«Unser Schulsystem ist sehr gut, wir haben über 20 Prozent Ausländer in der Schweiz und trotzdem kaum Parallel-Gesellschaften. Wir können richtig stolz darauf sein, denn den Grundstein dafür legen unsere öffentlichen Schulen.»

Wer damit nicht zufrieden sei und sich eine andere Behandlung wünsche wie zum Beispiel ein Lehrer auf 5 Kinder und nicht auf 20, müsse dann halt auch mehr Geld hinblättern. «Sorry, so funktioniert die Welt.»

Steuer-Ungerechtigkeit

Anders sieht das Hildi Mara Wagner: «Es sollte so sein, dass jeder Schulgeld zugute hat, egal, in welche Schule er geht.» So könnten jene, die eine Leistungsschule besuchen wollen, diese besuchen und andere suchen sich eine andere Schule.

«Es ist schlichtweg eine Schweinerei, dass nicht mal das Schuldgeld für Privatschulen von den Steuern abgezogen werden kann.»

Kinder, die sich nicht wohl fühlen würden an einer öffentlichen Schule, müssten oftmals therapiert werden. Diese Kosten würden immer mehr ansteigen. Das würde sich erledigen, wenn alle Kinder gerecht unterrichtet werden könnten.

Auch Florian Rothacker sieht eine Steuer-Ungerechtigkeit für Eltern, die Kinder an eine Privatschule schicken:

«Wo landet der Steuergeld-Anteil von denjenigen steuerzahlenden Eltern, die ihr Kind an einer Privatschule haben? Er landet im Bildungstopf der nur an die öffentlichen Schulen ausgeschüttet wird.»

Eltern, die sich für eine Privatschule entscheiden, würden also doppelt zahlen: Das Schulgeld für ihr Kind an der Privatschule und – via Steuern – Geld für die öffentliche Schule, auf die ihr Kind aber gar nicht gehe. «Das ist ein doppelter Betrug», schreibt Florian Rothacker in seinem Facebook-Kommentar. Der Bildungsgutschein würde diese drastische Ungerechtigkeit verhindern.

«Ein BMW für den Preis eines Ladas»

«Die Frau versteht wohl das Konzept Privatschule nicht», schreibt Erich Soldat in seinem Kommentar unter den Artikel. «Anscheinend will sie einen BMW für den Preis eines Ladas.» Seine Tochter besuche in den USA eine Privatschule. Diese koste 42'000 Dollar jährlich. Da sie sich das nicht leisten könnten, hätten sie ein Stipendium erhalten. Die Tochter müsse dafür aber einen Notendurchschnitt von 5.3+ aufweisen. Sie arbeite dafür sehr hart und werde auch in eine gute Uni gehen, wo sie weiterhin ein Stipendium und den Notendruck haben werde. «Es gibt eben nichts gratis!» Dagegen argumentiert Katrin Neumann: «Und wo ist hier der Unterschied zwischen Stipendium und Bildungsgutschein?» Hier in der Schweiz werde den Schülern gar nicht erst die Möglichkeit gegeben, sich so einen Gutschein hart zu erarbeiten.

Verschiedene pädagogische Ausrichtungen

Für Florian Rothacker geht es nicht darum, das System Privatschule staatlich gefördert haben zu wollen. Dann wäre es ja keine Privatschule mehr. Sondern es gehe ihm darum, Schulen mit bestimmter pädagogischer Ausrichtung – die eben anders ist als die Pädagogik in den öffentlichen Schulen – gleichberechtigt zu behandeln, so dass ein wirklicher Wettbewerb entstehen könne.

«Generell muss man einfach mal die Tatsache denken dürfen, dass vielleicht ein staatliches Schul- und Bildungssystem etwas völlig Veraltetes ist. Das entstammt einem Denken des 19. Jahrhunderts, wo es darum gegangen ist, brave und folgsame Staatsbürger zu formen.»

Bildung und pädagogische Schulformen sollten nicht vom Staat diktiert werden, sondern anders herum: Der Staat sollte sich endlich dafür einsetzen, dass verschiedenste Schulformen gleichberechtigt nebeneinander stehen dürfen und nicht nur Gutverdiener das Privileg bekommen, andere als die öffentliche Einheitsschule besuchen zu dürfen, schreibt Florian Rothacker.

«Ein Modell im Sinne eines Bildungsgutscheins wäre doch extrem demokratisch.» Alle Schulen bekämen einen bestimmten Betrag pro Schüler fix zugesprochen, egal welches pädagogische Profil diese Schulen haben. Oder – auch möglich – jedes Kind bekäme einen Bildungsgutschein in einer bestimmten Höhe, gemessen in etwa daran, was ein Schüler den Staat bei neun Jahren Schulbesuch durchschnittlich kostet.

«Wenn dann eine Schule aus welchen Gründen auch immer mehr kosten würde, dann wären Eltern absolut bereit für diese Mehrkosten aufzukommen.»

Wer etwas Besseres möchte

Das sieht Mic Kummer anders: «Niemandem wird etwas verwehrt. Jedes Kind kann an die öffentlichen Schulen. Wem das nicht reicht, wer etwas Besseres möchte, darf das, muss aber selber dafür aufkommen.» Und Francine Nue gibt zu bedenken:

«Haben wir nicht sowieso schon zu wenig Mittel für die öffentlichen Schulen? Jetzt muss der Staat auch noch zusätzliche Wünsche subventionieren?»

Eine Schule sollte doch die Kids bestmöglich auf das spätere Berufsleben vorbereiten. Und die Welt funktioniert heute nun mal mit Leistungsdruck, auch wenn es uns allen nicht wirklich gefällt, aber so ist es. «Natürlich können wir versuchen die Kids davor zu bewahren, aber dann ist der Fall später umso tiefer.»

Auch für Kurt Leirer ist klar: «Wenn man mit dem allgemeinen Standard nicht klar kommt und sich dem normalen Volk gegenüber als besser gestellt fühlt, der soll auch in die Tasche greifen und nicht noch die wenig verdienenden Leute belasten!»

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