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ANALYSE: Und die Ostschweiz bewegt sich doch

Millionenteure Bildungsoffensiven, Grossprojekte zur Standortförderung, zaghafte interkantonale Zusammenarbeit: Die Region entwickelt eine neue Dynamik, schreibt Andri Rostetter, Ressortleiter Ostschweiz, in seiner Analyse.
Zankapfel und Symbol für den wiedererwachten Antrieb der Region: Die Fachhochschule in St.Gallen (Bild: Benjamin Manser)

Zankapfel und Symbol für den wiedererwachten Antrieb der Region: Die Fachhochschule in St.Gallen (Bild: Benjamin Manser)

Eigentlich müssten sie ihm dankbar sein. Doch in den vergangenen Monaten wurde der St.Galler Bildungschef Stefan Kölliker vor allem kritisiert. Zentralismus, Grössenwahn, fehlende politische Sensibilität: Kölliker musste sich regelmässig Vorwürfe aus allen möglichen Regionen und politischen Lagern anhören. Sein Verschulden: Er will die drei Ostschweizer Fachhochschulen in St.Gallen, Buchs und Rapperswil-Jona unter eine gemeinsame Leitung stellen. Die bisherigen Trägerschaften der Schulen sollen abgelöst werden durch eine einzige Organisation – mit dem Kanton St.Gallen als klare Nummer eins.

Die Neuordnung der Fachhochschule ist eines der am heissesten diskutierten politischen Geschäfte des Kantons – und zugleich ein Lackmustest für die gesamte Ostschweiz. Lassen die betroffenen Regionen – Linthgebiet und Werdenberg – zu, dass ihre weitgehend autonomen Schulen künftig einem St.Galler Superrektor unterstellt werden? Akzeptiert der Thurgau als zahlender Partner ein solches St.Galler Konstrukt mit beschränktem Mitspracherecht? Derzeit deutet vieles darauf hin, dass Kölliker dieses bildungspolitische Husarenstück gelingen wird. Zum einen ist keine ernsthafte Alternative in Sicht, zum anderen drängt die Zeit. Damit die Schulen ihre Zulassung beim Bund nicht verliefen, müssen sie ihre Strukturen bis spätestens Ende 2022 anpassen.

Abgewartet und zu spät gekommen

Egal, ob diese Neuorganisation bildungs- und regionalpolitisch sinnvoll ist oder nicht: Allein die Tatsache, dass es Kölliker versucht, ist bemerkenswert für Ostschweizer Verhältnisse. Dass ein Kanton im östlichen Landesteil in einer überregionalen Debatte unmissverständlich die Führung beansprucht, ist in der Vergangenheit kaum je vorgekommen. Lieber wartete man ab, lobbyierte, suchte den Konsens – und kam häufig zu spät.

Im Fall der Fachhochschule Ostschweiz ist das erfrischend anders. Kölliker prescht vor, riskiert etwas, stösst Leute vor den Kopf. Und bringt damit eine dringend nötige Dynamik in die Region. Spätestens nach dem Nein des Volkes im Juni 2016 zur Expo 2027 drohte die Region in politischer Lethargie zu versinken: Keine Landesausstellung, kein Bundesratssitz mehr – und von Bern ohnehin permanent überhört. Jammern wurde vorübergehend zu einer der beliebtesten Disziplinen der hiesigen Politik, man redete mit Vorliebe über Befindlichkeiten, über Fremd- und Selbstwahrnehmung.

Unangenehme Fragen – gesunde Debatte

Diese Phase ist noch nicht komplett überwunden. Aber sie klingt langsam aus, die Region entwickelt eine neue Dynamik. Neben der Fachhochschule Ostschweiz gibt es weitere Beispiele dafür: Die Pläne für den Medical Master in St. Gallen sind weit fortgeschritten, ebenso jene für eine millionenschwere IT-Bildungsoffensive. Und im Westen von Wil, auf Thurgauer Boden, soll in den kommenden 25 Jahren einer der grössten Industriestandorte der Region entstehen – am Rand der Kantone zwar, aber ideal gelegen an der Hauptverkehrsachse zwischen den Zentren Zürich, Winterthur und St.Gallen und mitten im Einzugsgebiet Toggenburg-Bodensee.

Bei solchen Grossprojekten stellt sich unweigerlich die Frage nach der Notwendigkeit. Wozu eine halbe medizinische Fakultät in St.Gallen, wo doch die Uni Zürich mit ihrer traditionsreichen Medizin-Fakultät so nah ist? Warum 75 Millionen Franken aus der Staatskasse für eine Digitalisierungsoffensive, wenn eine erdrückende Mehrheit der tonangebenden IT-Firmen in Zürich sitzt? Weshalb ein Wirtschaftsförderprojekt auf der grünen Wiese planen, wenn einer der wichtigsten Industriestandorte der Region wenige Kilometer entfernt – in Uzwil – seit Jahren prosperiert?

Solche unangenehmen Fragen sind nicht nur berechtigt, sie sind für eine gesunde politische Debatte zwingend. Über Sinn und Unsinn von Grossprojekten muss diskutiert werden dürfen. Doch gerade die Ostschweiz ist gut beraten, politische Visionen nicht zu früh abzuklemmen – auch wenn sie auf den ersten Blick hochtrabend daherkommen. Dazu kommt: In den meisten anderen politischen und wirtschaftlichen Bereichen wurstelt in der Ostschweiz nach wie vor jeder für sich. Ein Beispiel ist die Gesundheitspolitik: Während der Appenzeller Spitalverbund seit Jahren hart am Abgrund wirtschaftet, investiert der Kanton St. Gallen frohgemut eine Milliarde in den Ausbau seiner Spitäler. Zusammenarbeit? Auf Sparflamme. Gemeinsame Planung? Fehlanzeige. Die Fachhochschule Ostschweiz und das Projekt Wil-West sind der Beweis, dass die Region es auch anders kann.

Als eine in vielen Belangen durchschnittliche Randregion darf die Ostschweiz nicht auf Hilfe von aussen hoffen, sie muss ihr Schicksal selber in die Hand nehmen. Zwar müssen alle diese Riesenprojekte noch etliche politische Hürden nehmen. Doch schon jetzt stehen sie für den wiedererwachten Antrieb einer ganzen Region.

Andri Rostetter
andri.rostetter@tagblatt.ch

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