Analyse
Nach umstrittener Corona-One-Man-Show von Hermann Lei kritisieren ehemalige Mitglieder die Thurgauer SVP – zu Recht?

Nach der umstrittenen Parolenfassung zum Covid-Gesetz kritisieren alte Granden den Anpassungskurs der Kantonalpartei an die nationale SVP.

Christian Kamm
Christian Kamm
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Hatte die Rednerbühne an der SVP-Delegiertenversammlung allein für sich: Corona-Massnahmenkritiker und SVP-Kantonsrat Hermann Lei.

Hatte die Rednerbühne an der SVP-Delegiertenversammlung allein für sich: Corona-Massnahmenkritiker und SVP-Kantonsrat Hermann Lei.

Bild: Reto Martin (Frauenfeld, 20. Mai 2021)

Spät kam sie, die Einsicht, aber sie kam. Als SVP-Parteipräsident Ruedi Zbinden in der «Thurgauer Zeitung» einräumte, dass das Covid-Gesetz an der Delegiertenversammlung wohl besser kontradiktorisch abgehandelt worden wäre, hätte man die Akte eigentlich schliessen können. Fauxpas halbwegs eingeräumt, dumm gelaufen und jetzt bitteschön Schwamm drüber.

Ganz so einfach ist es aber nicht. Denn die Episode mit der deplatzierten Lei'schen Corona-One-Man-Show scheint bei manchem das Fass zum Überlaufen gebracht zu haben. Vor allem alte Granden der Thurgauer SVP melden sich zu Wort und klagen laut über das, was aus der Partei, der sie einmal angehört haben, geworden ist. Sie kritisieren nicht einfach mangelnde Sensibilität, sondern sehen das Werk der Zürcherisierung der hiesigen SVP als definitiv vollbracht. Staatstragend war gestern. Auch in der Thurgauer Partei geben für diese Kritiker jetzt Einpeitscher und Demagogen den Ton an.

Stimmt das? Richtig ist auf jeden Fall, dass die Generation der von der nationalen SVP und ihrem Übervater geprägten jungen Wilden im Thurgau sukzessive die Schalthebel übernimmt. Sie geben je länger je mehr den Takt und die Tonlage vor. Die Mär von einer Thurgauer SVP mit gemässigten Amtsträgern, die eine deutlich radikalere Basis lenkend und denkend im Zaum halten, hat ausgedient. Was an staatstragenden Verantwortungspolitikern alter Schule in der Partei übrig ist, versucht sich lavierend noch ein paar Jahre über Wasser zu halten. Im Wissen darum: nach mir dann die politische Sintflut.

Doch die Episode, welche die Gemüter derart in Wallung gebracht hat, zeigt noch etwas anderes. Etwas, das für die SVP – egal welcher Façon – noch viel alarmierender sein müsste. Ausgerechnet die geborenen Instinktpolitiker der Volkspartei geben im Thurgau ein Müsterchen davon ab, was es bedeutet, seinen Instinkt zu verlieren. Wie kann man in der Coronafrage einen derart grossen Teil des Volkes ignorieren? Und, statt zumindest zu versuchen, die unterschiedlichen Lager zusammenzuführen, wesentliche Teile der Bevölkerung zuhanden des Corona-Autisten Hermann Lei der Lächerlichkeit preisgeben. Nicht nur eine Instinktlosigkeit, sondern ein politischer Blackout sondergleichen.

Vieles spricht dafür, dass darüber hinaus eine tüchtige Portion Überheblichkeit dahinter stecken könnte. So wie es einer Partei eben widerfahren kann, die seit Jahrzehnten in diesem Kanton keine politischen Mitbewerber auf Augenhöhe mehr hat. Die sich, kraft ihrer numerischen Stärke, Sorglosigkeit leisten kann. In diesem Fall wäre eine generelle Manöverkritik innerhalb der SVP mehr als angezeigt. Denn Überheblichkeit gehört im Thurgau immer noch zu den politischen Todsünden.

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