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ANALYSE: Gossau ist die viertgrösste Stadt im Kanton St.Gallen - und trotzdem ein Dorf geblieben

Im Wahlkampf wird es noch deutlicher: Die Stadt Gossau hat sich von ihren Wurzeln als Dorf noch nicht gelöst. Aber die Verstädterung geht weiter.
Johannes Wey
Gossauer Zentrum: Dörflicher Charakter, städtisches Verkehrsproblem. (Bild: Benjamin Manser (13. Februar 2015))

Gossauer Zentrum: Dörflicher Charakter, städtisches Verkehrsproblem. (Bild: Benjamin Manser (13. Februar 2015))

Das Städtchen Gossau schafft es selten, überregionale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Im laufenden Abstimmungskampf um das Stadtpräsidium ist dies anders. In der weiteren Nachbarschaft ist man gespannt, ob die CVP nach der Niederlage in der Stadt St. Gallen auch in Gossau ein Exekutivamt verliert. Denn obwohl der zurücktretende Stadtpräsident Alex Brühwiler ein Parteiloser ist, hat die CVP einen Sitz im Stadtrat zu verteidigen: Für den freiwerdenden Sitz von Stefan Lenherr hatte man Ende November keinen eigenen Kandidaten ins Rennen geschickt. Die CVP setzte voll aufs Stadtpräsidium, um das sich Urgossauer Daniel Lehmann mit dem auswärtigen Parteilosen Wolfgang Giella duelliert. Im ersten Wahlgang hatte Giella die Nase vorn, entscheiden muss nun der zweite Wahlgang am 28. Januar.

Was derzeit in Gossau passiert, ist aber auch aus einem anderen Grund spannend.Die Gossauer Identität unterliegt in den letzten Jahren einem Wandel: Dorf, Stadt oder doch Agglomerationsgemeinde? Die Abgrenzung ist unscharf. Und es gibt für alle Betrachtungsweisen starke Argumente. «Stadt» nennt sich Gossau seit Einführung der Einheitsgemeinde 2001. Mittlerweile zählt die Gemeinde 18 000 Einwohner. Dem angrenzenden Herisau, dem unverbrieften Ausserrhoder Hauptort, hat man den Rang schon längst abgelaufen. Ein wichtiger Grund dafür ist die gute Verkehrsanbindung mit Intercity-Halt und Autobahnanschluss – ein Faktor, der aus Gossau einen Wirtschaftsstandort gemacht hat: Zahlreiche Arbeitsplätze bieten etwa der Lebensmittelsektor mit Coop, Migros und Suttero, aber auch die Industrie. Dank diesen ist aus Gossau keine Schlafstadt geworden.

Der abtretende Stadtpräsident Alex Brühwiler beschwor immer wieder Gossaus Rolle als regionales Zentrum – zu Recht. Gossau ist nicht nur ÖV-Drehscheibe und Arbeitsplatz für das Umland, sondern auch Standort des regionalen Pflegeheims und eines Sicherheitsverbunds, an denen jeweils vier weitere Gemeinden beteiligt sind. Gossau ist zudem ein Bildungsstandort mit Gymnasium und Pädagogischer Hochschule. Zu einer Stadt machen Gossau nicht zuletzt das chronische Verkehrsproblem und die Höhe der Krankenkassenprämien. Und mit Bruno Damann ist man wieder in der Kantonsregierung vertreten – erst zum zweiten Mal seit dem Tod von Herbert Mäder im Jahr 1936.

Dass es aber nicht weit her ist mit dem Selbstverständnis als Zentrum, zeigt im Grunde schon der Werbeslogan ­«Gossau.ch eine Stadt». Es scheint, als müsse man sich dieses Mantra immer wieder vor Augen führen, damit es Realität wird. Spricht ein Gossauer von der Stadt, meint er in der Regel St. Gallen.

In vielen Belangen ist Gossau eben doch ein Dorf – im Guten wie im Schlechten. Über ­­ 85 Prozent der Jugendlichen engagieren sich in einem der Vereine, die ein echter politischer Faktor sind. Ein schönes Beispiel dafür war die Wahl Erwin Sutters zum Parlamentspräsidenten: Der Männerchor, einer der grössten der Schweiz, gratulierte seinem Mitglied Sutter mit einem Ständchen. Viele der Sänger waren von Amtes wegen anwesend, eingestimmt haben auch der Stadtpräsident, ein Stadtrat und ein schöner Teil der Parlamentarier.

Wie stark die Lobby der Vereine ist, hat der Stadtrat zu spüren bekommen, als er 2016 ein Veranstaltungslokal schliessen wollte. Der Aufschrei war gross, die Leserbriefe füllten Seiten, der Stadtrat kapitulierte. Das haben auch die Parteien registriert: Bei den folgenden Wahlen war der «Einsatz für die Vereine» eines der wichtigsten Schlagworte im Kampf um die Parlamentssitze. Dazu gehört auch die Unterstützung des Masterplans Sportanlagen, eines Jahrhundertprojekts mit echt städtischen Dimensionen, das am Ende gut und gerne 100 Millionen Franken kosten könnte. Politik gegen die Interessen der Vereine zu machen, ist im momentanen Klima keine gute Idee.

Der gegenwärtige Stadtpräsidiumswahlkampf fördert weitere Aspekte dieser dörflichen Politik zutage. Das Milieu spielt (noch) eine grosse Rolle in der mit grosser Mehrheit katholischen Gemeinde. Die CVP ist eine Macht, auch wenn die SVP, die als einzige Partei in derselben Liga spielt, bei den Parlamentssitzen gleichgezogen hat und seit November ebenfalls im Stadtrat vertreten ist. Dörflich ist auch, dass persönliche Animositäten bis in die Politik ausgetragen werden. Aktuell bekommt das CVP-Kandidat Lehmann zu spüren. Ein bisschen mehr urbane Anonymität könnte da nur gut tun.

Gossaus Politik kann aber nur so dörflich sein, weil daneben auch die Agglomerationsgemeinde Gossau existiert. Die nahe Stadt St. Gallen und die guten Verbindungen nach Zürich haben viele Zuzüger angezogen, die grossen Wohnüberbauungen in Zentrumsnähe werden weitere anlocken. Schon heute sind drei Viertel aller Gossauer nicht in der Gemeinde geboren. Die Politik prägen aber weitgehend die Alteingesessenen. Das scheint sich auch in der Wahlbeteiligung zu spiegeln: 42 Prozent der Stimmberechtigten nahmen am ersten Wahlgang am 26. November teil. In der Nachbarstadt St. Gallen waren es beim ersten Wahlgang der Stadtratsersatzwahl 46 Prozent – obwohl das Stadtpräsidium dort gar nicht zur Debatte stand.

Unabhängig vom Wahlausgang: Die Verstädterung der Gemeinde wird weitergehen. Gossaus Rolle als regionales Zentrum wird an Bedeutung gewinnen – aber es wird immer ein Zentrum im Schatten der Stadt St. Gallen bleiben.

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