Andwil und die gebremste Fusionslust

Auf der einen Seite Gossau mit 18 000 Einwohnern, auf der anderen Seite Andwil mit 1900 Einwohnern: Zwei ungleiche Partner, die zu einer Grossgemeinde fusionieren sollen. In Gossau wären die Andwiler willkommen, diese aber zieren sich. Abgestimmt wird am 28. Februar.

Marion Loher
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Ob es Andwil als Politische Gemeinde in Zukunft noch geben wird, entscheidet sich Ende Februar. (Bild: Ralph Ribi)

Ob es Andwil als Politische Gemeinde in Zukunft noch geben wird, entscheidet sich Ende Februar. (Bild: Ralph Ribi)

ANDWIL. Ein Kopf, ein weiterer Kopf und noch ein Kopf: Beim Andwiler Dorfeingang wimmelt es von Plakaten mit Kantonsratskandidaten. In vier Wochen wird gewählt. In der 1900-Seelen-Gemeinde nördlich von Gossau steht an jenem Sonntag allerdings ein anderer Kopf, ein Tierkopf, im Mittelpunkt. Für die Andwiler stellt sich die Frage, ob der rote Hirsch wie bis anhin weiter allein das Wappen zieren soll oder neu Teil eines «fusionierten» Wappens wird. Anders gefragt: Soll sich das kleine Andwil mit dem grossen Nachbarn Gossau zusammenschliessen?

Der Gemeinderat überrascht

In Gossau war man sich rasch einig: Bei Stadtrat, Stadtparlament und den Ortsparteien wären die Andwiler willkommen. Die Verwaltungsstrukturen würden schlanker. Der Aufwand würde reduziert und Geld eingespart. In Andwil steht man dem Ganzen kritischer gegenüber. Nicht zuletzt wegen des Entscheids des Gemeinderats. Dieser hatte sich im vergangenen August überraschend gegen eine Fusion ausgesprochen. Er sieht in einer Vereinigung keine finanziellen Vorteile. Zudem gingen die direkte Einflussnahme und die Nähe der Verwaltung zur Bevölkerung verloren, argumentiert er. Allerdings war der Entscheid im Gremium nicht einstimmig. Im Dorf wurde darüber spekuliert, wer wohl wie gestimmt hatte. Zudem machte das Gerücht die Runde, der Gemeindepräsident habe sich einfach nicht selber abschaffen wollen, was derjenige vehement dementierte.

SVP und FDP fassten die Nein-Parole. GLP und CVP befürworten eine Fusion, wobei sich die CVP intern auch nicht einig war und der Präsident mit seiner Stimme den Stichentscheid gab.

«Die Emotionen gehen hoch»

Im beschaulichen Andwil war lange Zeit nichts von der bevorstehenden Abstimmung zu spüren. Keine Plakate, keine Flyer, keine Leserbriefe. Die Ruhe überraschte selbst Gemeindepräsident Dominik Gemperli. Desinteresse? Kaum. Bei einigen habe die Meinungsbildung wohl schon stattgefunden, sagte er vor gut zwei Wochen.

Mittlerweile hat sich die Situation geändert: Sowohl ein Pro- als auch ein Kontra-Komitee wurden gegründet. Die Abstimmungsgegner haben sich als erstes sichtbar gemacht, mit grossen Plakaten beim Dorfeingang und ganzseitigen Inseraten im Gemeindeblatt. Die Fusionsbefürworter wollen nächste Woche ins Geschehen eingreifen. Mit der Ruhe ist es auch für den Gemeindepräsidenten vorbei. Er bekommt es nun vermehrt mit unschlüssigen, verärgerten oder verunsicherten Bürgern zu tun. «Die Emotionen gehen zum Teil ziemlich hoch», sagt er.

Der Stein des Anstosses

Teure Bauprojekte und der stetig steigende Finanzbedarf der Schulgemeinde Andwil-Arnegg haben Anfang 2012 die Diskussionen über einen Zusammenschluss mit Gossau ins Rollen gebracht. Die Behörden von Gossau, Andwil und der Schulgemeinde präsentierten ein Jahr später drei Szenarien künftiger Gemeindestrukturen: eine Einheitsgemeinde in Andwil, eine Fusion von Andwil und Gossau mit Inkorporation der Schulgemeinde Andwil-Arnegg oder der Status quo. Wiederum ein Jahr später sagten die Stimmberechtigten in einer Grundsatzabstimmung deutlich Ja zur Prüfung einer Vereinigung.

Ende 2014 zeigte ein Bericht auf, wie das neue Gossau aussehen könnte. Es hätte rund 20 000 Einwohner und eine Fläche von 33,8 Quadratkilometern. Zum Vergleich: Andwil ist heute rund 6 Quadratkilometer gross. Dem Stadtrat würden wie heute fünf Mitglieder angehören, dem Parlament 30. Einen eigenen Wahlkreis gäbe es für Andwil nicht, ebenso wenig einen Verwaltungsstandort.

Komplizierte Schulstrukturen

An diesem milden Januarabend trifft man die Andwiler beim Beck, am Bancomaten, auf dem Parkplatz vor dem Dorfladen und am Stammtisch. Eine junge Frau, ein Mittvierziger, ein Familienvater und ein älteres Ehepaar. Es zeigt sich: Die Andwiler sprechen nicht ungern über das Fusionsthema. Allerdings unter einer Bedingung. Sie wollen nicht mit Namen in der Zeitung genannt werden.

Die junge Frau wohnt erst seit kurzem in Andwil. Sie sagt: Sie habe sich zwar noch nicht gross informiert, tendiere aber zu einem Nein. Das ältere Ehepaar tendiert nicht mehr, es ist sich sicher. «Von uns gibt es ein klares Nein. Wir wollen nicht fremdverwaltet werden, sondern eigenständig bleiben und weiter mitbestimmen können.»

Der Mittvierziger ist ein aus Abtwil Zugezogener. «Ich bin dafür.» Er habe in Abtwil den Vereinigungsprozess zur Gemeinde Gaiserwald mitgemacht «und nichts Negatives erlebt». Der Vater zweier schulpflichtigen Kinder befürwortet eine Fusion ebenfalls. Denn nur mit ihr könne das strukturelle Problem der Schulgemeinde endlich gelöst werden.

Diese Strukturen sind in der Tat kompliziert – oder wie es der kantonale Gemeindereformer Bruno Schaible einmal sagte: «Die Schulgemeinde Andwil-Arnegg steht buchstäblich quer in der Landschaft.» Da Arnegg politisch zu Gossau gehört, gibt es zwei politische Gemeinden als Träger der Schulfinanzen. Mit der Inkorporation der Schulgemeinde in ein vereinigtes Gossau soll dieses Konstrukt radikal vereinfacht werden.

Wiederholt sich die Geschichte?

Es ist nicht das erste Mal, dass Andwil über alternative Gemeindestrukturen diskutiert. Vor 18 Jahren wurden ebenfalls drei Szenarien ausgearbeitet. In erster Linie um die Meinungsbildung in der Bevölkerung anzuregen. Handlungsbedarf sah der damalige Gemeinderat jedoch nicht und so blieb alles beim alten. Ob sich die Geschichte wiederholt, wird sich am 28. Februar zeigen.

Dass eine positiv verlaufene Grundsatzabstimmung kein Massstab für die eigentliche Fusionsabstimmung ist, zeigt das jüngste Beispiel aus Schmerikon. Die Gemeinde sagte Ja zur Prüfung einer Vereinigung mit Uznach, den Fusionsbeschluss verwarf Schmerikon dann im vergangenen Herbst mit über 80 Prozent deutlich. Und die interessante Parallele zu Andwil: Der Gemeinderat von Schmerikon hatte damals ebenfalls ein Nein empfohlen.

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