Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

«Vernichten geht gar nicht!»: Kritik am Wegwerfen von Gemüse - Verband erklärt sich

Die heissen Temperaturen sind ideal für Zucchetti und Tomaten. Die Folge: Gemüsebauern haben mit einer Überproduktion zu kämpfen und müssen ihr Gemüse teilweise vernichten. Viele Konsumenten sind empört darüber.
Christa Kamm-Sager

«Es hat genügend Bedürftige in unserem Land, die das Gemüse noch so gerne abnehmen würden oder man könnte auch die Preise senken, dann könnte man das Gemüse für den Winter einmachen», schreibt Leserin Gisela Pfister-Brenner auf Facebook. Wie sie empören sich viele Leserinnen und Leser darüber, dass wegen der Thurgauer Rekordernte viele Tomaten in der Biogasanlage statt auf dem Tisch landen. Gemüsebauer Ralph Bötsch aus Salmsach, einer der grössten Schweizer Tomatenproduzenten, spürt die Folgen des prächtigen Wachstumsjahres hautnah. «Die Preise decken im Moment nicht einmal den Aufwand», sagt er gegenüber unserer Zeitung.

Für dieses Dilemma haben Konsumentinnen und Konsumenten wenig Verständnis. «Wie wäre es, wenn man die Felder frei geben würde für die Ernte», fordern einige. Tomaten, Zucchetti und Co. soll man besser verschenken, als sie zu vernichten. «Vernichten geht gar nicht! Wir haben genügend Mitbürger, denen es finanziell nicht gut geht und die das Gemüse gerne nehmen würden», schreibt beispielsweise Susanne Kehl-Möller auf Facebook.

Kosten für Erntearbeit müssen gedeckt werden

Markus Waber

Markus Waber

Markus Waber, Leiter Kommunikation des Verbands Schweizer Gemüseproduzenten (VSGP), schaut dieses Thema differenziert an. «Die Schweizer Gemüseproduzenten produzieren dem Marktbedarf entsprechend. Da wir es aber mit einem Naturprodukt zu tun haben, ist die Produktion stark wetterabhängig und kann nur bis zu einem gewissen Grad geplant und kontrolliert werden», sagt er. Der derzeitige Marktbedarf an Schweizer Tomaten liege bei ca. 1500 Tonnen pro Woche. «Die kürzlich erfolgte Überproduktion von 30 Tonnen ist ein verhältnismässig kleiner Teil.» Bereits heute würden gemeinnützige Organisationen unterstützt. Diese würden jedoch nur beschränkte Mengen übernehmen. Spitäler und Altersheime seien reguläre Kunden. Würden die Übermengen diesen Institutionen günstig abgegeben, kauften sie nicht mehr bei ihren regulären Lieferanten ein, wodurch diese ihre Ware nicht mehr verkaufen könnten – die Problematik würde also einfach verlagert.

Der VSGP und die ganze Branche würden sich bemühen, Food-Waste zu verhindern. Die Branche habe 2015 die Qualitätsnormen überarbeitet und mehr Toleranz geschaffen. Zusammen mit dem Handel sei man um eine flexible und marktgerechte Aktionsplanung bemüht. Der Handel und die Schweizer Tafel hätten 2016 die Online Spendendatenbank «Food Bridge» lanciert. Gemüseproduzenten setzen gemäss Waber auf ihre Hofläden, um flexibel auf die Situation reagieren zu können oder beliefern Läden und Projekte, welche Food-Waste bekämpfen. «Die Produktion und der VSGP haben – alleine schon aus wirtschaftlichen Gründen – ein grosses Interesse daran, Food-Waste zu verhindern. Wir werden jedoch immer den Wetterkapriolen ausgesetzt sein und die Thematik weiterverfolgen müssen.»

Auch die auf den ersten Blick bestechende Idee, die Felder für eine Gratisernte für Konsumenten frei zugänglich zu machen, sieht der Sprecher der Gemüseproduzenten nicht realistisch: «Es ist einem Gemüsebauern nicht möglich, Kunden einfach in sein Gewächshaus zu lassen, das peniblen hygienischen Vorschriften unterliegt. Zudem würde das den laufenden Betrieb stark einschränken.»

Mehr Gemüse essen

Schweizer essen im Durchschnitt 85 Kilogramm Gemüse pro Kopf. «Wenn nur jeder ein Kilo mehr essen würde, wäre im Moment schon viel geholfen», so Waber. Aktionen würden kurzfristig etwas nützen, den Konsum marginal zu steigern. Etwa 70 Prozent des Gemüses verkaufen Gemüseproduzenten über den Detailhandel. Fast 30 Prozent gehen in dei Verarbeitung und nur wenige Prozente werden direkt vermarktet.

Überproduktion im spanischen Plastikmeer

Konsument Rolf Irmer macht in der Facebook-Diskussion noch auf ein anderes Thema aufmerksam und postet eine Google-Karte des Plastikmeers im spanischen Almeria. «Dort passieren die meisten Überproduktionen.» Auch Gert Germitsch schlägt mit seinem Facebook-Beitrag in die gleiche Kerbe: «Geiz ist geil! Kauft einfach weiterhin die billigen, geschmacklosen und vor allem giftigen Gemüse aus Spanien.»

Tomaten-Schwemme: Hilfswerke bringen sich als Abnehmer ins Spiel

Man meint ihr Kopfschütteln am Telefon zu hören. «Vernichten ist keine Option», sagt Judith Meier Inhelder. Für die Geschäftsleiterin der Caritas Thurgau ist es unverständlich, dass man Teile der überschüssigen Tomaten im Thurgau und anderswo vernichtet oder Biogasanlagen zuführt. «Es gibt Menschen, die Hunger leiden», sagt sie. «Auch hierzulande können sich nicht alle Menschen frisches Gemüse leisten.» Caritas setzt sich für armutsbetroffene Familien und benachteiligte Menschen ein. Philipp Holderegger von der Caritas St.Gallen sagt: «Ich bekomme einen roten Kopf, wenn man Lebensmittel vernichtet.» Das gilt auch im aktuellen Fall von reifen, roten Tomaten. Im Kanton St.Gallen gibt es zwei Caritas-Märkte, einen in Wil und einen in St.Gallen. Dort können Armutsbetroffene preiswert einkaufen. Im Thurgau existiert kein Caritas-Markt mehr.

«Wir kommen das Gemüse auch abholen»

Beliefert werden alle Caritas-Märkte in der Schweiz von Sempach im Kanton Luzern. Dortiger Geschäftsführer ist Thomas Künzler. Zur Tomaten-Schwemme sagt er: «Wir haben bislang kein Angebot erhalten.» Das findet er schade. Denn: «Wir würden das überschüssige Gemüse sehr gerne entgegennehmen», sagt Künzler. In den Caritas-Märkten sind Gemüse und Früchte äusserst begehrt: 20 Prozent des Umsatzes wird mit dieser Warengruppe erzielt. «Tomaten sind ein Leadprodukt». Er ruft Bauern dazu auf, sich bei ihm zu melden. «Wir kommen das Gemüse auch abholen.»

Interesse an Gemüsespenden bekunden auch andere Organisationen - so etwa «Tischlein deck dich». Das bestätigt Geschäftsführer Alex Stähli auf Anfrage. Eine Kontaktaufnahme von Produzenten mit überschüssigem Gemüse würde er begrüssen. Die Organisation verteilt einmal wöchentlich an mehreren Abgabestellen in der Schweiz Lebensmittel. Vom Angebot können armutsbetroffene Personen mit einer Bezugskarte Gebrauch machen. Auch in den Ostschweizer Kantonen sind mehrere Abgabestellen zu finden. Sebastian Keller

www.caritas-markt.ch

www.tischlein.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.