Amriswil
«Meine Mutter nahm sein Foto und zerriss es»: Eine Spanierin sucht ihren leiblichen Vater im Thurgau

Die Mutter von María Dolores Ponzán arbeitete in den 60er-Jahren in einer Textilfabrik in Amriswil und kehrte mit einer unehelichen Tochter zurück nach Spanien. Über den Vater schweigt sie bis heute. Die Tochter hofft nun auf Hinweise aus der Leserschaft.

Aylin Erol Jetzt kommentieren
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María Dolores Ponzán (57) sucht schon ihr Leben lang nach ihrem leiblichen Vater.

María Dolores Ponzán (57) sucht schon ihr Leben lang nach ihrem leiblichen Vater.

Bild: PD

«Ich habe seit so vielen Jahren alles versucht. Ihr seid meine letzte Hoffnung», sagt María Dolores Ponzán unter Tränen. Mit «ihrer letzten Hoffnung» meint Ponzán die «Thurgauer Zeitung». Im Oktober veröffentlichten wir die Geschichte von Patricia Burgemeester-Schmidt, einer Holländerin, die ihren leiblichen Vater sucht und in der Region Bürglen vermutet. In den sozialen Netzwerken stiess Ponzán auf den Artikel. Die 57-jährige Spanierin sucht ebenfalls schon ihr Leben lang nach ihrem leiblichen Vater, der womöglich ein Amriswiler ist. Oder war? Ihr Vater müsste mittlerweile über achtzig sein.

«Mir ist bewusst, dass mein Vater eventuell bereits verstorben ist», sagt Ponzán. Dennoch hofft sie, dass unter unseren Leserinnen und Lesern jemand ihre Mutter erkennt und sich mit Hinweisen zu ihrem Vater bei ihr meldet. «Ich würde ihm einfach gerne ein Gesicht geben können und herausfinden, welcher Teil von mir nach ihm kommt.»

Sie hätte eigentlich abgetrieben werden sollen

«Meine Mutter und ich sind nie wirklich miteinander warm geworden. Das liegt wohl daran, dass sie mich eigentlich nie haben wollte», sagt Ponzán. Sie spricht langsam und bedacht, als hätte sie die Geschichte schon zu oft erzählt, was das Ganze allerdings nicht leichter macht. Im Gespräch via Videokonferenz steigen ihr immer wieder Tränen in die Augen.

Die Mutter, Concepción «Conchita» Ponzán, steht mit der neugeborenen María Dolores vor der Klinik Monikaheim in Zürich.

Die Mutter, Concepción «Conchita» Ponzán, steht mit der neugeborenen María Dolores vor der Klinik Monikaheim in Zürich.

Bild: PD

Als die 25-jährige «Conchita», wie sie alle nannten, 1963 mit ihrer Tochter schwanger wurde, sei für sie nur eine Abtreibung oder die Freigabe zur Adoption in Frage gekommen. «In Spanien herrschte damals ja die Diktatur unter Franco. Ein uneheliches Kind zu haben, war eine grosse Schande», sagt Ponzán. Conchitas katholische Familie schaffte es schliesslich, die werdende Mutter zu überreden, das Kind zu behalten. Im August 1964 kam das gesunde Mädchen María Dolores schliesslich in der Klinik Monikaheim in Zürich zur Welt. In der Geburtsurkunde steht «Vater: unbekannt».

Wenige Monate nach der Geburt kehrte Conchita zurück in ihre Heimat nach Zaragoza in Spanien, wo sie einige Jahre später heiratete und zwei weitere Söhne zur Welt brachte. In das perfekte Familienbild passte die uneheliche Tochter nicht. María Dolores Ponzán wurde grösstenteils von der Grossmutter grossgezogen und fühlte sich ihr Leben lang der Familie nicht zugehörig.

Ihre Mutter schweigt bis heute über die Identität des Vaters

«Abgesehen davon, dass meine Mutter mir schon immer jegliche Informationen über meinen Vater vorenthielt, weiss ich auch fast nichts über ihre Zeit in der Schweiz. Sie sagt immer, sie wolle diesen Abschnitt ihres Lebens ein für alle Mal vergessen», erzählt die Chefhaushälterin eines Hotels in Zaragoza. Mittlerweile habe ihre Mutter Alzheimer, was die Suche nicht erleichtere. Sie wisse nur, dass Conchita um 1960 oder 1961 als Gastarbeiterin nach Amriswil kam, um bis Ende 1964 in einer Textilfabrik zu arbeiten. «Dort lebte sie mit anderen italienischen und spanischen Arbeiterinnen in einem Haus», sagt die Spanierin. Ein Blick in die Geschichte von Amriswil verrät, dass so manches Leben junger Frauen in Amriswil ähnlich aussah.

Dies war das Firmenschild am Eingang der Textilfirma Hess AG in der Amriswiler Kirchstrasse.

Dies war das Firmenschild am Eingang der Textilfirma Hess AG in der Amriswiler Kirchstrasse.

Bild: Michel Canonica

Mitte der 60er-Jahre arbeiteten in den drei Amriswiler Textilfirmen Hess AG, Laib Yala und Sallmann überwiegend junge Frauen aus Italien und Spanien als Näherinnen. Die meisten unter ihnen waren zu Beginn ihrer Anstellung kaum zwanzig Jahre alt. Die Arbeit in Amriswil bedeutete für die meisten Frauen Unabhängigkeit und soziales Ansehen in ihrem Heimatland. Mit dem zunehmenden Wachstum der Industrie und der Einwanderung verdichtete sich die Wohnungsnot in der Thurgauer Region. Manche Textilfirmen, etwa Hess AG, bauten daher eigens Gemeinschaftshäuser für ihre ausländische Belegschaft. Es ist wahrscheinlich, dass auch Conchita Ponzán in einer solchen Wohngemeinschaft lebte – womöglich gar in der Hess AG, bei der Mitte der 60er-Jahre etwa 75 Prozent der Belegschaft aus dem Ausland akquiriert wurde. Die Tochter weiss allerdings nichts Genaueres, weder über die Firma, in der Conchita arbeitete, noch über ihre Tätigkeit. Die Mutter schweigt.

Ein Foto vom Vater gibt es nicht mehr

Conchita Ponzán hat den Hintergrund vieler Fotos aus ihrer Zeit in der Schweiz weggeschnitten, um ihrer Tochter die Suche nach dem Vater zu erschweren.

Conchita Ponzán hat den Hintergrund vieler Fotos aus ihrer Zeit in der Schweiz weggeschnitten, um ihrer Tochter die Suche nach dem Vater zu erschweren.

Bild: PD

«Wenige Monate nachdem meine Mutter zurück nach Spanien gezogen ist, kam mein Vater mich besuchen. Ich erinnere mich natürlich nicht mehr, ich war noch ein Säugling», sagt Ponzán. Sie nehme deshalb an, dass er gerne Kontakt mit ihr gehabt hätte, auch wenn ihre Mutter noch immer das Gegenteil behauptet. «Er übergab meiner Grossmutter damals ein Foto von sich. Darauf stand er neben einer hellen Vespa auf einem Parkplatz. Er wirkte etwa 25-jährig, war gross und blond», sagt die 57-Jährige. Sie muss aus der Erinnerung erzählen, denn das Foto existiert nicht mehr. «Ich habe das Bild bewacht wie einen Schatz. Jeden Tag habe ich es mir vor dem Schlafengehen angesehen. Als ich fünf Jahre alt war, erwischte mich meine Mutter allerdings dabei. Sie nahm mir das Foto weg und zerriss es», sagt die Spanierin niedergeschlagen. Von ihrer Grossmutter wisse sie nur noch vier weitere Dinge über ihren Vater: Er hiess ziemlich sicher Andrea, war Schweizer, protestantisch und hatte eine Schwester.

Kurze Zeit nach dem Besuch des Vaters in Zaragoza sei ihre Familie umgezogen. Damit ging wahrscheinlich auch die letzte Kontaktmöglichkeit, die Andrea zu seiner Tochter hatte, verloren.

Olga, eine ehemalige Freundin der Mutter, als letzte Hoffnung

Aufgrund der konservativen Einwanderungspolitik im Thurgau der 60er-Jahre lebten die meisten Frauen, die als Textilarbeiterinnen arbeiteten, nur wenige Jahre in Amriswil und kehrten dann zurück in ihre Heimat – ausser natürlich, sie heirateten einen Schweizer. María Dolores Ponzán hofft deshalb, dass genau jene Frauen, ehemalige Freundinnen, Mitbewohnerinnen oder Arbeitskolleginnen ihrer Mutter, die noch immer im Thurgau leben, ihr Hinweise geben können.

Mutter Conchita Ponzán mit der dreijährigen María Dolores in Spanien.

Mutter Conchita Ponzán mit der dreijährigen María Dolores in Spanien.

Bild: PD

Von einer sehr engen Freundin ihrer Mutter während ihrer Zeit in Amriswil wisse sie: Olga, ebenfalls eine Spanierin. Aber auch hier fehlen mehr Informationen. «Ich bin mir sicher, dass Olga meinen Vater gekannt hatte. Olga heiratete einen Österreicher, der ziemlich sicher mit meinem Vater befreundet war», sagt Ponzán. Aber auch Olga und ihren Mann konnte die 57-jährige María Dolores Ponzán bisher nicht aufspüren, denn das Paar sei auf die Kanaren ausgewandert.

Hinweise willkommen

María Dolores Ponzán freut sich über jeden Hinweis zu ihrem Vater oder Olga, der Freundin ihrer Mutter. Erreichbar ist sie unter der folgenden E-Mail-Adresse: spanish-woman-searches-father@hotmail.com

Quelle zu historischen Eckdaten: Amriswil. Von der Mitte des 19. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Stefan Länzlinger, Thomas Meyer, Martin Lengwiler. Amriswil 1999. Grob Druck AG.

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