Ambulanter Entzug
«Trocken in fünf Tagen»: Kanton St.Gallen lanciert neuartigen Alkoholentzug

Am 15. November startet ein flächendeckendes Angebot für einen ambulanten Alkoholentzug. Wer sich dazu entschliesst, kann im persönlichen Umfeld bleiben und allenfalls weiter arbeiten. Die Personen werden professionell von den regionalen Suchtfachstellen und den Hausärztinnen und -ärzten begleitet.

Christoph Zweili
Drucken
Teilen
Alkohol hat im Herbst und Winter Hochkonjunktur – gerade auch an Weihnachtsanlässen. Das neue Angebot des ambulanten Alkoholentzugs richtet sich auch an Personen, die einfach mal pausieren möchten.

Alkohol hat im Herbst und Winter Hochkonjunktur – gerade auch an Weihnachtsanlässen. Das neue Angebot des ambulanten Alkoholentzugs richtet sich auch an Personen, die einfach mal pausieren möchten.

Bild: Getty

Im Kanton St.Gallen wird ab Mitte November ein schweizweit einzigartiges Programm für einen fünftägigen ambulanten Alkoholentzug neu flächendeckend angeboten. In enger Zusammenarbeit mit den Hausärztinnen und Hausärzten bieten die Suchtberatungsstellen ein kostenloses, niederschwelliges und wohnortnahes Angebot für all jene St.Gallerinnen und St.Galler sowie die Einwohner des Kantons Appenzell Innerrhoden an, die ihren Alkoholkonsum einstellen oder über einen längeren Zeitraum pausieren wollen.

Warum lanciert St.Gallen die Ausstiegsinitiative gerade jetzt? Hat der grösste Ostschweizer Kanton ein Alkoholproblem? «Nein, wir haben die gleichen Probleme wie die anderen Kantone auch», sagt Gesundheitschef Bruno Damann. Der Alkohol habe im Herbst und Winter aber Hochkonjunktur – «an Messen und Märkten, Advents- und Weihnachtsanlässen wird vermehrt Alkohol konsumiert».

Bruno Damann, Gesundheitschef Kanton St.Gallen.

Bruno Damann, Gesundheitschef Kanton St.Gallen.

Bild: Benjamin Manser

Jede fünfte Person in der Schweiz trinkt Alkohol missbräuchlich

Die Suchtfachleute Regine Rust, Geschäftsleiterin Stiftung Suchthilfe St.Gallen, Hermann Gander, Leiter Suchtberatung Region Wil, und Vitus Hug, Leiter Beratung Blaues Kreuz St.Gallen-Appenzell, giessen das Suchtverhalten in Zahlen. Demnach sind in der Schweiz rund 250'000 Personen chronisch alkoholabhängig, jedem Fünften ab 15 Jahren wird ein risikoreicher Alkoholkonsum attestiert. Das heisst: Diese Person trinkt regelmässig zu viel, zu oft oder zur falschen Zeit alkoholhaltige Getränke.

Regine Rust, Leiterin der Stiftung Suchthilfe.

Regine Rust, Leiterin der Stiftung Suchthilfe.

Bild: Michel Canonica

Regine Rust verweist auf statistische Daten zur «schleichenden Regelmässigkeit»: 14,9 Prozent der Männer und 7,1 Prozent der Frauen konsumierten 2017 täglich Alkohol. Beim chronisch riskanten Konsum liegen die beiden Geschlechter nicht mehr weit auseinander – 5,2 Prozent sind es bei den Männern, 4,1 Prozent bei den Frauen.

Rust sagt:

«Was uns insgesamt Sorgen macht, ist das zunehmende Rauschtrinken in jungen Jahren und ein zunehmend chronischer Risikokonsum – mit und ohne Rauschtrinken – mit ansteigendem Alter.»

Laut Statistik betrinken sich 20,7 Prozent der Männer und 11,1 Prozent der Frauen mindestens einmal im Monat. Der grosse Teil der Schweizer Bevölkerung kann laut Rust aber mit Alkohol umgehen.

Hermann Gander, Leiter Suchtberatung Region Wil.

Hermann Gander, Leiter Suchtberatung Region Wil.

Bild: PD

Da hakt Hermann Gander ein. Der «Alkoholentzug» könne zum Beispiel auch bedeuten, für eine gewisse Zeit auf Alkohol zu verzichten. Der amtsälteste Suchtberater im Kanton wirbt für den flächendeckenden Ansatz des neuen St.Galler Modells, der schweizweit einzigartig sei:

«Oberste Priorität hat, dass wir rasch an die Leute herankommen. Auch an Personen, die nicht das Gefühl haben, dass sie zu viel trinken.»

Laut dem kantonalen Suchtgesetz werden die Suchtberatungsstellen von den Gemeinden betrieben – «nun kommt der Kanton für die Kosten der professionellen psychosozialen Begleitung auf», sagt Gander. Fürs erste Betriebsjahr erhalten die neun beteiligten Suchtfachstellen St.Gallen und Rorschach, die Suchtberatung Region Wil, die sozialen Fachstellen Toggenburg sowie die Regionalen Beratungszentren in Uznach und Rapperswil-Jona, die Sozialen Dienste Sarganserland und Werdenberg sowie das Blaue Kreuz St.Gallen-Appenzell je 10'000 Franken vom Kanton.

Ambulante Angebote für Kooperation erweitert

Die bereits bestehenden Angebote der Suchtberatungsstellen der Sozialen Dienste Sargans (seit 2008) und Werdenberg sowie dem Blauen Kreuz St.Gallen-Appenzell (beide seit 2017) werden nun mit Unterstützung aus dem Alkoholzehntel – 10 Prozent des jährlichen Reingewinns aus der schweizweiten Spirituosenbesteuerung - auf die weiteren Beratungsstellen erweitert.

Vitus Hug, Leiter Beratung Blaues Kreuz St.Gallen-Appenzell.

Vitus Hug, Leiter Beratung Blaues Kreuz St.Gallen-Appenzell.

Bild: PD

Vitus Hug, Leiter Beratung beim Blauen Kreuz, hat eine über 50-prozentige Erfolgsquote des bereits bestehenden ambulanten Alkoholentzugs ab September 2017 errechnet. Von 54 angemeldeten Personen haben 34 den Entzug begonnen, 32 (19 Männer und 13 Frauen) haben ihn abgeschlossen – «die meisten ohne Probleme».

Fünf Personen wurden laut Hug abgelehnt, weil der Alkoholkonsum für den ambulanten Entzug zu hoch war. Hier führe nichts an der stationären Alkohol-Kurzzeittherapie vorbei, die es am Spital Wattwil seit über 30 Jahren gibt. «Das ambulante Angebot soll auf keinen Fall eine Konkurrenz zum stationären Angebot sein», sagt auch Gesundheitschef Damann, der ehemalige Hausarzt:

«Es gilt für jeden Fall herauszufinden, was die richtige Behandlung ist. Oft braucht es für den Ausstieg aus der Sucht mehrere Anläufe.»

Damann wiederholt, was zuvor das Gesundheitsdepartement bereits gesagt hat: Die Berit Klinik zeigt am Standort Wattwil Interesse, den stationären Alkoholentzug weiter zu führen. Die Privatklinik hat dafür ein Gesuch beim Kanton eingereicht, um zu einem Leistungsauftrag zu kommen: «Dieses wird jetzt geprüft.»

www.alkoholentzug-sg.ch

So läuft der Ausstieg ab

Die Suchtfachstellen haben ein klares Vorgehen für den Einstieg zum ambulanten Alkohol-Ausstieg definiert:
-     Die Anmeldung erfolgt bei einer Suchtfachstelle im Kanton.
-     Die Suchtfachstelle erstellt nach Rücksprache mit der Hausärztin oder dem Hausarzt und dessen Einwilligung ein individuelles Programm – es ermöglicht, innert fünf Tagen den Alkoholkonsum auf Null zu bringen. Die betroffene Person kann während dieser Zeit in ihrem Umfeld bleiben. Im besten Fall ist der Entzug ohne Fehlzeiten am Arbeitsplatz möglich.
-     Mit der zuständigen Suchtfachperson wird möglichst rasch ein Termin gesucht.
-     Am Sonntag (spätestens um 18 Uhr) erfolgt der Trinkstopp.
-     Am Montag gibt es ein erstes Gespräch im Rahmen des ambulanten Entzugs.
-     Der Ausstieg wird begleitet: Bis Freitag gibt es täglich 30- bis 45-minütige Gespräche bei der Suchtfachstelle.
-     Am Abschlussgespräch am Freitag wird unter anderem auch eine Nachbehandlung vereinbart.
-     Anschliessend wird der Hausarzt über den Verlauf des Programms informiert.
-     Von der Anmeldung bis zum abgeschlossenen ambulanten Alkoholentzug dauert es zwei bis vier Wochen.
-     Die ärztlichen Leistungen werden von der Krankenversicherung übernommen, die Beratung ist kostenlos. (cz)

Aktuelle Nachrichten