AMATEURSPORT: Lieber ein Minus statt falsche Freunde

Ende Juni wird St. Gallen zum europäischen Zentrum für Hobby-Fussballer: Am Open-Air-Wochenende wird auf dem Espenmoos die Alternative Fussball-Europameisterschaft ausgetragen. Einzelne Hürden gibt es aber noch.

Roman Hertler
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«Weshalb sollten wir einen Gewinn erwirtschaften?»: Fynn Wohlgensinger und Roman Rutz im Espenmoos. (Bild: Benjamin Manser)

«Weshalb sollten wir einen Gewinn erwirtschaften?»: Fynn Wohlgensinger und Roman Rutz im Espenmoos. (Bild: Benjamin Manser)

Roman Hertler

roman.hertler

@tagblatt.ch

Eigentlich wollten sie den St. Galler Rüpel-Barden und ausgewiesenen Abseits-Experten Jack Stoiker als Linienrichter anheuern. Dieser hatte zunächst mit einer Antwort auf sich warten lassen. Als das Open Air dann die zweite Tranche des Line-ups veröffentlichte, war klar, warum: Stoikers Band Knöppel war für die Sternenbühne gebucht worden. Sie werden nicht die Einzigen sein, die am Wochenende vom 30. Juni bis 2. Juli im Sitter-Sumpf statt auf dem Espen-Rasen auflaufen werden. Das stört Roman Rutz und Fynn Wohlgensinger, Presseverantwortliche der Alternativen Fussball-Europameisterschaften AEM, wenig. Fussballbegeisterte werden erscheinen, sind sie überzeugt. Ein anderes Datum wäre wegen der Platzbelegung ohnehin nicht möglich gewesen. Wie kommt es aber dazu, dass die AEM, die zuvor mehrere Jahre in Berlin und 2016 im irischen Galway ausgetragen wurde, überhaupt in St. Gallen stattfindet? Wie schon die Gründung der «Brodwurschtliga» (siehe Zweittext) sei es anfänglich eine Bieridee gewesen, erklärt Rutz. «Für Berlin und Galway haben wir jeweils eine St. Galler Auswahl zusammengestellt und haben an den AEM teilgenommen», erzählt er. «Der Organisator in Berlin hat uns im Halbernst gefragt, ob wir die EM nicht einmal bei uns austragen wollten. Wir haben ein Weilchen darüber nachgedacht und uns dann dazu entschlossen.»

Allfälliges Kassenplus wird zurückerstattet

Nun sind die Vorbereitungen im vollen Gang. Das Espenmoos ist gebucht. Die Stadt unterstützt die AEM mit einem Beitrag von 1000 Franken, wobei die Stadionmiete alleine 1600 Franken verschlingt. Jedes Team, das sich anmeldet, muss einen Unkostenbeitrag von 200 Franken entrichten. «Dafür gibt es am Samstag und am Sonntag je ein Mittagessen für alle Spieler», sagt Fynn Wohlgensinger. Allgemein ist das Budget äusserst eng bemessen. Ob man offizielle Turniersponsoren überhaupt anfragen wollte, war im OK umstritten. Man ist zwar durchaus offen für wohlwollende Zuwendungen, aber Werbebanner grosskapitalisierter Weltkonzerne wird man am Rande der AEM vergeblich suchen. Lieber ein Minus statt die falschen Freunde, so die Devise. «Weshalb sollten wir auch Gewinn erwirtschaften?», fragt Rutz. «Das ist nicht der Zweck des Turniers.» Sollte in der Schlussrechnung wider Erwartens ein Plus resultieren, wird das Geld in irgendeiner Form zurückerstattet, etwa mit Freibier oder Teilrückzahlungen der Teilnahmegebühren.

Unterkunft im Pfadiheim – Party im «Engel»

Hauptschwierigkeit für die Organisatoren ist nicht das Geld, sondern die Teilnehmer. «Der Alternativ-Fussball hat ausserhalb des deutschsprachigen Raums kaum Tradition», sagt Rutz. Und ausserdem sei es so, dass auch in Deutschland und Irland jeweils vor allem Diaspora-Mannschaften aus der Region angetreten waren. Da die Mannschaften Reise und Unterkunft selbst finanzieren müssen, ist die Schwelle, international aufzulaufen, hoch. Hier bietet das OK Hilfestellung: Einige Teilnehmer werden etwa im Pfadiheim auf Dreilinden untergebracht. Bis jetzt sind nebst der St. Galler Auswahl Teams aus Bern und Zürich, zwei Berliner Equipen (Bulibären Auswahl 17 und FC Kickers Pufendorfer) und der Titelverteidiger aus Köln (CCL Allstars) angemeldet. Im Gespräch sind Teams aus Irland und Österreich. Auch dabei ist der mittlerweile fest in der St. Galler Alternativ-Liga verankerte FC Somalia, der seinerseits jeweils im Winter ein Hallenturnier veranstaltet.

Für das leibliche Wohl ist ebenfalls gesorgt. Im Espenmoos wird es einen Grill mit Würsten und Vegetaria und den obligaten Zapfhahn geben. Am Samstagabend steigt im «Schwarzen Engel» eine AEM-Party, inklusive Afterhour in der «Tankstelle». Als Stadion-Speaker wurde FM 1-Redaktionsleiter Ralph Weibel engagiert, der vergangenes Jahr spontan mit den St. Gallern nach Irland gereist war. «Ich habe nur unter der Bedingung zugesagt, dass ich kein Englisch sprechen muss», sagt Weibel. «Ans Open Air gehe ich sowieso nicht. Nur manchmal am Freitagabend, um überall schnell den Grüssaugust zu machen.»

aem.alternativeflsg.ch